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Verena Bentele

Expertenrat – Verena Bentele Gehen gesetzlich Versicherte in Deutschland wirklich zu oft zum Arzt?

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung zählt zu viele Arztbesuche und zweifelt an der Ernsthaftigkeit der Patienten. Doch das entspricht nicht der Realität in der Praxis.
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Das deutsche Gesundheitssystem ist auf viele Arztbesuche angelegt. Quelle: dpa
Wartezimmer beim Arzt

Das deutsche Gesundheitssystem ist auf viele Arztbesuche angelegt.

(Foto: dpa)

Dr. Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, äußerte unlängst, dass gesetzlich versicherte Patientinnen und Patienten in Deutschland zu oft zum Arzt gehen und ihre Versichertenkarte wie eine Flatrate nutzen würden. Dadurch würden sie im Gesundheitswesen vermeidbare hohe Kosten verursachen. Um diese einzudämmen und Versicherte von zu vielen Arztbesuchen abzuhalten, brachte er Strafgebühren in die Debatte. Wer öfter zum Facharzt gehen wolle, solle einen entsprechenden Wahltarifsystem buchen und mehr bezahlen.

Mit diesen Äußerungen verunsichert und verärgert er die Versicherten. Zumal es für seine Aussagen keine verlässliche statistische Grundlagen gibt. Laut einer OECD-Studie von 2017 gehen die Deutschen durchschnittlich knapp zehnmal im Jahr zum Arzt. Damit liegt Deutschland unter den fünf Staaten mit den meisten Arztbesuchen. In Korea aber gehen die Menschen im Durchschnitt rund 16 Mal jährlich zum Arzt, in Schweden hingehen nur knapp dreimal.

Schwer vergleichbare Gesundheitssysteme

Diese Daten sind allerdings nicht so aussagekräftig, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Denn die Gesundheitssysteme der verschiedenen Länder sind nicht miteinander vergleichbar. In den meisten Ländern arbeiten Fachärzte nur in Krankenhäusern und betreiben keine eigenen Praxen wie in Deutschland. Die Besuche dort werden daher nicht in der Statistik erfasst. Zudem finden Kontrolltermine wie gynäkologische Checks, Krebsvorsorge oder Augenarztkontrollen hierzulande immer in Facharztpraxen statt. Für jeden Check müssen Patientinnen und Patienten einen extra Termin vereinbaren.

Dadurch summieren sich die Arztbesuche in Deutschland sehr schnell. Zweimal im Jahr ein gynäkologischer Check, ein Kontrolltermin beim Augenarzt, ein Hautscreening beim Hautarzt, die Grippeimpfung und eine Darmkrebsuntersuchung beim Gastroenterologen. In anderen Ländern erledigen solche Untersuchungen Hausärzte, manchmal sogar Hilfspersonal. Auch bei der Schwangerschaftsvorsorge gibt es gravierende Unterschiede zwischen den Ländern. In Deutschland erfolgen monatlich und später vierzehntägig Vorsorgeuntersuchungen beim Gynäkologen. In der Regel sind drei Ultraschalluntersuchungen vorgesehen, bei Risikoschwangerschaften mehr.

Schon dieser kurze Blick auf die Gesundheitssysteme anderer Länder zeigt, dass man den Patientinnen und Patienten in Deutschland keinen Vorwurf machen kann. Sie nutzen weder das Gesundheitssystem noch ihre Versichertenkarte aus. Unser Gesundheitssystem ist auf viele Arztbesuche ausgelegt.

Keine Zwei-Klassen-Medizin

Die von Andreas Gassen geforderten Gebühren – besser Strafzahlungen - würden wohl niemanden davon abhalten, einen Arzt zu besuchen. Gassen sollte noch gut die Praxisgebühr in Erinnerung haben, die 2013 mangels Erfolgs abgeschafft wurde. Die zehn Euro Praxisgebühr, die jeder gesetzlich Versicherte pro Quartal bei seinem Hausarzt bezahlen musste, hat nicht dazu geführt, dass weniger Ärzte konsultiert wurden.

Zum Glück, kann ich nur sagen. Denn eine Zwei-Klassen-Medizin, in der sich die einen häufige Arztbesuche leisten können und die anderen nicht, kann nicht das Ziel eines Gesundheitssystems sein. Im Übrigen haben Patienten in bestimmten Fällen das Recht auf eine fachärztliche Zweitmeinung. Dies zu nutzen zeugt nicht von verantwortungsloser Anspruchsmentalität, sondern ist oft eine kluge Entscheidung.

Es geht schließlich um die eigene Gesundheit und um Informationen etwa über anstehende komplizierte Operationen. Und letztlich geht es auch darum, die freie Arztwahl für die gesetzlich Versicherten aufrecht zu erhalten und jedem Patienten unabhängig von seinen finanziellen Möglichkeiten die bestmögliche gesundheitliche Beratung und Versorgung zukommen zu lassen.

Mehr: Gesundheits-Apps, Online-Sprechstunde, elektronische Patientenakte – die Digitalisierung der Gesundheit ist in vollem Gange. Ein Verbraucher-Guide.

Verena Bentele ist seit 2018 Präsidentin des Sozialverbands VdK, dem mit zwei Millionen Mitgliedern größten Sozialverband in Deutschland. Zuvor war sie Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderung.

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