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Tijen Onaran

Expertenrat – Anders Indset Was wir von der „Generation Greta“ lernen können

Die Schwedin gehört zur „Generation der Erwachten“ und ist damit unsere Hoffnung. Ihr geht es darum, sich der eigenen Verantwortung für die Welt bewusst zu werden.
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Die junge Schwedin hat den Sonderpreis Klimaschutz der „Goldenen Kamera“ erhalten. Quelle: AFP
Greta Thunberg

Die junge Schwedin hat den Sonderpreis Klimaschutz der „Goldenen Kamera“ erhalten.

(Foto: AFP)

Um den Sonderpreis Klimaschutz der „Goldenen Kamera“ in Berlin entgegenzunehmen, ist Greta Thunberg aus Schweden mit der Bahn angereist – und saß dabei auf dem Boden. Junge Menschen wie die 16-jährige Schwedin sind für mich die „Generation der Erwachten“ und damit unsere Hoffnung. Um das genauer zu erklären, müssen wir beim Materiellen beginnen.

2018 haben erstmals zwei Unternehmen einen Börsenwert von einer Billion US-Dollar erreicht: zuerst Apple, kurz darauf Amazon. Damit war jeder dieser Konzerne mehr wert als die gesamte US-Unterhaltungsindustrie, also Netflix, Comcast, Disney und Co.

Der Börsenwert von Apple entsprach dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) Indonesiens – immerhin der Nummer 16 im globalen Ranking der Volkswirtschaften. Selbst die USA, noch immer die größte Volkswirtschaft, erzielten erst 1970 erstmals ein Bruttoinlandsprodukt von einer Billion US-Dollar, China erst 1998, Deutschland 1990 im Jahr der nationalen Wiedervereinigung.

Auch wenn die vier großen Konzerne, also Apple, Alphabet, Amazon und Microsoft, inzwischen jeweils einen Wert zwischen 800 und 850 Milliarden US-Dollar haben, sind sie größer als die meisten Länder, wenn wir als Maßstab das Bruttoinlandsprodukt wählen.

Aber warum diese alten Maßeinheiten? Bruttoinlandsprodukt – das klingt, als wären die USA, Deutschland oder Russland ökonomische Monolithen. Tatsächlich ergibt diese Messgröße vermeintlicher nationaler Wirtschaftskraft wenig Sinn.

Nicht nur, weil beispielsweise Regionen wie Ostbrandenburg und Oberbayern extrem unterschiedlich entwickelt sind, sondern ebenso, weil bei der Berechnung die Wirtschaftsleistungen von privatem und öffentlichem Sektor miteinander vermengt werden. So entstehen abstrakte Werte wie das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, eine imaginäre Durchschnittsgröße, die über die reale Kaufkraft der Einwohner sehr wenig aussagt.

In der Kolumne vom vergangenen Monat habe ich vor den Gefahren einer Algorithmokratie und möglichen Digital-Diktatoren gewarnt, heute geht es mir um das Verständnis für die Entwicklung unserer Gesellschaft.

Im Klartext: Die Welt ist entweder „lokal“, oder sie ist „global“. Eine Nationalwirtschaft oder ein Nationalstaatsgedanke machen keinen Sinn.

Im Rekordtempo verkünden Unternehmen hierzulande ihre strategischen Allianzen, die Automobilindustrie setzt auf Cloud-Lösungen und Quantencomputer. Die Silicon-Valley-Player haben unlängst ihre strategischen Allianzen mit ihren Counterparts in China gebildet. Und während sich Großbritannien noch mit dem Exit-Brexit beschäftigt, will Italien von der neuen Seidenstraße profitieren.

Spätestens in einem Jahr sind die Chinesen ein integraler Bestandteil der deutschen Wirtschaft. Während wir auf nationaler Ebene noch über das Investment von Huawei in unsere Netzinfrastruktur diskutieren, ist das Unternehmen im Ruhrgebiet längst ein Teil der Smart-Cities-Initiative. Die Welt ist endgültig an einem Punkt angekommen, an dem wir nur noch lokal oder global denken dürfen.

Vor allem aber sind die lokal gefertigten Endprodukte, deren Wert maßgeblich das Bruttoinlandsprodukt definiert, in der globalisierten Welt weitestgehend Fiktion.

Im vorglobalen Industriezeitalter war es sinnvoll, dass Staaten die Bildung industrieller Schwerpunkte förderten – beispielsweise Automobilbau und Chemie in Deutschland oder die Pharmaindustrie in der Schweiz. Auf diese Weise entstanden wettbewerbsfähige Branchen, die häufig Weltstandards gesetzt haben.

Heutzutage aber werden Waren wie Smartphones oder Autos in weltweit ausgegliederten Wertschöpfungsketten entwickelt, gefertigt und vertrieben. Welche Stadt – oder besser gesagt – welches Land möchte nicht der neue AI-Hub, also der zentrale Ort für Künstliche Intelligenz (KI), werden?

Dienstleistungen und Kapital kennen keine Grenzen, ganz zu schweigen von den kostbarsten aller heutigen Güter: den neuartigen Geschäftsideen. Wildes Wissen wird überall gebraucht. Und das entsteht oftmals durch Zusammenschlüsse scheinbar unvereinbarer Bereiche – durch lokale Gedanken in einer global vernetzten Welt.

Lokale Antworten für globale Herausforderungen

In den neuen Metropolen mit ihrem Mix aus lokalen Trends, Moden und Vorlieben finden wir die besten Voraussetzungen. Jeder lokale Hub – ob groß oder klein – hat eine eigene Struktur und seine Rolle im globalen Netz.

Manchmal werden aus lokalen Hypes globale Erfolgsstorys, aber die nationale Ebene spielt hierbei keine Rolle. Gerade in Deutschland, das erst im späten 19. Jahrhundert aus Dutzenden Klein- und Kleinststaaten zu einem föderalen Flickenteppich zusammengewebt wurde, sind die regionalen Identitäten sehr viel älter und stärker als die seit jeher mehr behauptete als gelebte nationale Identität.

In den Metropolregionen überdauert nicht nur der jeweilige Stammescharakter – die modernen Städte sind auch die Schauplätze urbaner Glückssuche, die uns heutige Metro-Menschen und Kosmopoliten magnetisch anziehen.

Nationalstaatliche Strukturen sind meist künstliche Korsette, die für das heute wieder viel beschworene Heimatgefühl in der Regel eine untergeordnete Rolle spielen. Wenn sich moderne Nomaden überhaupt noch irgendwo verwurzelt fühlen, dann am ehesten in einer Region und deren urbanem Kern.

Kein Wunder, dass Staaten wie die USA oder Großbritannien, die das Attribut United im Namen tragen, durch gewaltige Spaltungs- und Zerfallstendenzen erschüttert werden. Vereinigt waren die USA, wenn überhaupt, immer nur durch die Idee der individuellen Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten.

Heute dagegen sind es weltweit die großen Städte, die mit Verheißungen individueller Freiheit und Selbstverwirklichung, Vielfalt und Wohlstand locken. Was hat dagegen der Nationalstaat noch zu bieten? Auch in Deutschland nicht sehr viel mehr als das Phantom kultureller Identität für fast 83 Millionen Deutsche, deren kultureller Reichtum gerade aus der Vielfalt unterschiedlich geprägter Regionen entspringt.

Und genau hier entsteht heute unsere gesellschaftliche Herausforderung, die wir wirtschaftlich lösen müssen. Das Kernproblem: Wir können die Gesellschaft nicht verstehen, und es gelingt uns nicht die Wirtschaft neu zu denken, weil wir so festgefahren sind in alten Strukturen und Denkmustern.

Die „Generation der Erwachten“ handelt

Die Lösung: die „Generation der Erwachten“. Greta ist kein Phönix aus der Asche. Wir haben das nur nicht kommen sehen. Diese „Handlungs-Helden“, die ich auch „Generation Frieden“ nenne, sind bereits seit Jahren in Bewegung. Wir nennen es zwar eine „Revolution“, aber es ist tatsächlich eine Reaktion auf ein überholtes System. Wenn wir genauer hinschauen, ist diese Bewegung bereits seit Jahren unterwegs.

Die „Generation der Erwachten“ stellt Bewusstsein und Vitalenergie über materiellen Konsum. Ihr ist bewusst, dass es nicht darum geht, sich einen Zweit-Ferrari zuzulegen – sie kommt sogar ganz ohne rollendes Statussymbol klar.

Greta Thunberg in Berlin: „Wir sollten in Panik geraten“

Vielmehr geht es ihnen darum, sich der eigenen Verantwortung für diese Welt bewusst zu werden – und entsprechend zu handeln. Dies ist der signifikante Unterschied zu vorherigen Revolutionen. Denn im Gegensatz zur vordergründigen Rebellion der 1968er setzt diese Generation Haltung in Handlung um, startet Projekte, stellt konkrete Forderungen und konfrontiert Entscheider mit essenziellen Fragen.

Das Modell der (Zukunfts-)Experten lautete: Ich kann das lösen. Das Modell der „Generation der Erwachten“ lautet: Gemeinsam sind wir größer als das Wir – das Ganze ergibt mehr als die Summe seiner Teile.

Diese letzte Generation, die „Generation der Erwachten“, ist gleichzeitig die „Generation des Friedens“ und der Hoffnung. Hoffnung, dass wir die bevorstehenden existenziellen Herausforderungen meistern werden.

Natürlich gibt es auch in dieser Generation – gerade bei den jungen Männern – etliche „Verlorene“, aber bei der großen Mehrheit beobachte ich einen starken Wandel. Es sind junge Menschen, die ganz genau wissen, was sie als Nächstes anpacken wollen. Sinnhaftigkeit und Werte stehen für sie im Vordergrund – und nicht die Träume von Luxuskonsum.

Diese Generation versteht, dass Materie und Energie zwei Seiten unserer Wirklichkeit sind. Wie alle vor ihr will auch die heutige Generation Anerkennung finden, aber sie weiß, dass sich Anerkennung nicht nur in einer Rolex oder in einem Porsche ausdrücken kann, sondern auch – und viel angemessener – in immateriellen Gütern wie Liebe oder sozialer Geborgenheit.

Die „Generation Umbruch“ ist eine mächtige Triebfeder des ökonomischen Wandels – vom materialistischen Turbokapitalismus zur Quantenwirtschaft, in der der Fokus auf postmateriellen Bedürfnissen und Angeboten liegt.

Die jungen Menschen, die derzeit für unseren Planeten auf die Straße gehen, erzeugen Aufmerksamkeit für das Thema Umwelt. Das ist gut so, denn geredet haben wir genug. Wir brauchen jetzt Action.

Bambi-Award-Gewinnerin Melati Wijsen aus Bali startete vor Kurzem nach „Bye Bye Plastic Bags“ eine weitere globale Initiative, um vielen dieser jungen Changemaker, also Veränderern, eine Plattform zu geben. „Bigger Than Us“ verkörpert die Mentalität, aber auch die Umsetzungskompetenz der Generation der Erwachten.

Jetzt stehen wir vor einer Herausforderung. Diese Generation braucht unsere Unterstützung. Unternehmer, Lenker und Denker müssen den Erwachten ermöglichen, ihre Projekte und Visionen zu verwirklichen.

Die Welt alleine den Experten oder der Nationalwirtschaft zu überlassen, wäre fatal. Die Erwachten zeigen uns den Weg, jetzt brauchen wir einen gesunden Macher-Mix. Lasst uns es anpacken.

Anders Indset, von Medien als „Digitaler Jesus“ oder „Rock’n’Roll Plato bezeichnet, zählt zu den führenden Wirtschaftsphilosophen und gilt als vertrauter Sparrings-Partner für internationale CEOs und führende Politiker.

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2 Kommentare zu "Expertenrat – Anders Indset: Was wir von der „Generation Greta“ lernen können"

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  • Die Wortwahl "Erwachten" ist für mich unseriös. Es klingt nach Religion und das hat etwas absolutes, belehrendes. Ich lasse mich nicht belehren, schon gar nicht von Schulmädchen. Ich würde mich überzeugen lassen.
    Zunächst soll mir aber mal einer erklären, warum Deutschland dreistellige Milliardenrisiken und das Risiko der Deindustrialisierung auf sich nehmen soll, wenn in China und Indien locker weiter sogar Kohlekraftwerke neu gebaut werden.
    Wir sind in D deutlich weniger als 1% der weltweiten CO2 Verursachung (ref. Anhörung zu diesem Thema im Bundestag).

  • "Generation der Erwachten" verbinde ich erstmal gedanklich mit so etwas wie Scientology oder irgend eine Sekte, Ideologie.
    Dass Jugendliche und junge Erwachsene idealistisch sind, ist normal und es ist auch nichts dagegen einzuwenden.
    Wenn von Menschen - egal welchen Alters - Vorschriften für Gedanken, Verhalten und Entscheidungen anderer Menschen ausgehen, so wirkt das auf mich wie eine Art Gedankenpolizei. Georg Orwell 1984 lässt grüßen.
    Selbst halte ich mich sehr zurück, was Energieverbrauch, Konsum und Verschwendung angeht, ein Lob dafür wäre mir peinlich, weil ich das persönlich als sinnvoll erachte. ABER es ist jedem erlaubt sich seine eigenen Gedanken zu machen und sich FREI selbst zu entscheiden - auch für Luxus oder Verschwendung! Vorschriften? Nein Danke!

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