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Harald Christ

Expertenrat – Harald Christ Die Antworten von CDU und SPD müssen anders ausfallen als die der Grünen

Verweigern sich Union und SPD den Zukunftsthemen, führt das zu entsprechenden Wahlergebnissen. Dabei haben sie zumindest einen Vorteil.
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Seit Monaten bringen junge Menschen bei den „Fridays for Future“ zum Ausdruck, was sie bewegt. Quelle: dpa
Fridays for Future

Seit Monaten bringen junge Menschen bei den „Fridays for Future“ zum Ausdruck, was sie bewegt.

(Foto: dpa)

Angenommen, man hätte sich, um der CDU zu schaden, inkognito als PR-Berater in die Partei eingeschlichen, mit dem Ziel, dass sie möglichst wie von gestern wirkt und nur noch von Greisen gewählt werde. Dann würde man den CDU-Vertretern ungefähr folgende Stellungnahme einflüstern: „Die Klimadebatte ist nur noch schwer erträglich. Für viele ist der vermeintliche Klimaschutz zu einer Art Ersatzreligion geworden.“

Doch diesen Satz gibt es wirklich. Er stammt von Joachim Pfeiffer, dem wirtschafts- und energiepolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. In der CDU hat sich von dieser Äußerung niemand distanziert, wie auch nicht von Pfeiffers Aussage zum „Sozialklimbim“ Mitte Mai.

Abgesehen davon, dass das Wort „Klimareligion“ direkt aus dem sprachlichen Arsenal der Rechten stammt, sagte Pfeiffer diesen Satz, nachdem die Union bei der Europawahl bei Erstwählern gerade noch elf Prozent der Stimmen eingefahren hatte. Nachdem seit Monaten junge Menschen freitags zum Ausdruck gebracht haben, was sie bewegt: das Klima. Die Zukunft. Ihre Zukunft.

Wie schnitt die SPD bei den Erstwählern ab? Mit bitteren sieben Prozent, während die Grünen auf 36 Prozent kommen. Ein vollständig anderes Bild in der Tabelle am anderen Ende der Alterspyramide: Bei den 60- bis 69-Jährigen kommt die Union immerhin noch auf 33 Prozent (SPD: 27), bei den über 70-Jährigen ist zumindest die Welt der Union mit 48 Prozent noch in Ordnung und auf Helmut-Kohl-Niveau (von 1976 allerdings). Auch die SPD erzielt dort ein Traumergebnis aus heutiger Sicht (33 Prozent).

Fassen wir schon mal zusammen: Die Volksparteien sind in Rente gegangen. Union und SPD sind nur noch Volksparteien in einer Altersgruppe, die zum letzten Mal mit einer Jugendrevolte in Kontakt kam, als die Meldung über den Ticker lief, dass Florian Silbereisen das Kapitänsamt auf dem „Traumschiff“ übernimmt.

Die Union ist in Geiselhaft von CDU-Rechten

Wie konnte das passieren? Zunächst zur Union: Die CDU ist nie eine Programmpartei gewesen. Ihr Programm heißt: regieren. Jetzt, da junge Leute von ihr wissen wollen, wohin dieses Regieren führen soll, lautet die Antwort: wissen wir auch nicht so genau, Hauptsache, der Kanzler oder die Kanzlerin, die es auch nicht wissen, sind von der CDU.

Darüber hinaus ist die Union in Geiselhaft von CDU-Rechten wie der „Werteunion“ geraten. Die wollen die Programmatik der CDU offensichtlich mit Themen bespielen, die direkt vom letzten feuchtfröhlichen Burschenschaftertreffen stammen, wo man garantiert das Wort „Klimareligion“ lallt. Jugendaffinität: null – oder in anderen Worten elf Prozent.

Bei der SPD liegen die Dinge anders: Sie verharrt nach außen hin in der Welt und den Themen der Industriearbeiterschaft (da ist es egal, ob Version 1.0, 2.0 oder 4.0) sowie ihrer „sozialen Frage“, die letztlich aus dem 19. Jahrhundert stammt. Das ist redlich und bedient ihre Identität. Das war wichtig und wird weiter eine Aufgabe im digitalen, grünen Zeitalter sein. Im 21. Jahrhundert wird sich allerdings, jetzt, wo viele Errungenschaften sozialdemokratischer Politik in unterschiedlichen Politikfeldern Wirklichkeit geworden sind, vor allem die Klimafrage stellen.

Schlimm genug, dass die Partei in Deutschland mit einer großen klimapolitischen Erfolgsbilanz (Hendricks hat das Paris-Abkommen verhandelt, Gabriel das Erneuerbare-Energien-Gesetz eingeführt und Schröder die Abschaltung der Atomkraftwerke beschlossen) die Brücke zu der „Fridays for Future“-Generation nicht schlägt.

Junge Menschen interessiert es nicht, ob die SPD den Mindestlohn noch ein wenig erhöht – oder ob die Grundrente an Bedingungen gekoppelt ist oder nicht. Die Jugend will wissen, wie man bitte möglichst schnell den CO2-Ausstoß um ein paar Hundert Millionen Tonnen senkt.

Was machen wir mit der deutschen Automobilwirtschaft?

Als Unternehmer frage ich mich nun: Wie können wir das Erfolgsmodell Bundesrepublik – mit wirtschaftlicher Prosperität bei höchstmöglicher Freiheit – erhalten? Wie sichern wir unseren Wohlstand und machen gleichzeitig unsere Wertschöpfung klimafreundlicher? Was machen wir mit der deutschen Schlüsselindustrie, der Automobilwirtschaft, die uns bisher große Teile dieses Wohlstands gesichert hat, wenn das Geschäftsmodell Verbrennungsmotor ausläuft – nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern auch weil die fossilen Brennstoffe zu Ende gehen werden?

Darauf müssen die CDU und die SPD Antworten geben, die anders ausfallen als die der Grünen. Eine Verweigerungshaltung diesen Themen gegenüber führt zu entsprechenden Wahlergebnissen. Der Wettbewerb der Ideen in der Frage, wie wir unser Leben nachhaltiger gestalten können, sollte so schnell wie möglich beginnen. 

Die Grünen sind aber auf dem Weg, bei jungen Leuten in der Frage der ökologischen Neugestaltung unserer Wirtschaft zum dominanten Wettbewerber zu werden. Nicht nur Ökonomen wissen: So was ist nie gut für das Gemeinwohl. 

Dabei haben SPD und CDU gegenüber den Grünen wenigstens einen Vorteil: Sie sind längst die Underdogs.

Harald Christ ist Chairman der Christ & Company Consulting und übt verschiedene Aufsichtsrats- und Beiratsmandate aus. Ferner ist er Mittelstandsbeauftragter der SPD und im geschäftsführenden Präsidium des SPD-Wirtschaftsforums.

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