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Harald Christ

Expertenrat – Harald Christ Ein Unternehmer muss heute ganz konkret politisch sein

Europa ist eine 70 Jahre andauernde Erfolgsstory. Für dieses historische Projekt sollten Unternehmen in diesem Wahlkampf viel mehr kämpfen.
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Der Europawahlkampf geht in die Endphase. Quelle: dpa
Wahlplakate in Frankfurt

Der Europawahlkampf geht in die Endphase.

(Foto: dpa)

In der Schlussphase des Europawahlkampfes betonen die proeuropäischen Parteien noch einmal mit viel Pathos: Europa, das sei eine Frage von Krieg und Frieden. Das ist richtig, auch wenn das schon so klingt, als müssten die Proeuropäer in ihrem Abwehrkampf gegen Rechtspopulisten jetzt schon zum finalen Argument von Tod und Vernichtung greifen.

Aber um sich den Albtraum eines zerfallenden Europas und die Folgen zu vergegenwärtigen, braucht man gar keinen Krieg – der Brexit reicht schon. Denn dieser und der europäische Rechtspopulismus sind ein Angriff auf ein einzigartiges historisches Projekt, für das wir in diesem Wahlkampf als Unternehmer viel mehr kämpfen sollten.

Machen wir es uns noch einmal klar: Was ist die EU? Die EU verbindet wirtschaftliche Prosperität mit Bürgerrechten und liberaler Gesellschaft. Wir im Westen haben immer geglaubt, dass wirtschaftliche Freiheit zwangsläufig irgendwann politische Freiheit mit sich bringt.

Das ist der Schluss, den wir aus dem Zusammenbruch des Ostblocks gezogen haben: Die Sehnsucht nach Coca-Cola bringt die Sehnsucht nach Demokratie und Menschenrechten mit sich – ja sie ist letztlich diese Sehnsucht und führt zwangsläufig in die Freiheit als geschichtlichen Endzustand.

Coca-Cola bekommt man schon lange in China, genauso wie Audi, Mercedes, Apple und Hollywood-Filme. Freiheit hingegen ist dort Mangelware. Der Idee, dass wirtschaftliche und politische Freiheit sich bedingen, sind also 1,4 Milliarden Gegenargumente erwachsen. China beweist, dass wirtschaftliche Prosperität und Diktatur doch zusammenpassen. Das ist eine beunruhigende Erkenntnis.

Statt weniger EU brauchen wir mehr EU

Angesichts dieses Gegners ist jetzt schon klar: Die EU wird einig sein, oder sie wird gar nicht mehr sein. Das Motto ist: Statt weniger EU brauchen wir mehr EU – oder wir bekommen mehr China. Die Systemauseinandersetzung ist zurück, nur anders, als wir erwartet haben.

Ausgerechnet in dieser Situation also reüssieren europaweit Kräfte, die sich in die Nation flüchten wollen. Großbritannien könnte zu einem „Singapur in der Nordsee“ werden, so die „Washington Post“-Kolumnistin Anne Applebaum: Einem Steuerparadies, das gegen andere europäische Länder antritt. Wenn weitere Staaten es ihm nachtun, würde das Motto gelten „Jeder gegen jeden“.

Dieselben Folgen hat aber bereits auch eine nationalistische Aufheizung der Atmosphäre durch Populisten, die darüber hinaus wirtschaftlich inkompetent sind. Das zeigte das Beispiel Italien: Populisten müssen, da sie ihrem Land letztlich keine echte Perspektive aufzeigen können, permanent Konflikte schüren – mit Minderheiten, mit Fremden oder eben mit anderen, vermeintlich feindlichen Ländern.

Für die global und europaweit vernetzte Wirtschaft sind diese Szenarien ein Horror. Denn Stabilität im Innern und Kooperation nach außen – vor allem Einigkeit, um gegen die neuen Wirtschaftsmächte zu bestehen – sind der Ast, auf dem sie sitzen. Umso erstaunlicher ist es, dass die deutschen und europäischen Unternehmen sich kaum in den Wahlkampf auf proeuropäischer Seite eingeschaltet haben.

Lufthansa hat auf ein paar seiner Jets den Slogan „Say yes to Europe“ geklebt. Das war es im Wesentlichen. Warum ist das so? Viele Topmanager und Unternehmensvorstände sehen den liberalen Staat nur als einen weiteren unter vielen Zuliefererbetrieben. Sein Produkt: politische Stabilität.

Wir müssen die Geschichte beeinflussen wollen

Sie glauben offensichtlich, dass dieses Gut nie ausgehen kann. Geschichte halten sie für etwas Statisches; die Zukunft, glauben sie, sei die Fortsetzung der jetzt 70 Jahre andauernden Erfolgsstory Europas, die auch ein paar Populisten letztlich nicht aufhalten können. Wirtschaftliche Vernunft wird siegen, warum also sich engagieren? Ein fataler Trugschluss. Die Geschichte ist offen und wir können und wir müssen sie beeinflussen wollen. Sonst tun es andere.

Wenn die EU als Einheit zerfiele, wenn die Populisten gewönnen, würden wir erst unseren Wohlstand verlieren, dann wäre unsere Freiheit bedroht. Denn ohne Einigkeit können wir als kleine Einzelstaaten unseren Lebensstandard nicht gegen Mächte wie China verteidigen, ohne Wohlstand wiederum geriete die Demokratie in Gefahr. Und eine Wirtschaft ohne Demokratie mag zwar, das zeigt China, erfolgreich sein. Aber mit unserer europäischen Idee, dass der Homo oeconomicus vor allem doch eins ist: ein Mensch, der demzufolge mit Menschenrechten ausgestattet ist, ist das unvereinbar.

Bisher bedeutete für Unternehmer politisches Engagement meist, einmal im Jahr im Smoking auf einer „Charity“-Veranstaltung aufzutreten. Diese Zeiten sind vorbei. Ein Unternehmer muss heute ganz konkret politisch sein. Kämpfen wir also für ein einzigartiges Projekt. Kämpfen wir für die wirtschaftliche Freiheit, die nur mit der Freiheit der Person ihren Wert hat. Kämpfen wir für Europa. Jetzt.

Harald Christ ist Chairman der Christ & Company Consulting und übt verschiedene Aufsichtsrats- und Beiratsmandate aus. Ferner ist er Mittelstandsbeauftragter der SPD und im geschäftsführenden Präsidium des SPD-Wirtschaftsforums.

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