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Tijen Onaran

Expertenrat – Anders Indset Nicht der FC Bayern, die Volksparteien brauchen einen Guardiola oder Klopp

Was Politik vom Fußball über Leadership lernen und wie eine „Digitale Demokratische Union“ die Antwort auf die Krise von Union und SPD sein kann.
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Der Trainer von Manchester City kann auch Politikern als Inspirationsquelle dienen. Quelle: Action Images via Reuters
Pep Guardiola

Der Trainer von Manchester City kann auch Politikern als Inspirationsquelle dienen.

(Foto: Action Images via Reuters)

Eines ist vor den anstehenden Parteitagen von CDU und SPD gewiss: Wer Erfolg haben will, braucht Teamgeist und -Kultur. Doch ob die „Volksparteien“ über beides verfügen, ist fraglich. Diese Zweifel gelten losgelöst von Wahltagen, an denen Stimmenrückgang und Stimmengewinn gleichermaßen als Erfolg gefeiert werden– zumindest solange die Kamera läuft und der Zusammenhalt beschwörend und fahnenschwenkend gefeiert wird. 

Es wird ein neuer Leader, Trainer und Manager gesucht. Im Sport wie in der Politik. Der FC Bayern München zielt auf rasche Veränderung: nach Hoeneß kommen Hainer und Kahn. Flick übernimmt vorerst von Kovac. Ex-Trainer Guardiola bleibt weiter im Gespräch. Alles nach dem Prinzip: intern abstimmen, handeln und Stabilität in die Mannschaft bringen, alles erledigen und weiterspielen. 

Die Volksparteien wählen vor ihren großen Parteitagen einen anderen Weg. Bleibt es die glücklose Kapitänin AKK oder wird es der kämpferische Angreifer und ewige Zweite Merz doch der neue Leader? Wird es bei den Sozialdemokraten  derweil der eher graugesichtige Finanz-Borjans —oder startet die „neue“ SPD mit dem ewigen Hoffnungsträger GroKo-Scholz in ihre Zukunft? Nicht zu vergessen, dass der noch bis vor kurzem als Apparatschik „Scholz-o-mat“ verspottet wurde. 

Union und SPD liefern sich einen (Macht-)Kampf in der Öffentlichkeit. Dabei geht es nicht um das Ergebnis, es geht nicht um die Agenda, es sind erst recht nicht die Wähler und die Menschen wichtig. Nein, es geht zunächst um die Person. Darum, wer etwas sagt und nicht darum, was gesagt wird. Dabei zielt es gnadenlos an der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts vorbei, das „Wer?“ über das „Was?“ zu stellen. 

Dieses Modell ist längst überholt, doch der Schaukampf der Volksparteien zeigt: Politik ist nicht nur in den USA ironisch geworden, auch in Europa gibt es dafür Anzeichen, auch wenn wir sie noch nicht sehen wollen. 

Die heutige Kolumne ist (m)ein „Taktikplan für Unternehmer und Leaderaus gegebenem Anlass anwendbar für Volksparteien. 

Taktik: 4-4-2 oder Alle-Mann am Ball?

„Wir müssen mehr Tore schießen und weniger zulassen, wir brauchen Wandel“. So in etwa lauten häufig die Headlines in den Medien sowie die Zitate aus politischen Talkshows. Ein Urgestein wie Freiburgs Trainer Christian Streich würde das — trotz Bodycheck von Eintracht-Kapitän David Abraham — als extrovertierter und emotionaler Mensch, der frei von der Leber spricht, vor laufender Kamera in etwa so ausdrücken: „Hör mal auf bitte, so „nen Schwachsinn zu rede“ ” — Streich wäre aber zu viel für die Politik und für Deutschland; er kann „regional“ —  doch gesucht wird ein nationaler Posten. Auch wenn das in einer globalen Interdependenz-Gesellschaft immer weniger die essenzielle Rolle spielt. 

Von Pep Guardiola hingegen, dem Taktikmeister, könnte die Politik viel lernen. Mit seinem „Tiki-Taka-Fußball“ des Ballbesitzes wurden (und werden) in Barcelona alle Vereinsmitglieder von Kindheit aus geprägt. Er hat immer eine Vision, verkörpert eine Seele. Er steht für Zusammenhalt, alle lernen gemeinsam. So prägt Guardiola seine Mannschaften mit einer klaren Spielidee. 

Anders in der Politik: Weder SPD noch CDU haben eine Spielidee —oder anders gesagt: Leadership. Das liegt am System und nicht zwangsläufig an Spielern und Managern innerhalb des Systems. Erfolgreich ist Deutschland ja, zumindest wirtschaftlich, und dafür sollte man dem Management durchaus danken. 

Was fehlt ist Leadership. Ist das wirklich von AKK, Merz, Borjans oder Scholz zu erwarten? Es gibt zwei Angriffsflächen in der komplexen Weltgesellschaft —Einwanderungspolitik und Wirtschaft —doch in Deutschland sind das nicht die aktuell relevanten Themen. Uns ging und geht es verdammt gut. Das sollten wir nicht vergessen. 

Die wirklichen Herausforderungen stehen uns definitiv noch bevor. Sowohl in der Einwanderungspolitik als auch in der Wirtschaft. Doch was ist die Antwort von Merz und Co. auf die bevorstehenden Herausforderungen? Rückblickende Besserwisserei. Doch die bringt niemandem etwas, außer der Zerstörung der eigenen Partei... 

Wie kann ein 19-Jähriger Mannschaftskapitän werden?

In Fußball können auch die Jungen Führung übernehmen. In Champions-League Halbfinale 2019 stand Matthijs de Ligt von Ajax Amsterdam im Alter von 19 Jahren sogar als Mannschaftskapitän auf dem Platz. Führung ist überall. Projekte sind die neuen Chefs. Leadership muss natürlich sein und sich unter Menschen natürlich entwickeln. Selbstverständlich herrscht auch im Mannschaftssport ein verdammt hoher Wettbewerb und Kampf um Rollen, doch in der Kabine und auf dem Trainingsplatz wachsen Leader heran. 

Schauen wir uns das aktuelle Medienbild der Volksparteien an, zeigt es einen Kampf auf der Oberfläche statt einen nach innen gerichteten Fokus. Der Untergang der Mannschaft ist damit programmiert. Der Trainerwechsel wird kommen, doch Leadership bleibt aus. 

Klopp ist ein (deutsches) Beispiel, wie es funktionieren kann. Er holt aus seiner Mannschaft das Beste heraus und stellt dabei die Spieler in den Vordergrund. Er baut eine Bühne, auf der andere tanzen können. Er geht selbst voran und zeigt seinen Spielern den Weg — und wird dafür belohnt: Trainer des Jahres, bester Trainer der Welt und neue Rekorde sind die Auszahlungen für seinen unfassbaren Input. Das ist DIE Erfolgsformel des 21. Jahrhunderts: Fokus auf Input führt zu gutem Output und in Folge als Belohnung zu Erfolg. Für die Wirtschaft heißt das: Beschreibe das Problem. Löse das Problem. Stelle deine Rechnung. 

Wo finden wir solche Menschen in den Volksparteien? Diejenigen, die Verantwortung übernehmen, ihre Hände schmutzig machen und für die anderen kämpfen? Es wäre angebracht, für Kanzlerin Merkel und für die Partei zu kämpfen und durch eigene Projekte, Initiativen und Lösungsvorschläge mitzugestalten. Denn genau hier liegt die Kernherausforderung: Erfolgreichen Trainern und Leadern gelingt es, die Spieler zur Höchstleistung zu bringen und sie zu Weltstars zu entwickeln. 

Das wäre das Leader-Profil für die neue Führung der Volksparteien. Jemand, der sich traut, nicht nur Probleme anzusprechen und zu suchen, sondern für Lösungen einzustehen, den Weg zu zeigen und die Mannschaft (Partei) mitzunehmen. Jemand, der es versteht, auch auf Gefühle und Intuition zu hören, und nicht nur ein Positionierungsspiel des eigenen Egos und der eigenen Rolle betreibt. Mit einem solchen Fokus kann man weder kurzfristig Spiele gewinnen, noch kann man langfristig eine Mannschaft aufbauen, geschweige denn zusammenhalten. 

Eine persönliche Einschätzung

Ein wenig besorgt bin ich schon. Die Gesellschaft steht vor einer noch größeren Spaltung als viele glauben: Infantile junge Männer ohne Sozialkompetenz, die sich vom System im Stich gelassen fühlen, treffen auf Ausbrecher aus „dem System“, die sich der Spiritualität zuwenden und an das Leben in Kommunen glauben. In der zukünftigen Mitte finden wir eine große Masse an Menschen, die Mentoren und Vorbilder brauchen. Menschen, die eine neue Leitidee und eine Vision benötigen. Liest man Karl Marx genau, versteht man vielleicht auch, was damit gemeint ist. Marxismus und Kommunismus sind nicht die Antwort im 21. Jahrhundert, doch wir brauchen mindestens jemanden an der Spitze, der versteht, worum es jetzt geht. 

Mein Ansatz wäre eine DDU. Die Verschmelzung der CDU und der SPD. Eine Digitale Demokratische Union. Für fleißige Leser: Das ist keine gereifte Entwicklung meiner DDR, sondern vielmehr ein radikaler Lösungsansatz aktueller und bevorstehender Herausforderungen. Eine Volkspartei aus SPD und CDU. Die Digitale Demokratische Union. Wer der Leader der DDU bleibt oder wird, überlassen wir dann der demokratischen Struktur. 

Lass dies zunächst ein Denkanstoß sein. Wir tauschen uns gerne im Jahr  2030 dazu aus. 

– Anders

Mehr: Survival-Guide für Volksparteien: ein 10-Punkte-Programm

Anders Indset, von Medien als „Digitaler Jesus“ oder „Rock’n’Roll Plato bezeichnet, zählt zu den führenden Wirtschaftsphilosophen und gilt als vertrauter Sparrings-Partner für internationale CEOs und führende Politiker.

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