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Europa-Kolumne Die Furcht der EU-Kommission vor der Delta-Variante

Die Ausbreitung der Delta-Variante zeigt, wie fragil die Lage trotz sinkender Fallzahlen bleibt. Die EU-Kommission beunruhigt eine mögliche Aushebelung des Immunschutzes.
22.06.2021 - 06:17 Uhr 2 Kommentare
Europa-Kolumne: Die EU verliert Rückhalt der deutschen Wirtschaft
Europa-Kolumne

Jede Woche analysiert Moritz Koch, Leiter des Handelsblatt-Büros in Brüssel, im Wechsel mit anderen Brüsseler Korrespondenten Trends und Konflikte, Regulierungsvorhaben und Strategiekonzepte aus dem Innenleben der EU. Denn wer sich für Wirtschaft interessiert, muss wissen, was in Brüssel läuft. Sie erreichen ihn unter: [email protected]

Jetzt ist es ein Rennen gegen die Evolution, genau das hatte die EU-Kommission befürchtet. Ansteckendere Mutationen des Coronavirus verdrängen weniger ansteckende Varianten; die Aggressivität der Erreger ist ihr entscheidender Selektionsvorteil. 

In einem internen Papier warnte die Kommission schon im Frühjahr vor den Gefahren dieser natürlichen Virenauslese: „Die Impfkampagne ist zu einem Wettlauf mit aktuellen und neuen Varianten geworden“, hieß es darin.

Derzeit ist es die Delta-Variante, deren Verbreitung Europa umtreibt. Die steigenden Fallzahlen in Großbritannien sind eine Warnung für die EU - sie zeigen, wie fragil die Entspannung der Infektionslage ist. In vielen EU-Staaten liegt die Impfquote deutlich unter der von Großbritannien, das macht den Kontinent noch anfälliger. Dass Portugal sich gezwungen sah, die Hauptstadt Lissabon abzusperren, unterstreicht die Gefahr. 

Die EU ist an einem kritischen Punkt angelangt. Die sinkenden Inzidenzwerte wecken die Hoffnung auf einen Sommer wie früher, ein Leben ohne Corona. Auch die Bilder von der Fußball-EM, die Rückkehr der Fans in die Stadien nähren den Traum vom Ende der Pandemie. Doch die Lage bleibt angespannt, es ist zu früh, Entwarnung auszurufen. 

Die Kommission, die sich bei ihrer Impfstrategie von dem belgischen Virologen Peter Piot beraten lässt, beunruhigt vor allem das Risiko, dass der Evolutionsdruck eine „Flucht-Mutation“ hervorbringt: eine Variante von Sars-CoV-2 also, die sich genetisch so verändert hat, dass sie sich an der Immunabwehr des Körpers „vorbeischleichen“ kann – und so den Impfschutz aushebelt.

Je länger das Virus grassiert, je häufiger es auf geimpfte Menschen trifft und an ihnen „üben“ kann, desto größer ist diese Gefahr. Umso wichtiger ist es, die Infektionsrate nach unten zu drücken, die Zirkulation des Virus so stark wie möglich begrenzen. Die Schlussfolgerung der Kommission bleibt daher weiter gültig: „Je schneller wir die größtmögliche Impfabdeckung erreichen, desto schneller können wir zu einem Gefühl relativer Normalität zurückkehren.“

Reisesaison könnte maßgeblich zur Verbreitung beitragen

Die gute Nachricht ist, dass Europa vorgesorgt hat. Ein zweites Mal darf die Kommission die Impfstoffbestellung nicht verpatzen, das ist den EU-Beamten klar. Langfristige Lieferverträge sollen daher die nachhaltige Versorgung mit Wirkstoffen sicherstellen. Allein bei Biontech hat die Kommission 900 Millionen Dosen bestellt, mit einer Option auf weitere 900 Millionen.

Aber die EU setzt nicht nur auf das RNA-Vakzin des Mainzer Unternehmens. Man dürfe nicht alle Eier in einen Korb legen, mahnt der Kommissionsberater Piot. Nach dem Flop des Curevac-Impfstoffs ruhen die Hoffnungen auf den Protein-basierten Vakzinen von Sanofi und Novavax

Die Kommission hat aus ihren Fehlern Konsequenzen gezogen; ob das auch für die Regierungen zutrifft, ist weniger klar. Gerade EU-Länder, die vom Tourismus abhängig sind, haben ein dringendes Interesse daran, so viel Normalität wie irgend möglich zuzulassen – und sich über die Warnungen von Experten hinwegzusetzen. Die Sommersaison trägt damit zur Verbreitung der Delta-Variante bei.

Letztlich aber wird der Kampf gegen die Pandemie jenseits von Europa entscheiden. Um die Gefahr einer „Flucht-Mutation“ zu bannen, muss das Virus auch in Afrika, Indien und Lateinamerika eingedämmt werden. 

Die Europäer haben überzeugend dargelegt, warum eine Aufhebung von Patenten kontraproduktiv wäre. Nun müssen sie zeigen, dass ihr Alternativ-Vorschlag etwas taugt. Die Kommission will den Aufbau von Impfstoff-Produktionsanlagen in Afrika fördern. Bei einer Ankündigungspolitik darf es nicht bleiben, sonst droht das Rennen gegen die Evolution verloren zu gehen.

Mehr: Die EU ist beim Impfstoff-Management deutlich besser als ihr Ruf

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2 Kommentare zu "Europa-Kolumne: Die Furcht der EU-Kommission vor der Delta-Variante"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Ach , alles wieder so schlimm. Deswegen wollen die Engländer auch ihre Maßnahmen ab Juli lockern, wie heute morgen bei Bloomberg gemeldet. Also wieder viel heiße Luft von den Medien und den Herrschaften in Berlin und Brüssel. (Der alte Spruch von Bürgermeister und Pastor: "Ihr haltet sie dumm, ich mach sie arm".

  • 2 Sätze im gleichen Absatz, die so gar nicht zusammen passen:

    " je häufiger es auf geimpfte Menschen trifft und an ihnen „üben“ kann, desto größer ist diese Gefahr."

    "Je schneller wir die größtmögliche Impfabdeckung erreichen, desto schneller können wir zu einem Gefühl relativer Normalität zurückkehren"

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