City Talk Die lockere Zunge der Deutschen schreckt die Banker

Wenn es um die Kommunikation mit den Finanzmärkten geht, sind die Deutschen nicht gerade Weltmeister. Ein gefährliches Defizit in Zeiten der Schuldenkrise.
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Michael Maisch ist Korrespondent in London. Quelle: Pablo Castagnola

Michael Maisch ist Korrespondent in London.

(Foto: Pablo Castagnola)

Freunde werden Wolfgang Schäuble und die Banker in der Londoner City wohl nicht mehr. Irritationen und Missverständnisse gab es bereits reichlich in den vergangenen Jahren, aber mit seinem Vorstoß, auch private Gläubiger an den Kosten für die Sanierung überschuldeter Euro-Staaten zu beteiligen, hat der deutsche Finanzminister die Geldmanager gründlich verschreckt. Für den Anleihechefhändler einer großen internationalen Investmentbank sind die deutschen Politiker schlicht ein "asymmetrisches Karriererisiko". Im Klartext heißt das, dass die Banker die Deutschen für unberechenbar halten. So unberechenbar, dass sie die Finanzmärkte mit ihren überraschenden Vorstößen in Kursturbulenzen stürzen, die die Banker um ihren Job fürchten lassen.

Ist das nur das Gejammer einiger überbezahlter Investmentbanker, die sich nach ihren Missetaten in der Finanzkrise nicht so haben sollten? Oder steckt nicht doch ein bisschen mehr hinter den Klagen aus der Londoner City?

Im Prinzip liegen die Deutschen völlig richtig mit ihrer Forderung, dass auch die Anleihegläubiger in Zukunft einen Teil der Lasten tragen müssen, sollte ein Euro-Land auf den Staatsbankrott zusteuern. Schließlich mussten die Investoren auch in den diversen Schuldenkrisen in den Emerging Markets von Russland bis Argentinien auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten, und die Probleme mancher Euro-Länder unterscheiden sich gar nicht so sehr von den Schwierigkeiten, mit denen die Schwellenländer damals zu kämpfen hatten.

Aber die Entscheidung der Deutschen, gerade jetzt dieses Prinzip durchzufechten, ist gefährlich. In Zeiten, in denen die Märkte ohnehin hypernervös sind, plötzlich die Spielregeln grundlegend zu verändern, konnte nur zu Chaos an den Märkten führen. Wenn Staatsanleihen aus der Euro-Zone, die die Investoren bislang für sicher hielten, plötzlich zu einer unsicheren Größe werden, bleibt vielen Anlegern gar nichts anderes übrig, als die Bonds auf den Markt zu werfen - oder sich, so gut es eben geht, gegen ein Ausfallrisiko abzusichern. Auch wenn das die Risikoprämien für die Euro-Schuldenstaaten immer weiter in die Höhe treibt und die Schuldenkrise damit weiter verschärft.

Aus Sicht der einzelnen Investoren war die Panik der vergangenen Woche durchaus rational. Genauso rational wie der Vorstoß Schäubles, einen dauerhaften Mechanismus für die Krisenbewältigung zu finden. Aber die Deutschen sollten versuchen, etwas mehr Verständnis für die Sensibilität der Märkte zu entwickeln. Der rabiate Vorstoß zerstörte nicht nur in der Londoner City viel Vertrauen. Auch die Regierungen von Spanien, Irland und Portugal waren alles andere als erfreut. Verhärten sich die Fronten weiter, werden die Aussichten für eine halbwegs glimpfliche Lösung der Euro-Krise noch geringer, als sie es ohnehin schon sind.

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5 Kommentare zu "City Talk: Die lockere Zunge der Deutschen schreckt die Banker"

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  • Der Autor hat völlig Recht, so ärgerlich das auch sein mag. Aber nicht jede Wahrheit kann ohne Schaden offen und unverblümt ausgesprochen werden.
    Da geht es gar nicht um die banker, sondern eher um die Anleger, die wie alle Menschen, die Realitäten meist erst nach offensichtlichen Ereignissen wahrnehmen und dann verspätet und überzogen reagieren. Letztlich geht es darum diese Anpassungen gemächlich vorzunehmen und nicht durch eine "Axt im Walde" die üblichen Herdentriebe zu verursachen.
    Geldanlage ist immer eine Wette auf die Zukunft und insofern immer vom Glauben oder Aberglauben der Anleger abhängig.
    Das muss man berücksichtigen, will man dem Problem gerecht werden.

    H.

  • Ja ja wir Deutschen, könnten wir nicht ein bisschen sensibler sein und die Kreise des internationalen Pyramidenspiel-Finanzkapitals weniger stören und stattdessen uns in die Schar der bewunderer von des Kaisers neuen Kleidern einreihen und brav die Suppe auslöffeln die man uns vorsetzt? Nein, können wir nicht, der betrugszirkus geht schon viel zu lange und jetzt sollen wir ihn auch noch direkt bezahlen. Never ever!

    Wie konnten die iren ein liebenswertes Volk von Schafzüchtern die Deutschen innerhalb weniger Jahre im Pro-Kopf-Einkommen überholen? Welche realen Güter werden dort erzeugt, dass einen solcher Wohlstandszuwachs erklärt werden könnte? Und wenn es keine gibt, ist dann nicht das ganze Finanzsystem, mit dem so etwas herbeiphantasiert werden kann, nicht ein einziger betrug?

    Die Erdung und Wiederankopplung an die Realwirtschaft dieser betrugs-Krake Finanzsystem muss Schmerzen verursachen. Aber an diesen Schmerzen sind nicht die Deutschen schuld, sondern jene die das Finanzsystem an vorderster Front in diese Verwahrlosung geführt haben! Wir Deutsche waren diesmal nicht Führer sondern nur Mitläufer - aber letzteres schon viel zu lange!

    Und es geht ja nicht darum am deutschen Wesen die Welt genesen zu lassen, auch wenn sich unser Wirtschaftsmodell sicher nicht verstecken muss. Soll doch jeder machen, was er für richtig hält. Nur bezahlen werden wir für den Voodoo-Kapitalismus nur unser eigenes Lehrgeld und das wird hoch genug sein.

  • Da müssen sich die englischen bankster halt ein beispiel an den Schweizern nehmen und ein wenig "enger" mit unseren Politikern zusammenarbeiten: z.b. hat UbS neulich Roland Koch zum Aufsichtsratschef ernannt...
    Wenn man bedenkt, was seit der Krise an Finanzmarktreformen umgesetzt wurde, läuft doch eh alles super für die Heuschrecken.

  • Unglaublich dieses Vorhaben, private Gläubiger tatsächlich an den Kosten für die Sanierung überschuldeter Euro-Staaten beteiligen zu lassen! Eine Selbstverständlichkeit, eigentlich, die jedoch in unserer heutigen wirren Zeit einer Majestätsbeleidigung gleicht, verdirbt man doch so auf mieseste Art und Weise den free lunch, der mit harter, ehrlicher Arbeit erkämpft wurde…
    Womit begründen sich eigentlich unterschiedlich hohe Risikoaufschläge auf die diversen Staatsanleihen der Eurozone, wenn die geltenden Spielregeln diese Schuldtitel als sicher erscheinen lassen? Wie lange sollen wir uns eigentlich von dieser Meute an gierigen, ignoranten, selbstsüchtigen, eitlen, missgünstigen und wolllüstigen Finanzmaktakteuren am Ring durch die Manege ziehen lassen? Wie lange müssen wir es uns noch zumuten, dass man diesen paranoiden Haufen als „Märkte“ anonymisiert und damit ein begriff demontiert, der einst für eine effiziente Koordination von Angebot und Nachfrage sowie die beförderung des Allgemeinwohls stand?

  • London als Finanzplatz ist quasi beendet, was soll das Getue? Warum künstliche Rücksicht auf ein Mitgliedsland nehmen welches blockiert, überzogene Forderungen stellt, noch nicht mal den Euro eingeführt hat und sich sowieso eher der US als der EU Sphäre zugehörig fühlt?

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