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Kolumne – Asia Techonomics Singapur lässt sich das Laborhühnchen schmecken – Europa verpasst den wichtigen Ernährungstrend

Die Zukunft unserer Lebensmittel wird in Asien entschieden: Singapur serviert bereits echtes Fleisch ohne tote Tiere. Der Staat investiert kräftig.
21.04.2021 - 14:41 Uhr 3 Kommentare
Halbleiter, Chip Quelle: Klawe Rzeczy
Asia Techonomics

In der wöchentlichen Kolumne schreiben wir im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in Asien.

(Foto: Klawe Rzeczy )

Kulinarisch gibt es gerade kaum einen Ort auf der Welt, der aufregender ist als Singapur. Zwar spiegelt sich die kulturelle Vielfalt des kleinen Stadtstaats schon seit Jahrzehnten in Tausenden Essenständen wider mit chinesischen Nudelgerichten, indischem Biryani und malaysischem Curry für ein paar Euro. Gleichzeitig ist das wohlhabende, tropische Finanzzentrum auch bekannt für seine noble Sterneküche. Doch die neue Führungsrolle hat einen anderen Grund.

Singapur ist für Ernährungsinnovationen so offen wie kein anderes Land und bietet sich mit gezielter Wirtschaftsförderung als Experimentierfeld für neue Nahrungsmittel-Technologien an. Während die Europäische Union die Erfinder neuer Lebensmittel mit langen Zulassungsverfahren abschreckt, lockt die Regierung des 5,5-Millionen-Einwohner-Staats nun auch deutsche Unternehmen an, um in Südostasien an der Zukunft des Essens zu arbeiten.

Einen Vorgeschmack auf diese Zukunft bekommen die singapurischen Großstädter schon heute – zum Beispiel im Restaurant 1880. Das Lokal am Ufer des Singapore River setzte vor einigen Wochen eine Weltneuheit auf die Speisekarte: Hühnchenfleisch, das komplett im Labor gezüchtet wurde. Es stammt vom kalifornischen Food-Start-up Eat Just, das Fleisch aus Zellkulturen züchtet.

Singapurs Lebensmittelaufsicht war Ende 2020 die erste weltweit, die das Fleisch aus der Retorte für den Verkauf an Konsumenten zugelassen hatte.

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    Dabei hatte ursprünglich Europa die Chance, echte Pionierarbeit zu leisten. Eat Just war vor drei Jahren in den Niederlanden vorstellig geworden – das Land hatte die Forschung an dem sogenannten In-vitro-Fleisch, für das kein Tier sterben muss, entscheidend vorangetrieben.

    Die Lebensmittelaufsicht des Staates war Ende 2020 die erste weltweit, die das Fleisch aus der Retorte für den Verkauf an Konsumenten zugelassen hat. Quelle: Bloomberg
    Skyline von Singapur

    Die Lebensmittelaufsicht des Staates war Ende 2020 die erste weltweit, die das Fleisch aus der Retorte für den Verkauf an Konsumenten zugelassen hat.

    (Foto: Bloomberg)

    Doch statt die fleischgewordene Innovation mit freundlicher Neugier zu begrüßen, ließen die niederländischen Behörden die Produkte von Eat Just aus dem Verkehr ziehen – unter Verweis auf eine fehlende EU-Zulassung. Eat-Just-Chef Josh Tetrick verlor die Geduld mit Europa – und zog nach Asien weiter.

    Singapurs Staatsfonds Temasek investiert in Essens-Start-ups – auch von deutschen Gründern

    Während die EU einen der womöglich wichtigsten Trends auf der Suche nach nachhaltigen Lebensmitteln zu verschlafen droht, hat sich Singapurs Aufgeschlossenheit auch bei anderen Unternehmen herumgesprochen. Das Start-up Shiok Meats arbeitet in der Metropole an Labor-Shrimps. Die beiden Gründerinnen sind schon fast am Ziel: Die Meeresfrüchte aus der Zellkultur lassen sich bereits jetzt herstellen – mit 5000 Dollar pro Kilogramm sind sie nur noch ein wenig teuer.

    Der deutsche Lebensmittelunternehmer Timo Recker ist schon ein paar Schritte weiter: Er hat jahrelang mit innovativen Fleischersatzprodukten in Europa sein Glück versucht. Jetzt findet er Singapur aber spannender: Mit seinem neuen Start-up Next Gen Foods ist er seit ein paar Monaten in der Metropole ansässig und vertreibt dort ein Produkt, das wie Hähnchenfleisch aussieht und schmeckt, aber eigentlich rein pflanzlich ist.

    Statt mit Regulierungswut reagierten die Behörden mit einem Empfang, der kaum herzlicher sein könnte: Im Februar stieg sogar Singapurs mächtiger Staatsfonds Temasek bei dem Start-up ein – im Rahmen einer ersten Finanzierungsrunde, die Reckers Unternehmen zehn Millionen Dollar einbrachte.

    Die staatliche Investmentfirma Temasek aus Singapur hat gemeinsam mit Bayer ein Start-up gegründet, das an speziellem Saatgut für den Einsatz in mehrstöckigen Gewächshäusern arbeitet. Quelle: Bayer AG
    „Vertikale Farm“

    Die staatliche Investmentfirma Temasek aus Singapur hat gemeinsam mit Bayer ein Start-up gegründet, das an speziellem Saatgut für den Einsatz in mehrstöckigen Gewächshäusern arbeitet.

    (Foto: Bayer AG)

    Das Temasek-Engagement zeigt den hohen strategischen Stellenwert, den Singapur den Ernährungsinnovationen einräumt: Die staatliche Investmentfirma hat bereits im vergangenen Jahr gemeinsam mit Bayer ein neues Start-up gegründet, das an speziellem Saatgut für den Einsatz in sogenannten „vertikalen Farmen“ arbeitet – also mehrstöckigen Gewächshäusern, die die Landwirtschaft mitten in Großstädte bringen. Temasek baut in Singapur zudem ein Food Tech Innovation Center auf, das Start-ups gezielt zum Experimentieren einlädt.

    Singapur will mehr Lebensmittel selbst produzieren

    Der Staatsinvestor will mit der Innovationsförderung zu Singapurs Ziel beitragen, die Eigenproduktion von Lebensmitteln von zuletzt lediglich zehn auf 30 Prozent im Jahr 2030 zu steigern. Als dicht besiedeltem Stadtstaat bleibt dem Land kaum etwas anderes übrig, als dabei auf neue Technologien zu setzen. Aus dem Standortnachteil des Platzmangels macht Singapur so ein neues Alleinstellungsmerkmal, das reihenweise ausländische Investitionen anlockt.

    Der Schweizer Technologiekonzern Bühler will noch in diesem Jahr in Singapur ein Innovationszentrum für pflanzenbasierte Nahrungsmittel starten. Auch das deutsche Agrar-Tech-Start-up &ever plant seine globale Forschungsabteilung in der Metropole.

    Angesichts der geballten Kraft der Forscher und Erfinder dürften die Innovationen aus dem fernen Osten künftig auch die Küchen der Welt prägen. Wohin die kulinarische Reise geht, bestimmen die Experimentierfreudigen. Für die Nachzügler in Europa gilt dann wohl: Gegessen wird, was auf den Tisch kommt.

    In der Kolumne Asia Techonomics schreiben Nicole Bastian, Dana Heide, Martin Kölling, Mathias Peer und Stephan Scheuer im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in der dynamischsten Region der Welt.

    Mehr: Hyundai Motor beweist ostasiatische Gelassenheit bei einer zentralen Großinvestition in der Robotik

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    3 Kommentare zu "Kolumne – Asia Techonomics: Singapur lässt sich das Laborhühnchen schmecken – Europa verpasst den wichtigen Ernährungstrend "

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Europa verpasst wichtigen Trend - wiedermal.....

    • Super, dass ihr eine extra Kolumne über Asien aufgemacht habt und wöchentlich berichtet.
      Bitte weiter so, damit unser Blick sich nicht zu stark auf die westliche Weltsicht aus Europa und USA verkürzt.
      Gerne auch noch mehr insights über das Geschehen in China.

    • Wieso verpassen wir einen Trend? Herr Peer sollte an die Landwirte und Hühnerhalter denken, deren Existenzgrundlage damit entzogen werden würde. Und schließlich wollen wir doch alle auch Eier essen.

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