Verena Bentele

Expertenrat – Verena Bentele Wir brauchen eine Gesamtstrategie für mehr Inklusion in Schulen

Inklusive Bildung kommt in Deutschland nur langsam voran. Alle Kinder sollten die gleiche Chance auf gute Bildung haben. Eine neue Strategie ist notwendig.
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In deutschen Regelschulen kommt das gemeinsame Lernen nur langsam voran. Das ergab jüngst eine Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Quelle: dpa
Inklusion in der Schule

In deutschen Regelschulen kommt das gemeinsame Lernen nur langsam voran. Das ergab jüngst eine Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung.

(Foto: dpa)

Die Bertelsmann-Stiftung hat kürzlich eine Studie zum Stand der Inklusion im deutschen Bildungssystem herausgebracht. Danach ist der Anteil der Schüler, die an Förderschulen lernen, im bundesweiten Durchschnitt von 4,9 Prozent im Jahr 2008 auf aktuell 4,3 Prozent gesunken.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass mehr beeinträchtigte Kinder Regelschulen besuchen. Das klingt zunächst nach einer guten Nachricht, doch bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass die Durchsetzung inklusiver Bildung nur sehr langsam vorankommt.

Die Chancen auf den Besuch einer Regelschule hängen für beeinträchtige Kinder vor allem von der Art ihrer Behinderung und ihrem individuellen Förderbedarf ab sowie von der Region, in der sie leben. In den südwestlichen Bundesländern zum Beispiel sind die Chancen behinderter Kinder auf den Besuch einer Regelschule schlechter als in anderen Bundesländern, die Schulen dort sind weniger inklusiv als anderswo. Der Grund dafür könnte neben den unterschiedlichen politischen Ansätzen der Länder auch eine immer noch verbreitete Skepsis gegenüber dem gemeinsamen Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung in Regelschulen sein.

Doch was immer die Durchsetzung inklusiver Bildung hemmt – akzeptabel ist es nicht. Man darf nicht vergessen: Bildung ist ein Menschenrecht. Auch ist inklusive Bildung die Grundvoraussetzung für einen Arbeitsmarkt, in dem behinderte und nicht behinderte Beschäftigte zusammen arbeiten.

Ein solcher inklusiver Arbeitsmarkt kann nur funktionieren, wenn die Arbeitgeber sich für Beschäftigte mit Behinderungen öffnen, aber auch wenn diese gut qualifiziert sind. Gute Qualifikationen sollten an einem Lernort für alle Menschen vermittelt werden.

Zahlen der Bertelsmann-Stiftung zeigen, dass Förderschulen für behinderte Kinder oft eine Sackgasse sind, die ihnen Lebenschancen verbauen: 71 Prozent der Schüler verlassen die Förderschule ohne Abschluss und daher mit großen Problemen, etwa eine Ausbildung zu beginnen und später ein finanziell eigenständiges Leben zu führen.

Wir brauchen also gleiche Bildungschancen für behinderte und nicht behinderte junge Menschen. Diese Bildungschancen muss man mit einer bundesweiten, verbindlichen Gesamtstrategie durchsetzen, die allen Schülern einheitliche Zugänge zu inklusiver Bildung garantiert. Eine solche Strategie ist nicht nur notwendig, sondern sieht auch die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen vor.

Lehrer als Schlüssel zum Bildungserfolg

Um diese Strategie umzusetzen, müssen vor allem Lehrer adressiert werden, denn sie sind neben dem Elternhaus der Schlüssel bei der Umsetzung inklusiver Bildung. Daher brauchen wir zum einen viel mehr Lehrer als aktuell im Schuldienst tätig sind, zum anderen benötigen wir bundesweit einheitliche Standards zu ihrer Qualifizierung und zur Förderung ihrer sonderpädagogischen Kompetenzen. In einer einheitlichen Strategie müssten also mehr Fortbildungen für Lehrer vorgeschrieben sein, damit sie den unterschiedlichen Schülern in ihren Klassen besser gerecht werden können.

Neben einer Gesamtstrategie brauchen wir ein Bundesrahmengesetz für inklusive Bildung und Eckpunkte, die eine quantitativ und qualitativ gute Schulentwicklung in allen Bundesländern vorgeben. Teil dieses Regelwerks müssten auch Vorgaben sein, die in Schulen und Bildungseinrichtungen eine barrierefreie Infrastruktur garantieren.

Die Herausforderungen, die das gemeinsame Lernen behinderter und nicht behinderter Kinder an die Schulen stellt, sind groß. Denn es geht nicht nur um Wissensvermittlung, sondern um Persönlichkeitsentwicklung – Schulen sollen den Nachwuchs so fördern, dass jedes Kind seinen nächsten Entwicklungsschritt gehen kann. Wenn Inklusion gelingt, ermöglicht sie jedem Kind, seine persönlichen Potenziale voll auszuschöpfen und sich weiterzuentwickeln.

Einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der künftigen Generationen leistet auch ein Aspekt, der in der Debatte um inklusive Schulen oft vernachlässigt wird: Inklusion und das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung ist eine gesellschaftliche „Schule“ in Toleranz und Offenheit. Es ist ein Modell, das zeigt, wie ein empathisches und faires Miteinander aussehen könnte.

Verena Bentele ist seit 2018 Präsidentin des Sozialverbands VdK, dem mit 1,9 Millionen Mitgliedern größten Sozialverband in Deutschland. Zuvor war sie Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderung.

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