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Harald Christ

Expertenrat – Harald Christ Wir sollten anfangen, KI-Algorithmen stärker zu hinterfragen

Viele Tätigkeiten dürfen nur ausgebildete Fachkräfte ausüben. Wie Künstliche Intelligenz arbeitet, wollen wir aber nicht wissen. Das sollte sich ändern.
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Viele Unternehmen entwickeln ihre KI-Software mit Hilfe der Angebote der großen Tech-Companies. Quelle: AP
Serverraum von Facebook

Viele Unternehmen entwickeln ihre KI-Software mit Hilfe der Angebote der großen Tech-Companies.

(Foto: AP)

Um zu verstehen, was das Internet und Künstliche Intelligenz gemeinsam haben, beginnen wir mit einer kleinen Zeitreise: Wir schreiben das Jahr 1995. Das Internet ist auf dem besten Weg, zum globalen Massenmedium zu werden. Die Nutzung der neuen Technologie ist einfach. Aber wenn jemand seine eigene Webseite erstellen will, dann bleibt ihm nichts anderes übrig, als entweder einen Dienstleister damit zu beauftragen – oder programmieren zu lernen.

Heute ist das anders. Wer eine Homepage will, kann sich – ohne die Fähigkeit zu coden – ganz einfach einen kostenlosen Baukasten-Service im Netz suchen und mit wenigen Klicks ist die Seite fertig.

Super Sache, denken Sie jetzt. Technologie für alle, jeder kann mitspielen in der digitalen Welt, Teil einer vernetzten Gesellschaft sein. Mal abgesehen davon, dass die wenigsten Menschen rein privat eine Webseite betreiben – und auch abgesehen davon, dass es weiterer Fähigkeiten bedarf, eine Webseite so zu gestalten und zu promoten, dass sie tatsächlich gefunden wird.

Im Grunde ist diese Entwicklung tatsächlich eine gute Sache – vielleicht sogar eine Art Entdiskriminierung oder Demokratisierung. Jedenfalls ermöglicht sie es all jenen, die technisch weder begabt noch versiert sind, teilzuhaben an der neuen Welt.

Das neue Internet aber heißt Künstliche Intelligenz. In den Kinderschuhen steckt die Technik nicht mehr, aber ihre Einsatzmöglichkeiten sind noch längst nicht ausgeschöpft. Interessanterweise zeichnet sich hier eine ganz ähnliche Entwicklung ab, wie im Internet vor 20 Jahren. Jedenfalls arbeiten die großen Tech-Konzerne, insbesondere Google, Microsoft und Amazon, mit ihren Cloud-Diensten mit Hochdruck daran, Künstliche Intelligenz für jeden zur Verfügung zu stellen.

Viele Menschen wissen gar nicht, was sie heute schon könnten.

Sagen wir mal, Sie sind Naturliebhaber und wollen einen Algorithmus, der Baumarten bestimmt. Dann brauchen Sie nur durch ihr Fotoarchiv zu gehen und Bilder von Bäumen und/oder deren Blättern in einen der heute schon verfügbaren Webservices einzugeben. Sie müssen die Bilder natürlich richtig beschriften – und in ein paar Minuten ist der Algorithmus fertig.

Künftig brauchen Sie nicht mehr mit einem Bestimmungsbuch durch den Wald zu stapfen. Sie machen einfach ein Foto – und ihr Algorithmus sagt, was da gerade vor Ihnen steht.

Wenn Sie genügend Daten haben und von dem Algorithmus überzeugt sind, können Sie ihn auch veröffentlichen und anderen zur Verfügung stellen. All das schaffen Sie problemlos, ohne auch nur irgendetwas über die Funktionsweise von neuronalen Netzen zu wissen. Und vor allem ohne eine einzige Zeile Code zu schreiben.

Super Sache, denken Sie vielleicht wieder. Und auf den ersten Blick sieht es auch so aus. Aber denken wir die Causa einmal weiter.

Sagen wir mal, Sie arbeiten im Personalwesen einer mittelständischen Firma. Und weil das mit den Bäumen so gut funktioniert hat, denken Sie sich: Ein Algorithmus, der Bewerber vorauswählt, wäre toll. Sie gehen also ins Archiv, nehmen ein paar hundert frühere Bewerbungen und füttern die Fotos sowie einige andere Daten, wie etwa Alter, Geschlecht, höchster Bildungsabschluss in einen schon heute verfügbaren Webservice, zusammen mit der Angabe, ob Sie den Bewerber seinerzeit eingestellt haben oder nicht.

Natürlich haben Sie sich, davon gehen wir an dieser Stelle aus, an die Datenschutzgrundverordnung gehalten. Das heißt, Sie haben die Erlaubnis von allen Betroffenen, deren Daten zu diesem Zweck zu verwenden.

Wieder bauchen Sie keine Zeile Code zu schreiben und sich um die Funktionsweise des neuronalen Netzes, das im Hintergrund trainiert wird, nicht weiter zu kümmern. Und der Algorithmus wird Ihnen sagen, ob Sie einen künftigen Bewerber früher eingestellt hätten – oder eben nicht.

Wo ist das Problem, werden Sie jetzt vielleicht denken. Ich brauche mich ja nicht an die Empfehlungen des Algorithmus zu halten. Aber als zusätzliche Meinung kann es ja nicht schaden. Wenn das Auswahlverfahren dann besser, effizienter und vor allem schneller wird, habe ich mehr Zeit, mich um andere Dinge zu kümmern. Um sinnvolle Dinge, wie etwa Personalentwicklung.

Mag sein. Aber lassen wir die ethische Diskussion einmal außen vor. Das eigentliche Problem ist: Wenn Sie in der Vergangenheit bevorzugt männliche Kandidaten eingestellt haben, wird Ihnen der Algorithmus auch bevorzugt Männer für vakante Jobs empfehlen.

Oder anders ausgedrückt: Die Technik hinter dem Webservice, den Sie genutzt haben, mag wirklich gut sein. Aber in Wahrheit kommt es in der Künstlichen Intelligenz nur zu einem sehr kleinen Teil auf die richtige Technik oder den richtigen Algorithmus an.

Kein Interesse an Konkurrenz

Viel entscheidender ist der richtige Umgang mit den Daten und deren Verständnis. Um robuste und valide Ergebnisse zu erzielen, braucht es ein fundiertes Wissen über die statistischen Parameter in ihrem Datensatz, etwa die Verteilung – und auch darüber, was mit den Daten in einem neuronalen Netz passiert. All das aber nimmt Ihnen der „Do-It-Yourself“-Algorithmus nicht ab. Heute nicht und vermutlich auch in absehbarer Zukunft nicht.

Das Interesse der Anbieter dieser Tools und Werkzeuge ist klar: Google, Microsoft, Amazon und Co wollen vor allem eines: Geld verdienen. Sie haben keinerlei Interesse daran, Heerscharen von gut ausgebildeten Programmierern heranzuzüchten, die Ihnen im Zweifelsfall Konkurrenz machen könnten. Viel lukrativer ist es, versierte Laien auf Ihre lizensierte und kostenpflichtige Technologie und ihre Services loszulassen.

Viele Unternehmen, auch große, entwickeln ihre KI-Software mit Hilfe der immer einfacher zu bedienenden Angebote der großen Tech-Companies. Damit liefern sie sich Ihnen aus, im Zweifelsfall ohne es zu merken.

Und wir Privatpersonen? Tagtäglich nutzen wir mehreren Hundert KI-Algorithmen, ebenfalls ohne es zu merken. Allein Google hat in seinen Produkten mittlerweile rund 20.000 dieser Programme eingesetzt, Tendenz steigend. Und was ist mit den übrigen Firmen, deren Webseiten wir besuchen, bei denen wir einkaufen oder mit denen wir sonst interagieren?

Ich bin, wie Sie wissen, kein Freund von Regulierung. Aber manchmal frage ich mich schon, warum elektrische oder auch Gasleitungen in meiner Wohnung nur von einer ausgebildeten Fachkraft verlegt werden dürfen und selbst jeder Getränkedosenverschluss – wie übrigens jedes Verbrauchsgut – ein TÜV- oder Sicherheitszertifikat benötigt, wir aber nicht wissen, wie sicher und genau die Software arbeitet, der wir zunehmend ausgesetzt sind und die mehr und mehr unser Leben bestimmt. Noch nicht einmal, in welchen Produkten sie eingesetzt wird.

Eigentlich ist das eine paradoxe Situation: Wir sind geradezu hysterisch, wenn es um unsere Daten geht. Oder um unsere Lebensmittel. Wir wollen wissen, was mit unseren Daten passiert – und wo die Äpfel herkommen, die wir im Supermarkt kaufen, oder beim Gemüsehändler um die Ecke. Wer aber die KI-Algorithmen gebaut hat, die uns Produkte empfehlen und im Zweifelsfall über unsere Jobchancen, Gesundheit oder Kreditwürdigkeit entscheiden, danach fragen wir nicht.

Ich denke, zumindest das sollten wir künftig verstärkt tun.

Mehr: Nur digital sichern sich Handwerk und Mittelstand den eigenen goldenen Boden. Mitentscheidend dafür ist ein Berufsbildungspakt – sowie 5G und Glasfaser auf dem Land.

Harald Christ ist Chairman der Christ & Company Consulting und übt verschiedene Aufsichtsrats- und Beiratsmandate aus. Ferner ist er Mittelstandsbeauftragter der SPD und im geschäftsführenden Präsidium des SPD-Wirtschaftsforums.

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