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Verena Bentele

Expertenrat – Verena Bentele Wir brauchen eine patientengerechte, keine klinikgerechte Versorgung

Weniger Krankenhäuser können zu mehr Qualität der medizinischen Versorgung von Patienten führen. Das kann klappen, doch es gibt einiges zu beachten.
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Weniger Kliniken können auch eine Verbesserung der Betreuung bedeuten. Quelle: dpa
Krankenhausflur

Weniger Kliniken können auch eine Verbesserung der Betreuung bedeuten.

(Foto: dpa)

Gesundheitsexperten diskutieren derzeit das Für und Wider von Krankenhausschließungen. Zur Debatte steht, von den deutschlandweit 1.400 Plan- und Universitätskliniken weniger als 600 bestehen zu lassen, um mit weniger Häusern die Qualität der medizinischen Versorgung zu steigern.

Diesen Vorschlag kann man unterstützen. Denn klar ist, dass wir mutige Schritte in der Krankenhausplanung brauchen, um allen Patienten eine qualitativ hochwertige Versorgung zu ermöglichen.

Bisher fehlt es in den meisten Bundesländern an einer aktiven Krankenhausplanung. Stattdessen werden Abteilungen oder ganze Kliniken geschlossen, weil sie rote Zahlen schreiben. Dabei muss vor allem die Qualität der Versorgung der Patienten der Maßstab für erhaltenswerte Standorte sein. Die Krankenhausversorgung ist Teil der Daseinsvorsorge, eine Steuerung durch Markt und Wettbewerb hat hier nichts zu suchen.

Als Qualitätskriterium für Krankenhäuser legt der Gemeinsame Bundesausschuss für bestimmte Operationen sogenannte Mindestmengen fest. Damit eine Operation in einer Klinik durchgeführt werden darf, muss diese pro Arzt oder Standort jährlich eine bestimmte Mindesteingriffszahl vorweisen.

Bei künstlichen Kniegelenken gilt zum Beispiel eine Mindestmenge von 50 Fällen pro Jahr. Kleine Krankenhäuser können die Anforderung oft aber nicht erfüllen – und es gibt viele kleine Krankenhäuser. 2017 hatten 57 Prozent aller Hospitäler in Deutschland weniger als 200 Betten. In solchen Fällen ist die Qualität der Eingriffe oft nicht sichergestellt, die unzureichende Spezialisierung und Konzentration zieht Defizite in der Patientensicherheit und der Behandlungsqualität nach sich.

Verena Bentele ist seit 2018 Präsidentin des Sozialverbands VdK, dem mit zwei Millionen Mitgliedern größten Sozialverband in Deutschland. Zuvor war sie Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderung.

Das veranschaulicht folgendes Beispiel: Deutschland liegt bei der Krankenhaussterblichkeit von Schlaganfallpatienten mit 6,7 Prozent hinter Österreich (6,6), Italien (6,5), Norwegen (5,3) und Dänemark (3,5). Auch stieg die Verlegungsquote in andere Krankenhäuser innerhalb eines Jahres um fast zwölf Prozent an, 2017 waren nun knapp 770.000 Verlegungen zu verzeichnen.

Patienten können in vielen kleinen Krankenhäusern also nicht adäquat behandelt werden, denn es fehlt an Fachwissen und technischer Ausstattung. Warum diese Häuser also erhalten?

Die Richtung sollte sein, dass man Krankenhäuser, die den Qualitätsanforderungen nicht entsprechen, konsequent abbaut, um Ressourcen und Fachwissen andernorts zu konzentrieren.

Was noch für den Abbau überflüssiger Kapazitäten spricht: Immer mehr Behandlungen und Operationen könnten ambulant durchgeführt werden, wir bräuchten daher weniger stationäre Unterbringung. Doch das Gegenteil findet statt: Jedes Jahr werden mehr OPs in den Krankenhäusern durchgeführt und viele Patienten, bei denen es nicht notwendig ist, werden stationär behandelt. 2017 wurden über eine Million mehr stationäre Operationen durchgeführt als noch 2013.

Dass immer mehr Patienten in der Klinik verbleibend behandelt und die Kapazitäten erweitert werden, wird etwa auch daran deutlich, dass die Zahl der Vollzeitbeschäftigten im ärztlichen und nichtärztlichen Dienst jährlich steigt. Ebenso wie sich die durchschnittliche Verweildauer der Patienten in den letzten zehn Jahren um einen Tag auf 7,3 Tage verkürzt hat, die Bettenauslastung hingegen bei 77 Prozent stagniert.

Natürlich ist dies teils auch Folge unserer alternden Gesellschaft und des medizinischen Fortschritts. Vollständig erklären lässt sich diese Entwicklung damit aber nicht. Es zeichnet sich hier eine Überversorgung von Patienten ab, die zu nicht-indizierten Operationen führt. Die Indikation für OPs verschiebt sich, da die Krankenhäuser die Leistungsmengen ausdehnen.

Das Wohl der Patienten und die Qualität ihrer Behandlung sollten darüber entscheiden, ob ein Krankenhaus erhaltenswert ist oder nicht. Ausschlaggebend darf hier nicht sein, was die Kliniken selbst brauchen.

Bei der Frage, welche Häuser man schließen könnte, sollte man auch bedenken, wie gut Patienten sie erreichen können. Dabei muss die Maßgabe sein, dass Patienten Hospitale mit der besten Qualität ohne große Mühe erreichen können. Das gilt gerade in der Notfallversorgung.

Überversorgung in den Städten

Für besonders komplizierte Versorgungen sollten dagegen größere Einzugsgebiete definiert werden. Wenn Patienten besondere Expertise und Ärzte mit hohen Eingriffszahlen angeboten bekommen, werden sie auch bereit sein, möglicherweise längere Anfahrtswege in Kauf zu nehmen, was beispielsweise schon jetzt bei Reha-Maßnahmen der Fall ist. 

Wenn wir vom Abbau von Krankenhauskapazitäten sprechen, geht es nicht vorrangig um Standorte auf dem Land, sondern um die in den Metropolen. Denn gerade hier finden sich die großen Überkapazitäten.

Ein Beispiel von vielen: In einem Umkreis von zehn Kilometern um das Zentrum Essens herum gibt es 26 Krankenhäuser, innerhalb von 25 Kilometern 109. Natürlich zählen dazu auch Fachkliniken, dennoch ist es eine bemerkenswerte Überversorgung. Würden hier Schließungen stattfinden, würde das an der Erreichbarkeit für Patienten nichts ändern.

Überflüssige Strukturen müssen aber nicht verschwinden, man kann sie auch sinnvoll nutzen. Zum Beispiel indem sie in Einrichtungen der pflegerischen Versorgung und medizinische Versorgungszentren, in denen Ärzte gleicher oder unterschiedlicher Fachrichtungen unter einem Dach zusammenarbeiten, umgewandelt werden. Wir sollten mutig sein und uns für eine neue und patientengerechte, keine krankenhausgerechte, Versorgung stark machen.

Mehr: Pflege braucht Reform und finanzielle Sicherheit.

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