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Harald Christ

Expertenrat – Harald Christ Das Handwerk muss sich dringend für die digitale Zukunft rüsten

Nur digital sichern sich Handwerk und Mittelstand den eigenen goldenen Boden. Mitentscheidend dafür ist ein Berufsbildungspakt – sowie 5G und Glasfaser auf dem Land.
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Auch Handwerksbetriebe müssen sich mit der Digitalisierung auseinandersetzen, wollen sie nicht abgehängt werden. Quelle: dpa
Auszubildender beim Gasschweißen

Auch Handwerksbetriebe müssen sich mit der Digitalisierung auseinandersetzen, wollen sie nicht abgehängt werden.

(Foto: dpa)

Das Handwerk ist die Wirtschaftsmacht von nebenan: eine Stütze der Wirtschaft, vor allem in kleinen Städten und auf dem Land. Es hat sprichwörtlich goldenen Boden. Tatsächlich brummen die Betriebe. Das ist gut – aber birgt eine Gefahr: Vor lauter Arbeit vergessen das Handwerk und der übrige Mittelstand, sich für die digitale Zukunft zu rüsten.

Handwerk 4.0 funktioniert nur, wenn Handwerker oder handwerklich ausgerichtete Dienstleister digital Bescheid wissen – zusätzlich zu ihren klassischen Fähigkeiten. Deshalb unterstütze ich Forderungen des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), die duale Ausbildung zu stärken.

Zwar steht der vom Handwerk vorgeschlagene Berufsbildungspakt im Koalitionsvertrag, aber still ruht der See. Auf der Liste steht, die berufliche Bildung auf Augenhöhe mit der akademischen zu finanzieren. Konkret: Die über 600 Berufsbildungszentren des Handwerks auf den neuesten Stand zu bringen und die Fortbildung zum Meister kostenlos anzubieten – wie ein akademisches Studium. Ähnliches lässt sich auf andere Wirtschaftszweige übertragen.

Die Zeit drängt. Fortschrittliche Handwerker sind bereits auf Online-Marktplätzen zu Hause oder gewinnen neue Kunden über Social-Media-Plattformen. Aber zu wenige wissen, wie es geht.

So galten zunächst Drucker, die nicht nur Papier bedrucken, sondern auch dreidimensionale Werkzeuge herstellen können, als schlichte Weiterentwicklung. Doch sie sind eine Zäsur. Das Fließband machte die Massenproduktion möglich, 3D-Drucker jedoch stellen Einzelstücke günstig her. Es geht um die elektronische Manufaktur.

Das Prinzip des 3D-Drucks verkehrt die Fertigungsweise, wie wir sie bisher kennen. Das Gerät braucht nur zwei Dinge: einen Bauplan und einen Rohstoff – zumeist flüssige Kunststoffe, Harze, Keramikpulver oder Metall. Mit beidem gefüttert baut der 3-D-Drucker nach elektronischer Anleitung das Werkstück. Millimeter um Millimeter entsteht ein neues räumliches Produkt.

Schon jetzt krempelt die moderne Drucktechnik die Zahntechniker-Branche um. Ein 3D-Drucker spuckt neue Zähne aus, nach einem Scan durch den Zahnarzt. Der Druck funktioniert auch bei Prothesen, Prototypen in der Forschung oder Ersatzteilen fürs Auto und ist denkbar für maßgefertigte Kleidung, Schuhe und sogar Produktionsteile.

Die Ersatzteillogistik würde in weiten Teilen entfallen, wenn in jeder Werkstatt ein 3D-Drucker stünde. Dadurch lassen sich hohe Kosten sparen. Was Logistiker aber nicht beunruhigen muss, weil die Rohware ja irgendwie zum Kunden kommen muss.
Die maßgeschneiderte Konfektionierung wird umgedreht, ersetzt aber nicht die weit billigere Massenproduktion, die indes weiter digitalisiert wird. Aber Maßanzüge oder -schuhe sind nicht mehr sündhaft teuer.

Eine Vision für den Einzelhandel: Schuhhändler könnten im Netz den Bauplan für ihr neuestes Modell verkaufen, eine App vermisst die Füße passgenau – und aus diesen Daten fertigt der 3D-Drucker im Copyshop um die Ecke den maßgeschneiderten Schuh.
Ein Beispiel: Es war nie einfacher, Fenster, Türen und Fassaden jeder Art und Größe zu gestalten, zu kalkulieren und zu produzieren. Nur: Der Handwerker muss wissen wie.

Metallbau 4.0 geht so: Fenster-, Türen- oder Fassadenbauer erledigen von A bis Z alles gemäß einem Digitalprogramm. Sie planen, produzieren, steuern Arbeitsabläufe, kalkulieren Aufträge, überwachen den Bau, berechnen die Statik, ermitteln benötigte Materialmengen und bestellen genau, was sie brauchen. Was muss dieser Metallbauer beherrschen? Sein Handwerk, klar. Und er muss mit PC-Systemen umgehen können. Den Rest erledigt eine Schulung.

Das gilt für viele Handwerker, so auch für den früheren Zentralheizungs- und Lüftungsbauer, der zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik wurde. Ohne digitales Wissen verliert er den Anschluss – und dem Betrieb droht der Ausschluss vom Markt, weil Hersteller überlegen, eigene Leute für den lukrativen Service der Heizungen zu beschäftigen.

Was viele übersehen: Die Landwirtschaft, zu deren Dienstleistern vorwiegend Handwerker zählen, arbeitet hochgradig digital. Melken mit Robotern ist selbstverständlich. Und ohne Internet oder GPS zieht kaum ein Bauer oder Lohnunternehmer noch eine Furche, kein Schlepperfahrer ist ohne iPad unterwegs. Doch Funklöcher hemmen die Arbeit auf den Feldern. Auf dem Land ist gute digitale Infrastruktur alternativlos. So bestimmt der Computer die Menge und Zusammensetzung der Pflanzenschutzmittel.

Nur mit GPS und leistungsfähigem Internet kann der Bauer präzisionsgenau düngen, säen oder den Boden beackern. Das spart Zeit, Kosten und schont die Umwelt. Gerade ländliche Gebiete brauchen überall Glasfaser und 5G. Deshalb ist der der Spruch der Bildungs- und Forschungsministerin, 5G sei nicht an jeder Milchkanne notwendig, an Unkenntnis kaum zu überbieten.

Mehr: Für die Industrie in Deutschland birgt die digitale Transformation einige Chancen. Um sie zu nutzen, braucht es einen Masterplan.

Harald Christ ist Chairman der Christ & Company Consulting und übt verschiedene Aufsichtsrats- und Beiratsmandate aus. Ferner ist er Mittelstandsbeauftragter der SPD und im geschäftsführenden Präsidium des SPD-Wirtschaftsforums.

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