Verena Bentele

Expertenrat – Verena Bentele Die Schattenseiten des deutschen „Jobwunders“

Noch nie seit der Wiedervereinigung hatten so viele Menschen in Deutschland eine Arbeit. Doch die Statistik trügt. Nicht überall kommt der Wohlstand an.
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Viele Erwerbstätige können von ihrem Einkommen nicht leben. Quelle: dpa
Bauarbeiter

Viele Erwerbstätige können von ihrem Einkommen nicht leben.

(Foto: dpa)

Auf den ersten Blick geht es Deutschland gut. Die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosigkeit sinkt. Noch nie seit der Wiedervereinigung waren so viele Menschen erwerbstätig wie heute, nämlich 44,3 Millionen.

Doch diese positiven Meldungen täuschen darüber hinweg, dass zu viele Arbeitnehmer nicht vom wirtschaftlichen Aufschwung profitieren und unter immer schlechteren Konditionen arbeiten müssen. Auch dadurch nimmt seit Jahren die soziale Spaltung unserer Gesellschaft zu.

8,3 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse sind befristet. 2017 hatten 3,2 Millionen Menschen befristete Verträge etwa als Leiharbeiter oder als Werksvertrag-Nehmer. Zehn Jahre zuvor waren es 2,1 Millionen.

Zunehmende Befristungen machen das Leben der Arbeitnehmer immer unsicherer, ihre berufliche und private Zukunft können sie immer weniger planen. Dazu kommt der materielle Mangel, mit dem viele Erwerbstätige zu kämpfen haben.

Deutschland hat aufgrund der Agenda 2010 den größten Niedriglohnsektor Europas. Jeder fünfte Arbeitnehmer ist in diesem Bereich beschäftigt. Das führt dazu, dass rund eine Million Menschen ihr karges Einkommen mit Hartz IV aufstocken müssen. 2017 überstieg die finanzielle Unterstützung, die Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften mit mindestens einem abhängigen Erwerbstätigen erhielten, die Zehn-Milliarden-Euro-Marke.

Es ist besorgniserregend, dass inzwischen breite Bevölkerungsschichten zum Prekariat gehören. Wissenschaftler gehen von vier Millionen oder rund zwölf Prozent der Erwerbstätigen aus, die ihr Dasein unter prekären Lebensumständen fristen müssen.

Prekarität – das bedeutet perspektivlose Jobs, geringe Einkommen, mangelnde soziale Absicherung - und das über viele Jahre hinweg. Dazu kommen Armut, Schulden, beengte Wohnverhältnisse. Besonders betroffen sind etwa Frauen mit Kindern und junge Männer ohne abgeschlossene Ausbildung.

Gute und fair bezahlte Arbeit schaffen

Klar ist, dass die Einkommensarmen und „Prekären“ von heute die Armutsrentner von morgen sind. Um die Altersarmut breiter Bevölkerungsschichten aber erst gar nicht entstehen zu lassen und Arbeitnehmern in der Gegenwart zu einem sicheren Leben zu verhelfen, ist flächendeckend gute und fair bezahlte Arbeit der Schlüssel.

Menschen müssen wieder von ihrer Arbeit leben und sich auf eine ausreichende Rente im Alter verlassen können. Das steht den Erwerbstätigen zu. Sie sind der Pfeiler, auf dem der Reichtum Deutschlands basiert, sie müssen deshalb auch daran beteiligt werden.

Zur gerechten Verteilung des Wohlstands gehört, den gesetzlichen Mindestlohn von den aktuell viel zu niedrigen 8,84 Euro auf über zwölf Euro anzuheben. Hier muss die Bundesregierung dringend handeln. Denn sie selbst hat ausgerechnet, dass der Mindestlohn bei 12,63 Euro liegen muss, damit Arbeitnehmer im Alter eine Rente über dem Grundsicherungsniveau bekommen. Damit Arbeitgeber ihren Mitarbeitern tatsächlich den Mindestlohn zahlen, brauchen wir mehr Kontrollen und für diese mehr Personal.

Gute Arbeit entsteht auch durch arbeitsrechtliche Reformen, die Befristungen und prekäre Beschäftigungsformen wie Leiharbeit, Werkverträge oder Minijobs eindämmen. Sachgrundlose Befristungen darf es in Zukunft nicht mehr geben. Daher sollte man das Thema politisch schnell wieder aufgreifen und Maßnahmen dagegen durchsetzen.

Um allen eine gute Chance auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen, ist Bildung unentbehrlich, daher ist jeder Euro in Bildung und Weiterbildung gut investiert. In Zeiten, in denen Fachkräfte fehlen, ist Weiterbildung ein effektives Mittel, dass Menschen nicht abgehängt werden.

Ein sozialer Arbeitsmarkt in einer sozialen Marktwirtschaft

Um Langzeitarbeitslosen zu helfen, hat die große Koalition im Sommer das Teilhabechancengesetz beschlossen. Es soll Langzeitarbeitslose, die seit mindestens sechs Jahren Hartz IV beziehen und auf dem ersten Arbeitsmarkt chancenlos sind, in eine Beschäftigung führen. Aktuell sind das 600.000 Menschen. Für sie sollen bis zu 150.000 staatlich bezuschusste Stellen in der freien Wirtschaft, in Wohlfahrtsverbänden und in Kommunen entstehen.

Dieser soziale Arbeitsmarkt sichert Langzeitarbeitslosen neben Anerkennung und Teilhabe am Leben ein Einkommen und damit eine Altersrente. Eine solche Förderung ist zweifellos sinnvoll. Noch wichtiger ist aber, dass der Arbeitsmarkt insgesamt sozialer wird, dass also auch in der freien Wirtschaft Arbeit angemessen bezahlt wird.

Gegen prekäre Beschäftigung, geringe Einkommen und Altersarmut müssen wir dringend etwas tun. Ein „Weiter-so“ darf es hier nicht geben. Es ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, Menschen an dem von ihnen erwirtschafteten Reichtum zu beteiligen.

Verena Bentele ist seit 2018 Präsidentin des Sozialverbands VdK, dem mit 1,9 Millionen Mitgliedern größten in Deutschland. Zuvor war sie Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderung.

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