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Tijen Onaran

Expertenrat – Anders Indset Wir brauchen eine neue DDR!

Deutschland braucht ein neues Betriebssystem, um im technologischen Wettrennen mithalten zu können. Dafür muss mehr praktische Philosophie ins Business.
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Was kommt nach der Digitalisierung? Schon heute eine existenzielle Frage. Quelle: dpa
Glasfaserkabel

Was kommt nach der Digitalisierung? Schon heute eine existenzielle Frage.

(Foto: dpa)

Es war eine Studie mit Sprengkraft, die die niederländische Direktbank ING in der vergangenen Woche veröffentlichte. Denn wie bei der Digitalisierung und beim Handynetz waren die Deutschen nicht vorne, sondern mal wieder ganz hinten.

Ergebnis der Studie: 31 Prozent der Deutschen verfügen über keinerlei finanzielle Rücklage. Im europäischen Vergleich ist nur Rumänien schlechter aufgestellt. Die Hälfte der Befragten antwortete, dass das Geld am Monatsende schon mal ganz aufgebraucht war.

Die Studie dokumentiert aber auch die andere Seite der Einkommensskala. Denn wer in Deutschland tatsächlich etwas zurücklegen kann, hat mehr Vermögen und Erspartes als anderswo in Europa. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist offenbar nirgends größer als hierzulande.

Was lernen wir daraus? Boom-Zeiten kommen vor allem Reichen, nein, Super-Reichen zugute.

Die Volkswirtschaften der westlichen Wohlstandsregionen befinden sich im vorletzten Stadium ihres Lebenszyklus. Der Zustand heute: suchtartiger Überkonsum kurz vor dem Kollaps. Denn wir haben die Ressourcen unseres Planeten bereits weitgehend geplündert.

Wie ist es dazu gekommen? Der Lebenszyklus jeder Marktwirtschaft beginnt mit Revolverkapitalismus. Wenn dann der Wachstumsmotor zündet, folgen Regulierung und Besteuerung. Die öffentliche Hand verteilt Transferleistungen. Rechte und Ansprüche werden erworben. Wohlstand breitet sich aus bis hin zum Überkonsum – und schließlich folgt der Kollaps.

Weder Kapitalismus noch Sozialismus haben Antworten

In den kommenden zehn bis 20 Jahren werden uns Ereignisse bevorstehen, auf die der heutige Kapitalismus keine Antwort hat.

Wir müssen feststellen: Liberale Demokratie, gepaart mit Kapitalismus, ist vielleicht doch nicht das beste System. Womöglich ist es nur das am wenigsten schlechte in der heutigen Zeit. Der linke Ansatz des Sozialismus ist aus meiner Sicht auch keine Alternative. Wir haben Fehler im System, oder sogar das falsche System.

Was also tun? Würden wir unser aktuelles Betriebssystem hinterfragen, wäre das Sprengstoff für das gesamte demokratische System und die damit verbundenen Parteien. Also investiert der Staat mit teuren Beraterverträgen lieber in Glanzfolien und Buzzwords - nach dem Motto „If you can’t convince ’em, confuse ’em“.

Was wir brauchen, ist eine neue Leitidee. Mein Ansatz einer „Quantenwirtschaft“ ist ein Weg, den unvollendeten Kapitalismus weiterzuentwickeln. Doch auch unsere Gesellschaft benötigt neue Impulse.

Unsere Risiken sind nicht der Wirtschaftsboom aus China oder die technologischen Entwicklungen aus Shenzhen und die damit verbundene verlorene Wettbewerbsfähigkeit. Auch „die Digitalisierung“ ist es per se nicht. Vielmehr sollten wir vor dem „Betriebssystem“ des „China-Modells“ Respekt haben: ein Vorzeige-Objekt in Wachstum und Kontrolle. Für viele weitere Regionen und Staaten mit Herausforderungen ein Vorbild und möglicher Weg zum Wohlstand.

Meine Überzeugung: In wenigen Jahren werden einige bevölkerungsstarke Nationen das Modell adaptieren. Womöglich wird in den nächsten Jahren die Hälfte der Weltbevölkerung auf ein digitales Überwachungssystem mit sozialen Bewertungsmodellen und digitaler Transparenz basierend auf leistungsstarken Quantencomputern umsteigen.

Doch ist das ein Modell für alle? Für Deutschland sicherlich nicht. Es könnte aber womöglich irgendwann so kommen, dass sich Europa einem solchen System unterordnen muss. Mit den Folgen einer Algorithmokratie oder digitalen Diktatur, weil das System zu mächtig wird. Niemand weiß genau, ob und wann es so weit kommt. Doch der möglichen Konsequenzen sollten wir uns schon heute bewusst werden. Einen Supercomputer mit drei Milliarden Anwendern, Kameras an jeder Straßenecke, optimierten Algorithmen für die Menschen und perfekter Distribution - den kann niemand wieder abschalten.

Eine Welt-Diktatur?

Gesellschaft und Wirtschaft gehen immer Hand in Hand. Heute sind wir alle Teil der Inter-Weltgesellschaft der Wirtschaft. Die kommunistische Planwirtschaft à la Marx und Lenin ist gescheitert, weil es an einem geeigneten Betriebssystem fehlte. Die Fülle an Informationen, die verfügbar sein müssen, damit eine Planwirtschaft nicht am Bedarf vorbei produziert und distribuiert, konnten die Marx-Jünger in der Sowjetunion oder in der DDR weder erheben noch verarbeiten. Auch die Überwachung der Bevölkerung war viel aufwendiger, als noch reale Stasi-Schnüffler in der analogen Welt aktiv werden mussten, um suspekte Volksgenossen aufzuspüren und auszuspionieren. Hätte es 1848, als Karl Marx „Das Kommunistische Manifest“ verfasste, ein intelligentes Gerät namens „Smartphone“ in der Hosentasche eines jeden gegeben – mit ungeahnten Möglichkeiten der Überwachung und Analyse - so wäre die Geschichte vielleicht anders verlaufen.

Heute leben wir in genau dem Überwachungsszenario, von dem die kommunistischen Führer in Moskau oder Ostberlin immer geträumt haben. Die roten Mandarine in China haben länger durchgehalten und können nun dank modernster Technik Wirtschaft und Bevölkerung lenken und kontrollieren. In China finden wir einen Marx für junge Leute, einen charismatischen Helden der Revolution in Zeichentrick-Form. Überall steht Marx auf dem Lehrplan, von der Grundschule bis zur Universität.

Gehört die Zukunft also den Digitaldiktatoren? Droht uns eine Welt-Diktatur? Sicher ist: Unser politisches System wird sich genauso wie das ökonomische System tiefgreifend verändern. Marx’ Gedanken und Theorien, auf die sich mit Stalin und Mao unter anderem zwei der größten Massenmörder der Geschichte berufen haben, sind zu Recht umstritten und sicherlich nicht die Antwort. Wir sollten jedoch Marx’ Grundgedanken gegenüber aufgeschlossen sein – zumindest um zu wissen, wie wir es nicht machen. Denn wir leben in einer globalen Weltgesellschaft, in der radikales Umdenken gefragt ist. 

Wirtschaft muss Impulse geben und nicht bremsen

Wie ich in „Anders gedacht“ im Februar geschrieben habe: Wir brauchen Mut zu neuer Führung und müssen ein passendes Betriebssystem für unsere Gesellschaft entwickeln, mit dem wir im technologischen Wettrennen mithalten können. Nur so können wir unsere geschätzten gesellschaftlichen Werte - die Basis für Humanismus - behalten.

Das bedeutet: Wir müssen digitale Themen viel radikaler anpacken als bislang. Die Jubel-Arien der Parteien rund um den endlich beschlossenen Digitalpakt für Schulen sind eher ein Armutszeugnis in Sachen digitaler „Aufholjagd“. Ein weiteres Beispiel: Die Wolken über der einst so starken und fortschrittlichen deutschen Automobilindustrie werden immer finsterer.

Was wir brauchen, sind dringend innovative Impulse aus der Wirtschaft. Wir müssen herauskommen aus den alltäglichen Routinen und unserem Reaktionsmodus. Wir brauchen Gestalter des Wandels, und jeder von uns sollte die Rolle als Gestalter des Lebens annehmen.

Die Entscheidung vieler kleiner und mittelständischer Unternehmen, lieber abzuwarten oder sich von technologischen Themen der Künstlichen Intelligenz zu entkoppeln, halte für extrem gewagt. Denn wir können uns der technologischen Entwicklung mit all ihren Konsequenzen nicht entziehen.

Wir sollten proaktiv und bewusst eine neue Leitidee gestalten und ein radikales Umdenken herbeiführen. Dazu müssen wir uns fragen: Wie kann ein postdemokratisches Modell aussehen, das bürgerliche Teilhabe an Entscheidungsprozessen ermöglicht und Machtmissbrauch verhindert, aber die Schwerfälligkeit und dysfunktionale Theatralik der gegenwärtigen Pseudo-Demokratien hinter sich lässt?

Mit welchem Wirtschaftsmodell wird dieses postdemokratische Gesellschaftssystem verbunden sein? Mit dem unvollendeten Kapitalismus heutiger Prägung, der unsere Erde verwüstet hat und immer mehr Menschen in süchtige Konsumopfer verwandelt? Sicher nicht.

Eine neue Staatsform wäre womöglich ein erster Schritt. Eine Staatsform, auf europäischer Ebene, bei der Entscheider und Gestalter für eine bestimmte Zeit in direkter Wahl ohne Partei-Struktur gewählt werden. Wir brauchen Repräsentanten des Volkes, die in der Lage sind, an einem zukunftsfähigen neuen System für unsere Gesellschaft zu arbeiten.

Philosophie ist die Antwort auf Algorithmokratie

Wandern nun endlich die großen philosophischen Fragen aus den Kantschen Denkstübchen im ehemaligen Königsberg in die Meeting-Räume der Dax-Konzerne und in die Vorstandszimmer der Hidden Champions? Es wäre an der Zeit und die dringend notwendige Antwort auf das nächste Release der Algorithmokratie.

Die Lösung heißt für mich: Praktische Philosophie muss ins Business. Den heutigen Kant-, Hegel-, Heidegger- und Jaspers-Anhängern gehört eine „C-Rolle“ verliehen. Der „CPO“, also der „Chief Philosophy Officer“, kann sicherlich nur eine Übergangslösung sein, denn in Wahrheit sollten alle Führungskräfte die Kunst der philosophischen Kontemplation beherrschen.

Was kommt nach der Digitalisierung? Eine existenzielle und gesellschaftliche Frage, die ungefähr gleichbedeutend ist mit: Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Die Wirtschaft sollte heute zu den vier Kernfragen von Kant zurückkehren: 1) Was kann ich wissen? 2) Was soll ich tun? 3) Was darf ich hoffen? 4) Was ist der Mensch? 

Wer oder was wollen wir sein? Noch können wir mitentscheiden. Die Chance für Deutschland und Europa liegt nicht bei der KI, Quantencomputern oder bei der Gestaltung des nächsten „Germanium Hill“. Das ist nur die Basis, um mitzuhalten. Die Chancen für Deutschland und Europa liegen vielmehr in der Tradition der Denker und in der Philosophie.

Die Antwort auf das China-Modell ist der Aufbau einer „Digitalen Deutschen Republik“. Einer DDR, die nicht etwa durch Software-Ingenieure, sondern durch philosophische Kontemplation geprägt ist.

Wir brauchen ein digitales Deutschland und Europa durch praktisch anwendbare Philosophie für jedermann. Wer ist euer nächster „Chief Philosophy Officer“ im Unternehmen?

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