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Tijen Onaran

Expertenrat – Anders Indset Wie eine Quantenwirtschaft unsere Welt zum Besseren verändern kann

Ökonomie ist kein Spiel, das man gewinnen kann, sie ist chaotisch und merkwürdig. Wir müssen lernen, Wirtschaft neu zu denken – zum Wohle aller.
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Die zurückliegenden 30 Jahre waren durch Turbokapitalismus und Hyperkonsumismus geprägt. Quelle: Reuters
Skyline von Singapur

Die zurückliegenden 30 Jahre waren durch Turbokapitalismus und Hyperkonsumismus geprägt.

(Foto: Reuters)

Auch wenn das Börsenjahr mit einem Minus endete: Es geht uns gut. Sogar verdammt gut! Wir haben Großartiges geleistet auf unserem Planeten. Aber vieles spricht dafür, dass wir den Peak, das globale Wohlstandsmaximum, erreicht haben oder kurz davor sind. Angenommen, das beste aller Jahre läge hinter uns: Was würdest du hier und jetzt machen? Was wäre deine Strategie?

Würdest du nach dem Prinzip Hoffnung trotzdem weiter auf noch mehr Wohlstand und Wachstum für alle setzen? Oder würdest du lieber retten, was noch zu retten ist? Würdest du alles auf Sieg setzen, schnell die nächsten Gewinne sichern und dich für einen möglichen Crash wappnen? Wie wirst du mit den Herausforderungen umgehen, die 2019 der Wirtschaft bevorstehen?

Das Ende der „New Economy“

Die „Old Economy“ war verarbeitungs- und rohstoffbasiert; in der „New Economy“ verschob sich der Fokus auf neue Produkte und Dienstleistungen, die mit und durch Technologie entwickelt werden. Diese kapitalistische Reise, die in den 1980er-Jahren begann und zur Jahrtausendwende durch die Dotcom-Blase und 2007/2008 erneut durch die weltweite „Wirtschaftskrise“ gebremst wurde, geht jetzt bereits wieder zu Ende.

Der Kampf der Algorithmen, die Verlagerung der Autorität von Personen und Institutionen hin zu Computern und die Schlacht um den Technologie-Thron bestimmen in Zeiten von KI und Deep Learning die Agenda. „Daten sind das neue Öl“ lautet die Parole. Aber unter dem schicken neuen Outfit verbergen sich die alten Modelle und Theorien aus den 80ern – vom „Maximize Shareholder-Value“ bis hin zum „Survival of the Fittest and Sexiest“. Siegen um jeden Preis ist nach wie vor die alles bestimmende Devise in den Unternehmen, notfalls auch auf Kosten der Menschen, die in den Firmen arbeiten.

Doch die neue Ära hat schon begonnen. Die „New Economy“ hat ihr Versprechen, mit dem sie die „Old Economy“ hinwegfegte, nicht eingelöst. Ewiges materielles Wachstum und Ferraris für alle kann und wird es nicht geben. Das heutige Wirtschaftssystem erzeugt Instabilität durch Konsumismus und Machtgefälle.

Würden wir weiterhin Perfektionierung und Profitmaximierung über alles andere stellen, ginge das auf Kosten der Menschen und der Menschheit und würde womöglich sogar unsere humanistische Basis zerstören. Deshalb bleibt uns keine andere Wahl: Wir müssen das Beste aus der „Old Economy“ und aus der „New Economy“ retten und die Wirtschaft neu denken.

Warum du unternehmerisch nicht auf Sieg setzen solltest

Diese neue Ökonomie nenne ich Quantenwirtschaft. Sie wird unsere Gesellschaft stabilisieren und zu einer solidarischen Gemeinschaft führen. Noch herrscht lineares Denken – nur was wir berechnen können, gilt als real und werthaltig. Die Quantenwirtschaft dagegen beruht auf der Einsicht, dass die Welt nicht linear ist und nicht aus unverbundenen Teilchen besteht, sondern alles mit allem zusammenhängt. Und dass die materiellen Ressourcen zwar begrenzt sind, die Welt als Ganzes aber unendlich.

Die zurückliegenden 30 Jahre waren durch materialistischen Turbokapitalismus und suchtartigen Hyperkonsumismus geprägt. Die unteren Stufen der Maslow’schen Bedürfnispyramide wurden immer weiter ausgebaut, die Befriedigung von physischen und Sicherheitsbedürfnissen wurde exzessiv ausgedehnt.

Dabei ging es allein um „endliche“ Ziele wie definierte Werte für Aktionäre, Umsatz- und Gewinnmaximierungsziele, häufig ausgerichtet an weiteren willkürlichen Konstrukten wie Umsatz pro Quartal oder Gewinn pro Geschäftsjahr. Ethische Fragestellungen rückten mangels gesetzlicher Grundlage immer weiter in den Hintergrund; „Gewinner“ und „Verlierer“ wurden einzig durch Bilanzkennzahlen definiert.

In der Wirtschaft kann es aber de facto keine Sieger geben, weil Ökonomie kein endliches Spiel ist. Die beliebten Vergleiche von Firmen mit Sportmannschaften und der Wirtschaft mit einem Biathlon- oder Fußballturnier führen in die Irre. Sportwettbewerbe enden mit Pokalen oder Medaillen für die Sieger.

Erfolgreiche Unternehmen dagegen leben nicht von Siegen, sondern davon, möglichst lange „mitzuspielen“. Vitalität und Erfolg in der Quantenwirtschaft sind durch Unendlichkeit und Unvorhersehbarkeit definiert. Börsenkurse steigen so lange, bis sie nicht mehr steigen. Innovative Unternehmen wachsen so lange, bis sie nicht mehr wachsen. Die Wirtschaft ist chaotisch und merkwürdig, genauso wie die merkwürdige Welt der Quantenrealität. 

Wie die Quantenwirtschaft aussehen kann

Mit meiner heutigen Kolumne lade ich zu einem ersten Date mit der Quantenwirtschaft ein. Deutsche Bank, Deutsche Bahn, Deutsche Post oder Deutsche Börse: In welchem dieser Unternehmen traut sich der Vorstand, alles auf den Prüfstand zu stellen? Brauchen wir künftig noch Banken? Vermutlich nicht, aber vielleicht brauchen wir „Banking”? Müssen wir wirklich für Energie zahlen (über das Investment in ein Gerät oder die Technologie hinaus), oder werden wir bald freie Energie für alle haben?

In der Quantenwirtschaft, so wie ich sie sehe, wird es keine Energieknappheit mehr geben. Sonnenenergie beispielsweise gibt es genug, und das Problem der Speicherung wird bald schon gelöst sein. Wenn Energie als freies Gut für jedermann verfügbar ist, werden die Auswirkungen auf alle Wirtschaftszweige und auf die Lebensqualität weltweit enorm sein.

Wie sehen die konkreten Konsequenzen dieser Entwicklung für dein Unternehmen aus? Ein Retreat mit dem Fokus auf philosophische Kontemplation ist der ideale Rahmen, um solche wirklich aktuellen Fragen zu diskutieren.

In der Quantenwirtschaft braucht es Mut zu neuem Leadership. Es geht nicht mehr darum, Wettbewerber zu besiegen, sondern darum, eine gesunde Rivalität zu pflegen, von vermeintlichen Feinden zu lernen und in einer Welt der Interdependenz zu wachsen.

Wenn du die Wahrheit suchst, sei offen für das Unerwartete, denn es ist schwer zu finden und verwirrend, wenn du es findest. Heraklit

Die Quantenwirtschaft braucht Gestalter des Wandels, die es verstehen, Vertrauen zu leben und Teams zu formen, basierend auf grundlegenden Werten und philosophischen Einsichten, die umfassender sind als das Unternehmen oder Teile der Organisation. Manchmal braucht es auch Mut für eine existenzielle Wende oder zumindest dazu, außerhalb des Unternehmens etwas Neues ins Leben zu rufen, das möglicherweise die bestehende Firma ersetzen wird.

In permanenter Angst zu leben und womöglich den Untergang der menschlichen Spezies mitzuerleben, kann dagegen keine Option sein. Wir müssen uns trauen, einen Schritt in Richtung einer neuen Blüte zu machen. Einer Blüte aus Innovationskraft und Vertrauen, Zusammenarbeit oder Kooperenz – der Synthese aus Kooperation und Konkurrenz.

Ein kleiner Ausblick auf das Jahr 2019

Vielleicht haben wir die Spitze des menschlichen Fortschritts erreicht, aber falls nicht: Wie können wir uns 2019 weiterentwickeln? Hin zu technologischer Singularität und Posthumanismus – oder zu Fortschritt für die Menschheit durch Kreation, Innovation und neue wissenschaftliche Erkenntnisse?

Die Quantenwirtschaft, wie ich sie verstehe, wird unsere Gesellschaft zum Wohl der Menschen verändern. Sie wird nicht nur unsere materiellen Bedürfnisse befriedigen, sondern uns auch ermöglichen, unsere Talente zu entwickeln und unsere Träume auszuleben.

Die Ökonomie der Zukunft wird alle fundamentalen Bereiche der Gesellschaft regeln: unsere materiellen Bedürfnisse, unsere sozialen Beziehungen, virtuelle ebenso wie reale, unsere Verwaltung, Bildung und Kultur, unsere geistige Entwicklung und Selbstverwirklichung. Einst war die Wirtschaft der Unterbau von Künsten, Wissenschaft, Bildung und kulturellem Leben – nun kehren sie alle quasi nach Hause zurück.

Trauen wir uns in diesem neuen Jahr, die Wirtschaft neu zu denken? Trauen wir uns, zum Wohl der Menschen Fortschritt neu zu definieren? Das Ergebnis wird uns überraschen. Panta rhei – alles ist im Fluss. Die Verantwortung für unser Handeln übernehmen wir gemeinsam. Mit der Quantenwirtschaft können wir das Ablaufdatum für unsere Firma und für unsere Spezies verlängern. Bis ins Unendliche? Wir werden sehen, es liegt ganz bei uns.

Ich freue mich auf Zu- und Widerspruch.

Godt Nyttår. Ha et hyggelig 2019!

Anders Indset, von Medien als „Digitaler Jesus“ oder „Rock’n’Roll Plato bezeichnet, zählt zu den führenden Wirtschaftsphilosophen und gilt als vertrauter Sparrings-Partner für internationale CEOs und führende Politiker.

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