Tijen Onaran

Expertenrat – Anders Indset Raus aus der Mindfaulness!

Die Wirtschaft der Zukunft braucht eine praktische Philosophie als Grundlage. Leidenschaft ist der neue Weg zum Unternehmenserfolg.
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Die Wähler in Hessen haben reagiert, ähnlich wie die Bayern zwei Wochen zuvor: mit zweistelliger Zustimmung für die AfD, und das in wirtschaftlich starken und stabilen Bundesländern mitten im Boom. Ausgerechnet in Offenbach, dem deutschen Schmelztiegel und Multikulti-Hotspot mit Einwohnern aus 151 verschiedenen Nationen, fuhr die rechtspopulistische Partei sogar noch höhere Werte ein.

Die Welt ist merkwürdig geworden, die paradoxen Ergebnisse beschreiben aber treffend die Lage der Nation: Wir leben in einer Parallelgesellschaft, die gleichzeitig von Niedergang und Blüte geprägt ist. Auch die Grünen erklimmen ungeahnte Höhen, und ihr Erfolg verdankt sich genauso der aktuellen Gefühlslage wie der Zuwachs bei der AfD.

Das Gros der Grünen-Wähler stellen die naturfernsten Stadtbewohner, die Großstadt-Hipster. Die Latte-Macchiato-Mutter, die mit weißem SUV und farblich passendem Kinderwagen täglich vor der Kita vorfährt, kennt die Farbe Grün sonst nur vom türkisen Schimmern der Karibik, zu deren Stränden sie zweimal jährlich fliegt. Und der grüne Fraktionschef Anton Hofreiter predigt zwar vegane Ernährung, bleibt aber an jeder zweiten Currywurst-Bude hängen – wirklicher Wandel sieht anders aus.

Wir werden ein Woodstock der Bürgermeister erleben

Unser System hat mehrere gravierende Fehler. Insbesondere die Pseudodemokratie mit ihren nationalen Parteischauspielern ist eine tickende Zeitbombe. Wir brauchen eine Erneuerung, ein „Movement“, wie es auf Neudeutsch so schön heißt. Nicht wie „#Aufstehen“ mit Sahra und Oskar, und bitte erst recht nicht wie Super-Markus auf dem lächerlich missglückten „Bavaria One“-Logo, das mehr an Bierreklame als an ein Raumfahrtprogramm denken lässt.

Die nächsten fundamentalen Reaktionen auf die Fehler unseres Systems werden wir bereits 2019 sehen. Wir werden einen rebellischen Aufstand, ein Woodstock der Bürgermeister der Metropolregionen erleben. Und das ist auch gut so. Nationalismus hat als Leitidee ausgedient. Wir brauchen eine neue Story.

Vergessen wir aber Schlagwörter wie „Klimawandel“ und „Globale Erwärmung“. In den nächsten zehn Jahren wird die Menschheit mit zwei existentiellen Herausforderungen konfrontiert sein: dem drohenden ökologischen Zusammenbruch und der Entscheidung, wie wir mit exponentiellen Technologien umgehen. Wollen wir eine digitale Superintelligenz kreieren? Wenn wir uns dafür entscheiden, müssen wir vorsichtig sein.

Experten halten sich meist für viel schlauer, als sie eigentlich sind. Nicht nur sie, sondern Menschen im allgemeinen neigen dazu, sich maßlos zu überschätzen. Viele scheinbar unlösbare Probleme werden wir zwar durch technologische Innovationen lösen, aber dadurch schaffen wir zugleich neue Probleme. Nun, da wir anfangen, die Autorität in Algorithmen zu verlagern, lauern die Risiken in der bevorstehenden Verschmelzung der drei revolutionären Technologien: Nano-Tech, Bio-Tech und Künstliche Intelligenz.

Vorsicht bei der Kreation Künstlicher Intelligenz

Wollen wir bewusst eine allgemeine Künstliche Intelligenz kreieren, so haben wir vermutlich nur einen Versuch. Schlägt der fehl, haben wir die Entwicklung nicht mehr in der Hand. Anders als bei früheren Paradigmenwechseln können wir diesmal nicht im Reaktionsmodus aus Krisen lernen, deshalb müssen wir vorher genau überlegen, wie wir vorgehen wollen. Dass wir etwas können, heißt lange noch nicht, dass wir es tun müssen oder sollten.

Wir stehen vor multidimensionalen und hyperkomplexen Herausforderungen. Wir tragen die Verantwortung für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft, und gleichzeitig spüren wir, dass unsere letzte Religion, der neoklassische Kapitalismus à la Adam Smith, nicht mehr funktioniert. Die unsichtbare Hand, die alles steuert, das Equilibrium, die perfekte Balance – das alles existiert nicht mehr und war wohl noch nie viel mehr als fromme Hoffnung.

„Der Kapitalismus ist ein funktionierendes Modell“, sagt der Dalai Lama, „doch er braucht Mitgefühl.“ Der weise Mann hat recht, aber was genau hat er gemeint? Unser zukünftiges Wirtschaftssystem wird eine Weiterentwicklung des kapitalistischen sein, und wir haben bereits mit dem Umbau begonnen. Die Stichworte sind „Kreislaufwirtschaft“ und „Kapitalisierung von Vitalenergie“.

Wir leben in Interdependenz, alles hängt mit allem zusammen. Hyper-Konsumismus und Ressourcenverbrauch haben keine Zukunft: Schon die nächste Generation wird alle Ressourcen nach Gebrauch zurückführen, und sie wird auf Verstand, Glück und Liebe basierende kapitalistische Modelle entwickeln.

Raus aus der Mindfaulness!

Ikea ist schon auf dem Weg in die zirkulär wirtschaftende Zukunft: Der schwedische Konzern will seinen Umsatz in den nächsten drei Jahren verdoppeln, aber nicht mehr mit dem alten linearen Modell, sondern mit Kreislaufwirtschaft. Bis 2030 will das Unternehmen komplett „zirkulär“ und ökopositiv werden. Der Wandel zu „Product-as-a-Service“ ist bereits in vollem Gange. Von „Licht-as-a-Service“, bei dem der Hersteller sogar die Energiekosten übernimmt, bis hin zu „Skipisten-as-a-Service“ ist heute schon vieles implementiert. Zukünftige Generationen werden nichts mehr besitzen, sondern alles nach Bedarf teilen.

Auch in Sachen „Vitalenergie“ sehen wir erste Erfolge. Andy Puddicombe, ein ehemaliger buddhistischer Mönch, bietet mit seiner App Headspace Trainings in Spiritualität, Meditation und Achtsamkeit (Mindfulness) an – und hat bereits 31 Millionen Nutzer von seinem Konzept überzeugt. Eso-Kram und Buzzword-Bingo, denken viele Manager vielleicht. Aber damit liegen sie falsch. Heute heißt es: Raus aus der Mindfaulness! Die Kapitalisierung von „Compassion“ ist der neue Weg zum Unternehmenserfolg.

Wenn wir uns nun wieder den „Twitter-Wochen“ widmen und merken, dass sich Erdogan und Trump alleine mit Saudi-Arabien auseinandersetzen müssen, dass die vermeintliche Modernisierung des Wüstenreichs trotz Führerscheinen für Frauen eine Fata Morgana bleibt und das einzige wertvolle Öl der Zukunft Cannabis-Öl ist – dann beschleicht uns womöglich der Gedanke, dass wir in den kommenden stürmischen Zeiten wie noch nie zuvor angewiesen sein werden auf mütterliche Weisheit und Vernunft.

Wir brauchen eine praktische, anwendbare Philosophie

Lange genug haben Politiker und Meinungsmacher an den Problemen vorbeigeredet. #ByeByeBlaBlaLand. Was wir jetzt brauchen, sind Gestalter des Wandels. Aus der Wirtschaft heraus müssen neue Kräfte in Schwung gesetzt werden. Wir benötigen eine praktische, anwendbare Philosophie und eine Renaissance europäischer Denker, angetrieben nicht zuletzt von den philosophischen Traditionen in Deutschland. Wir brauchen eine echte Aufklärung.

In meiner monatlichen Kolumne „Anders gedacht“ werde ich fortan aktuelle wirtschaftliche und technologische Ereignisse beleuchten – anders, als du es wahrscheinlich gewöhnt bist. Ich werde untersuchen, was nach der Digitalisierung kommt, und erörtern, wie die Entwicklung einer neuen wirtschaftlichen Utopie gelingen kann. Ich freue mich auf Kritik, Kommentare, An- und Aufregung, vor allem aber auf spannende Fragen. Nur im Dialog können wir uns weiterentwickeln. Nur wenn wir es wagen, gemeinsam in den Leerräumen zwischen den Fachdisziplinen zu suchen, werden wir Fortschritte erzielen und neue Fragen entdecken. Antworten haben wir heute genug.

Bis zum nächsten Mal,

Anders

Anders Indset, von Medien als „Digitaler Jesus“ oder „Rock’n’Roll Plato bezeichnet, zählt zu den führenden Wirtschaftsphilosophen und gilt als vertrauter Sparrings-Partner für internationale CEOs und führende Politiker.


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