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Tijen Onaran

Expertenrat – Anders Indset Deutschland fehlt es an Risikobereitschaft – und nicht am x-ten Ministeriumspapier

Mit seinem Papier zur Industriestrategie 2030 will Altmaier Deutschland zur führenden Wirtschaftsnation machen. Doch das Papier allein wird dazu nicht ausreichen.
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Mit seinem Industriestrategiepapier will Wirtschaftsminister Peter Altmaier erreichen, dass Deutschland wieder eine führende Rolle in der internationalen Wirtschaft einnimmt. Doch das Papier geht nicht weit genug, meint Anders Indset. Quelle: dpa
Bundeskanzleramt

Mit seinem Industriestrategiepapier will Wirtschaftsminister Peter Altmaier erreichen, dass Deutschland wieder eine führende Rolle in der internationalen Wirtschaft einnimmt. Doch das Papier geht nicht weit genug, meint Anders Indset.

(Foto: dpa)

Es wimmelt nur so von Zukunftsexperten. Dabei können wir höchstens Expertenwissen über die Vergangenheit aufbauen und, wenn überhaupt, Thesen über die mögliche Zukunft aufstellen. Die Zukunft müssen wir vorwärts leben, wir müssen sie improvisieren. Zukunft ist etwas, das wir tun. Das politische Deutschland debattiert lieber und hat mit der Zukunft tatsächlich ein Problem: Wir „zukünften“ nicht.

In der Welt von morgen wird es neue Gewinner der (A)KI-Revolution geben – und einige der Champions von gestern werden morgen Verlierer sein. Selbstverständlich hätten wir es gern, wenn die weltweite Schaltzentrale von KI mitten in Frankfurt sitzen würde. Dann hätten wir alles unter Kontrolle. Ganz so, wie wir es mögen. Aus heutiger Sicht werden sich Macht und Einfluss aber stark nach China verlagern, obwohl die algorithmenbasierten US-Konzerne erbittert dagegen kämpfen werden.

Was wird aus Europa und Deutschland bei diesem Wettkampf der Giganten von heute und morgen?

In unserer Gesellschaft liegt der Fokus mehr auf den Risiken als auf den Chancen der neuen Technologien. Statt in Virtual Reality & Co. sollten wir in Deutschland lieber in Suchtkliniken und Forschungsprojekte investieren, die sich mit der Abhängigkeit von psychischen Störungen und Social Media beschäftigen. Vielleicht könnten wir dort führend sein.

Bald wird es in Europa an jeder Straßenecke eine Therapieeinrichtung für Twitter- und Insta-Junkies geben – von Anonymous Psychos bis McWebjunkie-Aid. Dabei existieren auch Studien, die den Schluss nahelegen, dass die sozialen Medien genauso wenig zu Depressionen führen wie der Verzehr von Kartoffeln.

Mein Appell: Wir müssen zukünftig vor allem die Chancen im Blick haben und nicht mehr ganz so leidenschaftlich die Risiken. Angesichts der exponentiellen Entwicklung der KI-Technologie bedeutet die zögerliche Haltung Europas und damit auch Deutschlands einen klaren Wettbewerbsnachteil.

Das alte Erfolgsrezept – erst beobachten und lernen, dann handeln, später korrigieren und verbessern – funktioniert in der Welt von morgen nicht mehr. Dafür ist die Entwicklung zu rasant: Bevor neue Produkte komplett getestet wurden, sind sie schon wieder überholt. Buzzwords und Pseudo-Argumente, mit denen wir die neue Technologie permanent etikettieren und diskreditieren, sind für mich mittlerweile Folklore ohne Erkenntnisgewinn.

Das Resultat dieser Abwehrhaltung: Europa und damit auch Deutschland werden sich an die Rolle als Spitzenreiter der zweiten Liga gewöhnen müssen.

Das Ende der Start-up-Ära

Nach dem Hype um „(Tech-)Start-ups“, „MVPs“, „Smoothies“, „Reissäcke“ und „POCs“, um halb fertige Lösungen und Time-to-Market kehrt wieder ein wenig Ruhe ein.

Qualität ist (wieder) gefragt. Wir brauchen heute mehr Unternehmertum oder „Entrepreneurship“, wie es neudeutsch heißt. Die logische Schlussfolgerung wäre nach den alten Spielregeln: Deutschland kann jetzt aufholen. „We are the Germans, we do it right the first time“ („Wir sind Deutsche, wir machen es auf Anhieb richtig“), lautet das Credo. Dabei machen wir das reichlich spät, denn Geschwindigkeit gehört zur Kern-DNA von erfolgreichen Unternehmen im 21. Jahrhundert. Und Qualität ist nicht mehr ein Wettbewerbsvorteil, sondern überall auf der Welt längst ein Must-have.

Wenn wir also weiterhin unsere Zeit damit verschwenden, zu überlegen, welche analogen Werte wir in digitale Formate umwandeln können, werden wir nicht nur in die zweite Liga abrutschen, sondern vielleicht sogar in die Regionalliga. Denn der Erfolg bei der Digitalisierung liegt nicht allein in der Technologie.

Das Moore’sche Gesetz der exponentiellen Beschleunigung stößt an physikalische Grenzen. Wie eine willkommene PR-Kampagne für „Made in Germany“ mutet es an, dass ausgerechnet die Substanz Germanium als heißer Kandidat für die Silizium-Nachfolge gehandelt wird. „Germanium Hill“ statt Silicon Valley: Vielleicht gibt es doch noch die Chance, bei einer Aufholjagd den Rückstand Europas auf die digitalen Supermächte USA und China zu verkürzen.

Welche Materialien auch immer das Rennen machen werden, ob in den (Quanten-)Computern demnächst Herzen aus Graphen, Germanium oder Gallium schlagen werden – fest steht, dass sich die Technologie weiterhin exponentiell entwickeln wird. Es geht um Technologie, um Qualität, um Kreativität und Innovation. Doch die Aufstiege von Silicon Valley und Shenzhen sind nicht nur von diesen Faktoren geprägt und auch nicht von einem planwirtschaftlichen Ansatz durch Peter Altmaiers Strategiepapier 2030, sondern ganz besonders von Mut.

Damit sind wir bei der entscheidenden Erkenntnis: Was wir heute als Digitalisierung bezeichnen, ist weniger etwas Technisches, sondern vor allem eines: das Ergebnis von Mut.

Mut zu neuer Führung

In deutschen Konzernen finden wir heute noch viel zu oft die Denkweise „We do it right the first time“ („Wir machen es beim ersten Mal richtig“). Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Es geht mir nicht um das so häufig zelebrierte „Scheitern um jeden Preis“ oder „Fehler sind alles“.

Beides sind Dauerbrenner auf Start-up-Konferenzen, dabei ist doch völlig klar: Im Anflug auf Frankfurt möchte ich keinen Kreativpiloten, der das Potenzial der Möglichkeiten austesten möchte. Genauso wenig wünsche ich mir bei OPs am offenen Herz den „Innovations- und Disruptionsarzt“, der auf Fehlerkultur getrimmt ist.

Wirtschaftsunternehmen sollten ein bisschen so funktionieren wie Sport: Auf dem Trainingsplatz müssen wir scheitern können, dort dürfen wir „fehltastisch“ sein. Denn Verletzbarkeit ist der Geburtsort von Kreation und Innovation. Diese Umgebung und Kultur aufzubauen ist harte Arbeit, aber eine Arbeit, die sich lohnt.

„Mindfulness-Training“, „Yoga-Retreats“ und jede Menge „esoterisches Zeug“ findet man heute unter dem Label „Soft Skills“ für Leader. Die Skills werden gern in Halb-Tages-Workshops für Manager gelehrt. Dabei ist an den „Soft Skills“ nichts wirklich soft.

Diese Fähigkeiten bilden den Kern von Leadership im 21. Jahrhundert. Sich hinter Prozessen, Rollen, Anzügen und Krawatten zu verstecken, das ist einfach, das kann jeder. Ständig so zu tun, als ob man etwas wirklich versteht: Das ist nur zu Hause anstrengend, wenn einen die Realität nach einem langen „Blabla“-Tag einholt. Auf der Arbeit kann man so einige Meetings und sogar einige Jahre gut überstehen.

Mein Rat: Wir müssen nicht immer „wichtig sein“, wir sollten auch nicht so tun, als wüssten wir alles. Wir können uns sicher sein: Andere verstehen „die Digitalisierung“ auch nicht. Ankündigungen von Geschäftsführern wie „Die Digitalisierung ist wichtig, sie muss alle im Unternehmen beherrschen“, bringen uns nicht wirklich voran. Was wir brauchen, sind Unternehmer, die die Substanz der „Hidden Champions“ mit ganz viel Mut paaren. Wir brauchen einen echten Kulturwandel für die Deutschland-AG.

Führungskräfte müssen sich endlich trauen, „Ich weiß es nicht“ zu sagen. Vorgesetzte sollten Sätze sagen dürfen wie: „Das habe ich so nicht gesehen, ich glaube, ich lag falsch. Können wir das Meeting abbrechen? Ich muss erst darüber nachdenken. Wir treffen uns morgen, wenn ich mit euch darüber sprechen kann.“

Aus dieser Kraft entstehen Beziehungen, aus dieser Kraft entsteht das, was wir Kultur nennen. Wer Fehler vor Mitarbeitern zugeben kann, ist ein echter Leader. Sich Herausforderungen zu stellen, aus der Komfortzone herauszukommen und auch mal Schwäche zu zeigen: Das ist echte Führungsfähigkeit von Persönlichkeiten, die gegen alle Widerstände „in den Ring steigen“.

Was lernen wir daraus? Die vermeintlichen „Soft Skills“ sind in Wahrheit „Hard Skills“. So entsteht Vertrauen, Kultur, Fortschritt. Denn nur wer sich selbst vertraut, kann auch anderen vertrauen.

Risikobereitschaft: Das ist es, was Deutschland fehlt. Und nicht das x-te Strategiepapier aus dem Ministerium. Wer das versteht, hat wirklich eine Chance im Wettstreit um neue Technologien oder Digitalisierung.

Traust du dich, ein Leader zu sein, ein Gestalter des Wandels? Steigst du mit dir selbst in den Ring? Hab Mut und Haltung! Deutschland, hör auf zu reden und fang endlich an zu „zukünften“!

Anders Indset, von Medien als „Digitaler Jesus“ oder „Rock’n’Roll Plato bezeichnet, zählt zu den führenden Wirtschaftsphilosophen und gilt als vertrauter Sparrings-Partner für internationale CEOs und führende Politiker.

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