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Tijen Onaran

Expertenrat – Anders Indset Notwendige Systemdebatte: Warum wir Kevin Kühnert dankbar sein sollten

Sozialismus ist nicht die Lösung für Europas gegenwärtige und künftige Probleme. Aber Kritik am Kapitalismus ist wichtig – und eine große Chance.
4 Kommentare
Hat der Juso-Chef alle Antworten? Nein, aber er hilft, die richtigen Fragen zu stellen. Quelle: Reuters
Kevin Kühnert

Hat der Juso-Chef alle Antworten? Nein, aber er hilft, die richtigen Fragen zu stellen.

(Foto: Reuters)

Endlich ist die SPD wieder im Gespräch. Weil Kevin Kühnert den Zeitgeist getroffen hat. In einer Zeit, in der viele Menschen Angst haben vor dem wirtschaftlichen Niedergang und einer Übermacht des kapitalistischen Systems. Ob man seine Meinung teilt oder nicht, Jungsozialist Kühnert ist mit seiner Kollektivierungsidee für BMW etwas gelungen, was Politik und Wirtschaft dringend brauchen: Debatten über das Wie und Wohin, kritisches Hinterfragen genauso wie Querdenken.

Das alles bis hin zur Systemfrage, die notwendig ist und nicht – wie von Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel – belächelt und disqualifiziert werden sollte. Ich hätte nie geglaubt, dass ich eines Tages mal Andrea Nahles recht geben würde, die auf ihren jungen Parteigenossen mit den Worten reagierte: „Man kann die richtigen Fragen stellen und trotzdem falsche Antworten geben.“

Einigen wir uns doch darauf: Es sind Kniebeugen für die Rübe, die Kühnert mit seiner Kapitalismuskritik gemacht hat. Das mediale Erdbeben nach seinem Sozialismus-Interview zeigt: Wir haben eine fatale Informationsgesellschaft kreiert. Heute haben die meisten sofortigen Zugang zu Mikrofonen und Kameras und können sich mitteilen, egal wie tiefgründig der Inhalt ist. „Jetzt erkläre ich euch die Welt!“, lautet die Devise in einer Social-Media-Welt, in der Likes mehr zählen als Nachdenklichkeit.

Viele benehmen sich dabei wie 20-jährige Narzissten auf Instagram mit ihrer impulsiven Emotionalität. Einmal aufgeschnappt, blitzschnell verteilt an Millionen Follower. Sigmar Gabriel liegt richtig, wenn er in einem Gastbeitrag fürs Handelsblatt feststellt: „Die Halbwertszeiten der politischen Themen werden immer kürzer, so dass sich die durchs Dorf getriebenen Säue gegenseitig überholen.“

Gerade deshalb sollten wir die „Systemfrage“ stellen wie Kühnert. Und das gerade jetzt zur Europawahl. Denn die bevorstehenden Herausforderungen sind erheblich größer als die gegenwärtigen. Es geht uns heute verdammt gut. Europa aber muss Weitsicht haben, damit es uns auch weiterhin gut geht. Wenn wir uns nur an die Wissensgesellschaft in der Hoffnung klammern, damit alles in den Griff zu bekommen, sind wir auf dem Irrweg. Was wir brauchen, ist ein wirkliches Verständnis für das, was kommt: Wir brauchen eine Gesellschaft des Verstandes.

Der wirkliche digitale Wandel steht uns noch bevor

Noch sind wir dabei, unsere eigenen Phantasien zu produzieren und zu projizieren. Doch egal wie gut diese sein mögen, es wird immer jemanden geben, der es besser kann. So ist es in den Medien auch. Wir erleben einen Tsunami an Meinungsäußerungen, doch es gibt immer noch jemanden, der den nächsten Tsunami auslöst. Diese Kinderkrankheiten der bislang knapp 30 Jahre dauernden Reise des kommerziellen Internets und der technologisch rasanten Entwicklung sind aber nicht das wahre Problem. Das kommt erst noch.

Die tatsächliche Digitalisierung wird erst ab 2020 eintreten, der digitale Wandel nimmt erst jetzt richtig Fahrt auf. Dieser Einzug der Technologie in unser Alltagsleben und in unsere Gesellschaft wird uns in den kommenden zehn Jahren auf allen Ebenen prägen.

Die Algorithmen werden in Zukunft die Ronaldos und Messis ihres jeweiligen Fachs identifizieren. Autoritäten, und das in jeder Form, gewinnen dank Künstlicher Intelligenz (KI) und Quantencomputer deutlich an Macht und der „Battle of Algorithms“ führt zu einer rapiden Beschleunigung des Prinzips „The Winner Takes it All“.

Wir haben keine adäquaten Antworten auf diese Herausforderungen. Kurzfristig führt die rasante technologische Entwicklung zu einer irreführenden Befreiung von Möglichkeiten, doch bald schon herrscht Darwinismus pur. So auch die Marktwirtschaft, so funktioniert Turbo-Kapitalismus im 21. Jahrhundert. Doch wenn die Wirtschaftsaussichten nicht nur für einen Monat als „düster“ bezeichnet werden, wenn eine wirkliche Korrektur kommt: Was machen wir dann? Was geschieht mit der Masse, was mit dem gesellschaftlichen Mittelbau, wenn der Turbo-Kapitalismus und unser Hyper-Konsum so weitergehen?

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird sich vergrößern. KI und der Einzug von Quantencomputern werden die Entwicklung deutlich beschleunigen. Und unsere einzige Antwort bislang sind Vorzeige-Unternehmer wie Bill Gates, die einen Teil ihres Privatvermögens wieder zurück in den Kreislauf speisen.

Europa hat bereits eine Migrationsspitze erlebt, doch der wirkliche Höhepunkt der Fluchtbewegung steht uns aus Afrika noch bevor, wo bereits heute 1,5 Milliarden Menschen leben und Ende dieses Jahrhunderts vier Milliarden Menschen leben werden. Wo sollen und wollen diese Menschen angesichts des Klimakollaps und des Wissens um unsere nur vermeintlichen Wohlstands-Oasen hin? Ein Thema übrigens, bei dem uns nicht nur die Antworten, sondern sogar die Fragen fehlen.

Die Liste der bevorstehenden Herausforderungen ist lang. Und deshalb sollten wir jetzt, weil es uns noch so gut geht, die Systemfrage stellen.

Kevin ist nicht alleine zuhause

Juso-Kevin meint es ernst. Er ist eben kein 20-jähriger Narzisst mit Instagram-Fetisch (mehr), sondern fast 30. Ich bin überzeugt: Er will keine „DDR-Verhältnisse“. Er will uns wachrütteln, indem er die Systemfrage stellt. Für mich ein enorm wichtiger Beitrag auf dem Weg zu einer Gesellschaft des Verstandes.

Die Wirtschaft und die Welt sind kein Nullsummenspiel. Die Wirtschaft ist nicht „entweder oder“, sie ist „sowohl als auch“. Gerade deshalb sollten wir uns trauen, über eine neue Leitidee zu sprechen. In meinem neuen Buch „Quantenwirtschaft“ erkläre ich, warum es in der Wirtschaft gar nicht so sehr ums Gewinnen und Verlieren geht, sondern darum, möglichst lange mitzuspielen.

Wir brauchen ein neues Betriebssystem nicht auf der Basis des Sozialismus – denn dort irrt Kühnert – sondern auf Basis des funktionierenden Kapitalismus. Aber, und das ist immens wichtig, ein Kapitalismus gepaart mit Gefühlen und Verstand.

Wollen wir nun den Niedergang der US-Kultur mitgehen, oder wollen wir wirklich ein starkes Europa gestalten? Bei den anstehenden Europawahlen geht es genau darum: Um das Wir und um das Kollektive. Wir stehen gleichzeitig vor einer deutlich stärkeren Lokalisierung und einer deutlich stärkeren Globalisierung. Schon Helmut Kohl war überzeugt, dass die großen Herausforderungen nicht mehr mit nationalstaatlichem Denken gelöst werden können. Recht hatte er!

Lasst uns gemeinsam die Synthese bilden

Wir sollten mehr über das Leben sprechen, über den Menschen. Wir sollten mehr Respekt zeigen für Wissen und Weisheiten und uns die Zeit nehmen, die Debatten im öffentlichen Raum mit Tiefgang zu führen, um somit auch andere Meinungen besser zu verstehen.

Deutschland und Europa haben eine große Chance. Denn wir leben nicht in nur in einem Land, sondern einer ganzen Region der Dichter und Denker und haben damit eine perfekte Basis für das Streben nach Vernunft und Weitsicht. Der Deutsche Idealismus und die Arbeiten von Hegel, dem „Philosoph der Philosophen“, sind aktueller denn je. Der Deutsche Idealismus Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts war geprägt von der Dialektik und dem Streben nach Vernunft. Ja, selbst für absurde Meinungen müssen wir uns die Zeit nehmen, alles auszudiskutieren.

Auch wenn wir Hegel nicht immer verstehen, am Ende des Tages werden wir uns mit ihm trotzdem einig werden. Kurz erklärt: Hegel stellte die These auf und es folgte eine Welt des Wandels. Es folgte Karl Marx, der selbst ein Hegelianer war und die Antithese bildete mit dem auf Kommunismus basierenden Sozialismus. Und auch wenn ich in meiner März-Kolumne von einer neuen DDR geschrieben habe (Digitale Demokratische Republik), geht es absolut nicht darum, in die reale DDR zurückzukehren.

Wir wollen und müssen etwas Neues kreieren. Die Synthese bildet nach Hegel’scher Dialektik die neue These, und so läuft die Entwicklung, in einem permanenten Wandel. Es ist weder ein Mittelweg noch ein Rückschritt, sondern nach dem Hegel’schen Ansatz etwas ganz Neues.

Wie müssen uns trauen die Wirtschaft neu zu denken, um die Gesellschaft zu verstehen, und darum müsste es auch einem Kevin Kühnert gehen. Er hat sicherlich noch nicht die richtige Antwort für etwas ganz Neues. Aber er hat schon einmal die richtige Frage gestellt.

Diese Chance sollte nicht nur die SPD, sie sollte Europa nutzen. Während in den USA der „Silicon-Valley-Dream“ verschwindet, sollte Europa die Systemfrage stellen. Auch wenn es noch vier weitere Jahre mit Trump geben wird. Auch wenn Apple, Google, Amazon und Microsoft Rekorde einfahren, dürfen wir uns nicht täuschen lassen: Die USA steuern auf gesellschaftliche Instabilität und Chaos zu. Europa kann zum „Changemaker“ werden.

Welche Zukunft ist für uns erstrebenswert? Welche Form der Gesellschaft wollen wir für unser Kinder hinterlassen? In der Seele Europas finden wir diese Weitsicht, die unglaubliche Kreativität der Künste und die Fähigkeiten sich auf- und auszurichten über die eigenen Grenzen hinaus. Um diese Seele wiederzubeleben brauchen wir Freigeister wie Kühnert.

Lass uns darüber reden!
Bis zum nächsten Mal
Anders

Anders Indset, von Medien als „Digitaler Jesus“ oder „Rock’n’Roll Plato bezeichnet, zählt zu den führenden Wirtschaftsphilosophen und gilt als vertrauter Sparrings-Partner für internationale CEOs und führende Politiker.

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4 Kommentare zu "Expertenrat – Anders Indset: Notwendige Systemdebatte: Warum wir Kevin Kühnert dankbar sein sollten"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • - Forstetzung -

    Absolut erforderlich, um die schlimmsten gesellschaftlichen Verheerungen noch verhindern zu können, wäre daher die SOFORTIGE Abschaffung der Zentralbanken und des staatlichen Geld- und Zinsmonopols - und stattdessen die Einführung von FREIEM MARKTGELD bzw. KONKURRIERENDEM PRIVATGELD.
    Genau das wäre aber garantiert NICHT im Sinne von "Kommi-Kevins" staatlichen Allmachtsphantasien...

  • Die "Systemdebatte" aufgrund "Kommi-Kevins" Enteignungsphantasien ist einzig und alleine wichtig, um herauszufinden, ob wir ÜBERHAUPT im Kapitalismus gelebt haben. Und NEIN, das haben wir nicht. Die Masse dert Menschen wurde diesbezüglich schlicht und ergreifend böse verscheißert.
    Das jetzige Wirtschaftssystem ist in seinen Hauptfundamenten nämlich keineswegs marktwirtschaftlich, sondern im Gegenteil SOZIALISTISCH:
    "Wie war es möglich, dass unsere Vorfahren zwar Marktwirtschaften errichten wollten, also Ordnungsgebilde der wirtschatflichen, persönlichen und politischen Freiheit, (...) , dass sie aber die sozio-ökonomischen Großsektoren ihrer Gesellschaften, nämlich das Bildungswesen, das Gesundheitswesen und das Rentensystem als kollektivistische Staatsapparate konstruiert haben? Viel schlimmer noch: Wie kamen die Menschen jener Zeit auf die perverse, ja selbstzerstörerische Idee, ihre vermeintliche Marktwirtschaft auf zwei sozialistischen Fundamenten zu errichten: Auf einem STAATSMONOPOLISTISCHEN ZWANGSGELD UND EINEM ZENTRALPLANWIRTSCHAFTLICHEN SYSTEM DES ZINSDIKTATS? Sie hätten doch wissen müssen, dass jede auf sozialistischen Grundpfeilern errichtete Wirtschaft und Gesellschaft früher oder später zusammenbrechen muss. (...)
    Wieso haben sogar die meisten Ökonomen jener Zeit diesem Wahn gefrönt und die Menschen nicht aufgeklärt, sondern sie - erneut - ins Verderben rennen lassen?" (aus dem Vorwort zu Roland Baader: Geldsozialismus, Gräfelfing: Resch Verlag, 2010, S. 5f.)

    Das staatsmonopolistische Zwangsgeld und das zentralplanwirtschaftliche System des Zinsdiktats ist dabei die 1:1-Umsetzung (!!!) von Punkt 5 aus dem KOMMUNISTISCHEN MANIFEST von Marx / Engels:

    >> "5) Centralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol. " <<
    https://de.wikisource.org/wiki/Manifest_der_Kommunistischen_Partei_(1848)

  • Nachtrag:

    der Weltgeist im hegelschen Sinne schreitet voran und hat die Stufe primitiven sozialistischen Wirtschaftens hinter sich gelassen. das heißt nicht dass die Theoreme von Marx oder Mandel ( tendenzieller Fall der Profitrate ) falsch sind, sondern dass es einer neuen Auflösung bedarf im wirtschaftlichen Handeln. ohne
    ein Fetischist des privat Eigentums zu sein, ist er der Anker gewesen zum jetzigen bundesdeutschen Wirtschaftswunder. der Mittelstand ist die tragende Kraft und der soziale Ausgleich der sicher Verbesserung bedarf aber nicht einer grundsätzlichen Auflösung.

  • Sehr geehrter Herr Indset,
    ich widerspreche Ihnen als Hegelianer. es geht nicht um das banale Thema These und Antithese, sondern
    um die hegelsche Erkenntnis, das der Prozess zur Erkenntnis unmittelbar mit der Erkenntnis verknüpft ist
    und zum Verständnis beiträgt, heißt, dass in einer komplexen Welt es keine einfachen Erkenntnisse gibt
    und die Energiewende ist äußerst komplex wird aber auf dem Niveau von postulierten Glaubensbekenntnisse geführt oder durch Untätigkeit ignoriert. wir bräuchten einen technologisch und wirtschaftlich durchdachten Masterplan der Energiewende, der permanent auf seine Erfolghaftigkeit überprüft wird. die System Frage bezüglich der Nachhaltigkeit sozialistischen Wirtschaften ist schon längst beantwortet und wird nicht besser,dass man Sie wiederholt und aus der Vergangenheit nichts gelernt hat,
    das gehört auch zu Hegel, prozesshaftes Weiterdenken und nicht redundante Vergangenheits-Romantik.
    wenn sozialistische Ideen, dann ganz neu postuliert und eingesetzt, aber nicht als Enteignungsphantasie.