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EU-Kolumne Wie ausgerechnet China Europa durch den Winter rettet

Auf ihrer LNG-Einkaufstour kommt den Europäern die Konjunkturschwäche Chinas zugute. Doch so wird es nicht bleiben: Der globale Verteilungskampf um LNG hat gerade erst begonnen.
25.10.2022 - 12:17 Uhr Kommentieren
Die Führung in Peking hält trotz der negativen Folgen für die Wirtschaft an ihrer Corona-Politik fest. Quelle: AP
Medizinisches Personal in Peking

Die Führung in Peking hält trotz der negativen Folgen für die Wirtschaft an ihrer Corona-Politik fest.

(Foto: AP)

Auf den Führungsetagen der EU-Kommission wird derzeit eine Präsentation herumgereicht, die Daten und Diagramme über den Gasmarkt zusammenträgt. Die Abbildung auf Seite zehn sticht besonders hervor: „Die EU-Importe von LNG profitieren von niedriger chinesischer Nachfrage“, lautet die Überschrift. Wenige Worte, die viel aussagen über die große geopolitische Herausforderung im Herbst 2022: die Energiekrise der EU und das komplexe Verhältnis zwischen Europa und China.

So viel zum Hintergrund: In nie da gewesener Menge landen Europas Häfen derzeit verflüssigtes Erdgas an, die Fachwelt spricht von „liquefied natural gas“ oder eben LNG. Da Russland die Lieferungen von Pipelinegas weitgehend eingestellt hat, drei von vier Nord-Stream-Stränge sogar unter höchst verdächtigen Umständen explodiert sind, jagen die Europäer LNG-Schiffen aus den USA, Kanada und Katar hinterher. Einer der Hauptfaktoren für die Einkaufserfolge der Europäer auf dem Weltmarkt ist der Ausfall ihres wichtigsten Konkurrenten – der Volksrepublik China.

Die Grafik der Kommission zeigt, dass asiatische Länder zwischen Januar und September gegenüber dem Vorjahreszeitraum 19 Milliarden Kubikmeter Flüssiggas weniger eingeführt haben. 17 Milliarden Kubikmeter Nachfrageverzicht gehen allein auf das Konto der Chinesen. Sehr zur Freude der europäischen Gasimporteure.

Dass die EU nun also mit vollen Gasspeichern in den Winter geht, hat sie vor allem einem Mann zu verdanken: dem chinesischen Staats- und Parteichef Xi Jinping. Xi hat seinem Land eine rigorose Zero-Covid-Politik verordnet und mit wochenlangen Lockdowns die Wirtschaft abgewürgt. Weniger Wachstum bedeutet weniger Energiehunger. Auf dem Weltmarkt kommen die Europäer leichter zum Zug.

Ausgerechnet Xi, der China zu einem „systemischen Wettbewerber“ der liberalen Demokratien in Europa umformt, hilft den Europäern also durch den Winter. Gewiss, auch das Wetter spielt mit. Der ungewöhnlich warme Herbst senkt den Gasverbrauch in der EU. Das Ergebnis: drastisch sinkende Preise. Aber das Wetter ist launisch, Xi ist es nicht. 

>> Lesen Sie hier: Wie lange reicht das Gas? Prognosen für den Winter

Der große Führer hält unbeirrt Kurs, sein politisches Schicksal ist mit Zero Covid verknüpft. Selbst wenn er es eines Tages wollte, könnte Xi seine Lockdown-Politik nicht einfach beenden. Eine Lockerung der Covid-Beschränkungen dürfte für Hunderttausende von Chinesen den Tod bedeuten. 

Europa-Kolumne: Die EU verliert Rückhalt der deutschen Wirtschaft
Europa-Kolumne

Jede Woche analysiert Moritz Koch, Leiter des Handelsblatt-Büros in Brüssel, im Wechsel mit anderen Brüsseler Korrespondenten Trends und Konflikte, Regulierungsvorhaben und Strategiekonzepte aus dem Innenleben der EU. Denn wer sich für Wirtschaft interessiert, muss wissen, was in Brüssel läuft. Sie erreichen ihn unter: [email protected]

Taiwan hat im Frühsommer durchgemacht, was China bevorstehen könnte. Die Inselrepublik hatte lange auf Zero Covid gesetzt und sich von der Welt abgeschottet. Im Mai machte Taiwan wieder auf, die Coronazahlen schossen nach oben und mit ihnen die Todesfälle. 

In China dürften die Folgen noch dramatischer sein. Die Volksrepublik hat sich geweigert, die wirksamen mRNA-Impfstoffe aus dem Westen zu importieren. Stattdessen setzt sie überwiegend auf Sinovac und Sinopharm – Mittel, die in China entwickelt wurden, aber eine deutlich geringere Schutzwirkung haben. 

Xis Zero-Covid-Dilemma wirkt sich auf unverhoffte Weise zum Vorteil Europas aus. Eigentlich hatte der chinesische Alleinherrscher dem russischen Präsidenten Wladimir Putin eine „Freundschaft ohne Grenzen“ zugesichert. Nun ist Xi dafür verantwortlich, dass Putins wichtigste Waffe im Wirtschaftskrieg gegen den Westen – Europas Gasabhängigkeit – an Durchschlagskraft verliert. Ironie der Geschichte.

Chinesische Nachfrage wird wieder steigen

Andererseits ist klar, dass auch für Zero Covid die Einsicht des US-Ökonomen Herbert Stein gilt: „Wenn etwas nicht ewig weitergehen kann, wird es aufhören.“ Das heißt: Irgendwann wird Xi einen Ausweg finden müssen, irgendwann wird sich die chinesische Nachfrage erholen. Dann wird es eng für Europa. Der Internationale Währungsfonds rechnet ohnehin damit, dass der kommende Winter noch schwieriger wird als der jetzige. 

„Die Energiekrise wird nicht mehr so schnell verschwinden, die Energiepreise werden noch für längere Zeit hoch bleiben“, warnte IWF-Vizedirektorin Gita Gopinath im Handelsblatt.

Auf Seite 18 der EU-Präsentation wird auch dieses Szenario angerissen. „China könnte auf den LNG-Markt zurückkehren“, heißt es dort. Die „LNG-Lücke“ der Volksrepublik, die Differenz zwischen dem normalen Wachstum und der tatsächlichen Nachfrage, wird für 2022 auf 39,2 Milliarden Kubikmeter Gas geschätzt. Wenn sich die chinesische Wirtschaft erholt, droht der EU ein Bieterwettstreit. Der globale Verteilungskampf um LNG hat gerade erst begonnen.

Mehr: Die Allmachts-Ansprüche von Staatschef Xi sind ein Desaster für Europas Unternehmen

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