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Christoph Bornschein

Expertenrat – Christoph Bornschein Märkte unter Denkmalschutz – Wie Deutschland Konzernen wie Amazon in die Hände spielt

Ob Verlage, Taxis oder Apotheken – Deutschland schützt nicht wettbewerbsfähige Geschäftsmodelle vor künftigen Herausforderungen. Das macht hiesige Märkte zu leichten Übernahmezielen.
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Der Staat reguliert den Apothekenmarkt streng. Doch das hilft dem Segment nicht gegen die Konkurrenz aus dem Online-Versandhandel. Quelle: dpa
„Alte Apotheke“ in Bottrop

Der Staat reguliert den Apothekenmarkt streng. Doch das hilft dem Segment nicht gegen die Konkurrenz aus dem Online-Versandhandel.

(Foto: dpa)

Es ist fast egal, wer es in den nächsten Tagen an die Spitze der CDU schafft; das Ende der Profilierungsparade der vergangenen Wochen ist schon einen Erleichterungsseufzer wert. Zeit für Jens Spahn, den einzigen amtierenden Minister im Kandidatentrio, sich wieder als solcher zu profilieren.

Und das wird mit seinen Digitalisierungs-O-Tönen im Ohr interessant. „Wir wollen den Wandel aktiv gestalten, ansonsten finden die Wertschöpfungsketten woanders statt“, sagte der Minister zum Beispiel. Das klingt zwar vage, aber doch auch entschlossen.

Am 11. Dezember stellt Spahn auf der eigens für ihn verlegten Mitgliederversammlung der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V. (ABDA) seine Vorstellungen von der aktiven Gestaltung des Arzneimittelversorgungssystems vor, also seine Entscheidung zum Arzneimittel-Versandhandel.

Dessen Verbot ist zwar im Koalitionsvertrag festgeschrieben, doch der entsprechende Passus ist in der Regierung nicht ohne Kritiker: „Besitzstandswahrung“ und „Schutzregulierung für alte Geschäftsmodelle“ sei er, kommentiert zum Beispiel Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitalisierung.

Das ist so treffend wie höflich formuliert. Kaum eine Branche ist so bizarr am Konzept „Geschäftsmodell“ vorbeimodelliert wie das deutsche Apothekenwesen. Preisbindung, Kreisgrenzenprinzip, Mehrbesitzverbot – Apotheken nehmen de facto nicht an einem funktionierenden Markt teil. Selbst wenn sie wollten: Sie dürften nicht.

Nun deutet sich unter Spahn eine gewisse Beschleunigung im Wandel des Gesundheitswesens an. Drei Jahre nach der Verabschiedung des E-Health-Gesetzes wurde im Mai 2018 das Verbot der ausschließlichen Telemedizin gekippt. Und für spätestens 2020 kündigte Spahn nun ein Gesetz an, das auch papierlose Digitalrezepte erlauben soll.

Umständlich und unwirtschaftlich

Bis dahin bleibt die Praxis umständlich und unwirtschaftlich: Der Arzt kann aus der Ferne beraten und befunden, doch fürs Rezept muss der Patient einen weiteren Arzt aufsuchen. Erst das elektronische Rezept mache Telemedizin zu einem Erfolgsprojekt, so Spahn.

Doch hier irrt er. Denn das elektronische Rezept macht das bestehende Telemedizinkonzept zwar schlüssiger. Doch solange es ausgedruckt oder als Barcode auf dem Smartphone in die Apotheke getragen werden muss, ist Telemedizin kein Erfolgsprojekt: Wären Mobilität und flächendeckende Versorgung keine Herausforderungen, bräuchte es keine Telemedizin. Telemedizin braucht Versandlösungen.

Das ist auch einem Teil der Apothekerverbände klar: ABDA-Präsident Friedemann Schmidt selbst mahnt die Verbandsmitglieder, sich bezüglich eines langfristigen Versandverbots keine Illusionen zu machen. Doch die Apothekenkammern der Länder bestehen auf Illusionen.

Dabei stellt ihr Beharrungsvermögen im Wesentlichen auf drei Punkten ab: Versand-Wettbewerb sorge für Qualitätseinbußen, erodiere die lokalen Vor-Ort-Strukturen, könne die Beratungsleistungen der klassischen Apotheke nicht anbieten. Zu Punkt eins und zwei lässt sich auch schlicht das Gegenteil behaupten, Punkt drei macht ehrlich stutzig: Welchen Sinn hat denn ein Vor-Ort-Beratungsangebot in einem umfassenden Telemedizin-Modell?

Ein Klassiker wie „Verlage gegen Google“

Die Form der Debatte ist bekannt aus Klassikern wie „Verlage gegen Google“ oder „Taxiinnung gegen Uber“ – der Griff zum Gesetz, das überholte Strukturen vor der Modernisierung schützt. Wenn, wie in den USA, selbst etablierte Apothekenketten wie CVS und Walgreens Schwierigkeiten haben, sich im Over-the-counter-Medikamentenhandel gegen Amazon durchzusetzen – wie genau soll die inhabergeführte Apotheke mit maximal drei Filialen im echten Wettbewerb bestehen?

Wir schützen die nicht wettbewerbsfähige Struktur vor den Herausforderungen des alltäglichen Wettbewerbs. Statt Veränderungsprozesse anzustoßen und Resistenzen auszubilden, die wenigstens eine gewisse Wettbewerbsfähigkeit garantieren könnten, fixieren wir künstlich die Rahmenbedingungen, die sich in anderen Industrien schon als instabil erwiesen haben.

Der globalen Plattform, die übernehmen will, machen wir es damit nur einfacher. Denn deren Partner ist der Kunde, der Bequemlichkeit schätzt oder sich Aufwände schlicht nicht leisten kann, weil Vor-Ort-Strukturen bei ihm eben nicht vor Ort sind. Der wägt am Ende seinen Vorteil gegen die Sturheit der Traditionalisten ab. Nach Risiken und Nebenwirkungen fragt er nur selten.

Christoph Bornschein ist Mitgründer der Agentur Torben, Lucie und die gelbe Gefahr (TLGG), die sich auf Digitale Business spezialisiert hat und mehrere Dax-Konzerne berät.

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1 Kommentar zu "Expertenrat – Christoph Bornschein: Märkte unter Denkmalschutz – Wie Deutschland Konzernen wie Amazon in die Hände spielt"

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  • Die durch den on line-Handel geschaffene Realität führt die Bremsversuche der aktuellen Regierung, powered by Sozis und Gewerkschaften ad absurdum. Auch das ist eine Folge von früher bedenkenlos unterschriebenen internationalen Verträgen die ja aus der Sicht der damaligen Unterzeichner eh nur Papier sind und eh keine Nachteile bringen würden. Nun sind die Grenzen für den Handel scheunenweit offen und jeder kauft wo er will. Und der durch politisch motivierte Blockaden gehandicapte Handel bleibt auf der Strecke. Samt den tausenden Miotarbeitern. doch die können ja dann eh alle bei Paketdiensten arbeiten ;-) Eine Politik die ihre Scheuklappen mit Stolz trägt und die so getroffenen Entscheidungen auch noch als Erfolge verkauft ist mit Schuld am Niedergang ganzer Segmente der heimischen Wirtschaft. Da hilft auch da Jammern der lokalen Händler nix die schon düstere Zeiten ohne Auslagen die zum bummeln einladen, an die Wand malen. Der Zug in diese falsche Richtung ist längst abgefahren und kann - bestenfalls - verlangsamt werden. Aufhalten kann ihn keiner mehr. Es sei denn 'Brexit" dient als Vorbild. Weil komischerweise Länder wie die Schweiz, Norwegen etc. können es sich noch einigermassen richten. und demnächst auch die Briten. Doch das sind ja die bedauernswwerten weil sie keine EU haben. Nur - was z.b. die Schweiz angeht - die wissen es gar nicht dass sie zu den Bedauernswerten zählen.

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