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Kolumne Homo oeconomicus Samirah Kenawi: Arbeit erobert nicht alles – Geld aber durchaus

Der Kapitalismus sorgt dafür, dass Erwerbsarbeit verschwindet. Aber: Die Arbeit wird nicht weniger, sondern einfach nicht erledigt, weil die Rendite nicht stimmt.
  • Samirah Kenawi
05.11.2020 - 08:53 Uhr Kommentieren
Die in der DDR aufgewachsene Kolumnistin ist studierte Forstwissenschaftlerin. Seit Jahrzehnten liest sie sich durch die ökonomische Literatur – auf der Suche nach gesellschaftlichen Alternativen zu unserer derzeitigen Wirtschaftsordnung. Quelle: privat
Samirah Kenawi

Die in der DDR aufgewachsene Kolumnistin ist studierte Forstwissenschaftlerin. Seit Jahrzehnten liest sie sich durch die ökonomische Literatur – auf der Suche nach gesellschaftlichen Alternativen zu unserer derzeitigen Wirtschaftsordnung.

(Foto: privat)

Den Spruch, der mich zum Nachdenken über Arbeit im Kapitalismus anregte, entdeckte ich hoch oben am Krochhochhaus in Leipzig: „Omnia vincit labor“, stand dort. Auf dem Turmdach über dieser Inschrift stehen zwei, jeweils über drei Meter hohe Glockenmänner. Ihre Hammerschläge auf eine große und eine kleine Glocke zeigen die Stunden und Viertelstunden an – und geben so der vergehenden Zeit einen Sound.

Sowohl die Geschichte des im Jahr 1928 errichteten Bankgebäudes als auch alternative Übersetzungen des Sinnspruchs liefern Grund zum Nachdenken. 1928 – das war in den Goldenen Zwanzigern. Doch dieses angeblich goldene Jahrzehnt war eingezwängt zwischen die Hyperinflation 1923 und der beginnende Weltwirtschaftskrise 1929, die in Deutschland 1931 in einer Deflationskrise mit Massenarbeitslosigkeit mündete. Vor diesem Hintergrund wirken Übersetzungen des Sinnspruchs mit „Arbeit überwindet alles“ oder „Arbeit siegt über alles“ fehl am Platz.

Das gilt heute mehr denn je. Denn inzwischen reden einige – und das interessanterweise voller Schrecken – vom bevorstehenden Ende der Arbeit. Tatsächlich hat ausgerechnet der Kapitalismus das erstaunliche Phänomen der Arbeitslosigkeit hervorgebracht. Zwar jagt Arbeit den einen Teil der Menschen bis zum Burn-out, doch zugleich wird einem anderen Teil eine Arbeitserlaubnis verwehrt. Andere werden trotz Arbeitserlaubnis allmählich zu überflüssigen Menschen, deren Fähigkeiten niemand mehr zu brauchen scheint.

Bei genauem Hinsehen geht uns weder die Arbeit aus, noch ist jemand wirklich zu Untätigkeit gezwungen. Was uns ausgeht, ist die Lohnarbeit. Nicht Arbeitslosigkeit, sondern Erwerbslosigkeit hat der Kapitalismus hervorgebracht. Arbeiten dürfen alle: ehrenamtlich, unbezahlt, als Praktikanten und Praktikantinnen und Ähnliches. Für solche Arbeit wird geworben. Sie wird oft dringend gebraucht.

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    Auch sonst mangelt es nicht an Arbeit, die getan werden sollte. Nicht nur Schulen verfallen, nicht nur digitale Netze müssten ausgebaut werden. Aber: Viele notwendige Arbeiten werden nicht erledigt, weil sie niemand bezahlen will. Arbeit erobert also nicht alles. Sie zieht sich zurück, wenn die Rendite nicht stimmt.

    Auf der anderen Seite schlägt bezahlte Arbeit Schneisen der Verwüstung in die Welt. Vegetationsflächen werden zu Müllhalden. Profitträchtige Lohnarbeit überwindet alles – genauer gesagt alles Lebendige. Nicht Arbeit, sondern Geld hat jeden Winkel der Erde wie der Gesellschaft erobert. „Omnia vincit pecunia – Alles erobert das Geld“ hätte auch besser an die Fassade eines Bankhauses gepasst.

    Doch das wäre zu verräterisch gewesen. In „Omnia vincit labor“ steckt die – trotz politischer Distanz – tief verwurzelte marxistische Ideologie, Arbeit sei die Quelle allen Reichtums. Aber stimmt das? Nein: Die Gewinnmargen an den Finanzmärkten oberhalb des realwirtschaftlichen Wachstums legen nahe, dass Geldakkumulation nicht zwingend Warenproduktion, in jedem Fall aber Geldschöpfung braucht.

    Mehr: Die Vor- und Nachteile des bedingungslosen Grundeinkommens.

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