Prof. Curt Diehm

Expertenrat – Prof. Dr. Curt Diehm Selbstoptimierung hat ihre Grenzen

Fitnessarmbänder, Kalorien-Apps und Botox: Beim Kampf gegen Alter und Speck sind Führungskräfte ganz vorn mit dabei – und erleiden oft einen Burn-out.
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Letztlich führt der Drang zur ständigen Maximierung des Lebensnutzens zu einem Verlust an Lebensqualität. Quelle: dpa
Fitness-Armbänder

Letztlich führt der Drang zur ständigen Maximierung des Lebensnutzens zu einem Verlust an Lebensqualität.

(Foto: dpa)

Der Lifestyle der Postmoderne lautet: schlanker, schöner, fitter. Weg mit Speck an Bauch, Beinen, Po. Botox gegen die Falten, Testosteron gegen die Schlappheit. Die disziplinierte Arbeit an Körper, Geist und Seele lässt sich allerorts beobachten. Es wird vermessen, geschwitzt, gedopt.

Die Welle der Selbstoptimierung zielt darauf ab, das Leben zu perfektionieren und dabei auch noch zu verlängern. Es geht jedoch um weit mehr als nur Gesundheit, wenn Fitnessarmbänder und Smartwatches unseren Lebensstil überwachen.

Seitdem das Selftracking boomt, werden neuerdings schon Chips unter die Haut implantiert, die die Größe eines Reiskorns besitzen. Der eigene Körper wird zum Biokapital, das es zu steigern gilt. In unserer rastlosen Gesellschaft ist die Selbstoptimierung zum neuen Volkssport geworden. Nicht perfekt zu sein nervt. Nicht produktiv zu sein frustriert. Selbst in Freizeit und Urlaub wollen viele nicht auf ihre liebgewonnenen technischen Gadgets verzichten.

Führungskräfte und Selbstständige führen diesen Kampf gegen Alter und Schwäche an vorderster Front. Managerinnen wie Tina Müller, die langsam an die Spitze der Wirtschaft rücken und aus ihren Anti-Aging-Bemühungen kein Geheimnis machen, sind die neuen Role Models der nachrückenden weiblichen Generationen. 

Nun könnte man sagen: Na und? Warum sollte man die Erkenntnisse und Möglichkeiten der modernen Medizin und Pharmakologie nicht ausschöpfen, um das Leben zu verlängern, mehr Energie zu haben und besser auszusehen? Wer der neuen Lifestyle Philosophie in Maßen folgt, mag mit dieser Einstellung sogar recht haben. 

Mir geht es darum, auf die Schattenseiten hinzuweisen und die Grenzen der Selbstoptimierung aufzuzeigen. Der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio nennt das Geschehen heute eine „selbstverordnete Gesundheitsdiktatur“. Und das deutsche „Ärzteblatt“ textet besorgt: „Die Vermessung des eigenen Selbst durch die ‚Quantified-Self-Bewegung‘ nimmt groteske Ausmaße an.“

Wir übertreiben, wenn Selbstoptimierung zu einer neuen Ersatzreligion wird, wenn niemand mehr zu den vermeintlichen „Verlierern“ gehören will. Und wir gehen dabei durchaus auch körperlich und mentale Gefahren ein.

Mechanismen der ökonomischen Leistungsgesellschaft und das Diktat der Effizienzorientierung sind nicht so einfach auf den Menschen übertragbar. Es würden sonst nicht so viele Berufstätige mit der Diagnose Burn-out auf der Couch von Psychotherapeuten landen. Wir sehen in unserer Klinik: Es sind nicht die „Verlierer“, die zu uns kommen, sondern zumeist sehr leistungsorientierte Leute.

Der Druck zur Selbstoptimierung wird vielen zur nicht mehr stemmbaren Last. Wir kennen alle die Bilder von Frauen, die beim Schönheitschirurgen übertrieben haben und nicht besser aussehen, sondern fast schon entstellt. Die USA haben uns zuerst vorgegaukelt, man könne nur mit einem attraktiven Körper erfolgreich sein. 

Welche Einwände haben Präventionsmediziner? 

Mediziner warnen davor, den Wert eines Menschen nur noch über seine Funktionalitäten zu definieren. Die Furcht, nicht ausreichend leistungsstark zu sein, sollte kein Beweggrund sein, nicht mehr auf seine innere Stimme zu hören.

Für die psychische Gesundheit ist es wichtig, Bereiche zu bewahren, in denen Stress und Leistung keine Rolle spielen. Niemand braucht gleichzeitig fünf oder sechs Social-Media-Profile. Geistiges digitales Detox wäre nicht schlecht. Ich kenne Patienten, denen ihr permanentes Selbstposten schlechte Laune macht. Narzissten kann die rastlose Selbstdarstellung noch kränker machen. 

Letztlich führt der Drang zur ständigen Maximierung des Lebensnutzens zu einem Verlust an Lebensqualität. Überzogene Selbstoptimierung macht weder freier noch glücklicher, sagen uns Soziologen und Psychologen. 

Dicke Fakten und sieben Tipps für erfolgreiches Abnehmen
Adipositas
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Denken Sie auch manchmal, dass die Menschen im Westen völlig aus der Form geraten sind? „Dann haben Sie recht“, sagt der Autor David Zinczenko. Er ist Chefredakteur der US-amerikanischen Ausgabe von Men's Fitness und hat gerade sein Buch „Zero Belly“ veröffentlicht, das bei Goldmann erschienen ist.

Bauch versus Geldbeutel
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Der Autor liefert auf 350 sehr informativen Seiten viele Fakten zum Thema Ernährung und Fitnesstraining. Besonders interessant sind die vielen wissenschaftlichen Erkenntnisse, die Zinczenko anschaulich erläutert. Unter anderem hat er in einer Übersicht zusammengefasst, welche Folgen es für unsere Gesellschaft hat, wenn wir immer dicker werden.

Zehn Prozent
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Für Adipositas werden beispielsweise alleine in den USA bereits zehn Prozent der Gesundheitsausgaben aufgewendet. Und: „Je dicker der Bauch, desto schmaler der Geldbeutel“, so Zinczenko. Er ist der Meinung: „Diese Extrakosten belasten die gesamte Gesellschaft, auch die Dünnen, denn dank Übergewicht steigen auch Versicherungsbeiträge und Ticketpreise.“

Leistungsfähigere Busse
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Laut der New York Times will die amerikanische Verkehrsbehörde das Durchschnittsgewicht für Fahrgäste in Bussen von 68 auf 80 Kilo hinaufsetzen, „um dem zunehmenden Umfang des Durchschnittspassagiers gerecht zu werden.“

Mehr Oberweite
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Bei Warcoal America, einem der größten BH-Hersteller, ist 90 DD neuerdings die gefragteste Größe. 2006, so Zinczenko, war es noch 90 C.

Größere Boote
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Der Küstenwache zufolge passen weniger Menschen als früher in ein Standardboot, schreibt Zinczenko. Daher wird mittlerweile das Durchschnittsgewicht mit 84 Kilogramm angesetzt.

Dickere Jugend
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„Nur jeder Vierte der jungen Erwachsenen zwischen 17 und 24 kommt für den Militärdienst infrage“, so eine Studie des Militärs, die der Autor in seinem Buch zitiert. Hauptgrund? Das Übergewicht.

Ernüchternd ist für mich als Arzt, dass einzelne Kollegen aus geschäftlichen Gründen die Kultur der Selbstoptimierung unterstützen, beispielsweise durch die Verordnung von vermeintlichen Anti-Aging-Produkten, von denen jeder weiß, dass sie nicht helfen. Botox macht keinen Menschen von innen heraus attraktiver. Zunehmend kommen in meine Sprechstunde Patienten mit vorübergehenden Gesichtslähmungen nach Behandlungen mit Botox.

Krankenkassen beschleunigen die Entwicklung zur Selbstoptimierung partiell noch. Wer fleißig seine Daten sammelt und gesünder lebt, wird belohnt. Wer seine Daten in Zukunft den Kassen zur Verfügung stellt, wird seine Beiträge reduzieren. Für Datenschützer ein bedrohliches Szenario, das in Deutschland derzeit allerdings noch verboten ist.

Es ist zweifellos nicht einfach, in unserer Optimierungsökonomie entspannt zu bleiben und seinen Weg durch das Dickicht an Optionen verheißungsvoller Verbesserungen zu finden. Zu Patienten, die offensichtlich zu viel an sich haben manipulieren lassen, sage ich oft scherzhaft, „die einzige plastische Operation, die ich je bei mir habe durchführen lassen, ist die Entfernung der Sixpacks“, was nicht selten zu einer kurzfristigen Verunsicherung meines Gegenübers führt. Humor ist möglicherweise ein guter Ratgeber, um nicht täglich den Kampf gegen das noch Bessere zu führen. 

Ich beobachte in meiner Sprechstunde aber auch, dass durchaus mit erkennbarer Selbstliebe ausgestattete Patienten beginnen, zu einer wohltuenden Gelassenheit zurückzufinden. Sie wirken dadurch oft zufriedener und scheinen nicht unglücklich darüber zu sein, beim Selbstoptimieren auch mal loszulassen. Wieder mehr Menschen stehen zu ihrer mangelnden Perfektion. Dieser bescheidenere Ansatz genießt meine uneingeschränkte Sympathie.

Curt Diehm ist ärztlicher Direktor der auf Führungskräfte spezialisierten Max-Grundig-Klinik. Der Internist lehrt zudem als außerplanmäßiger Professor an der Universität Heidelberg und ist Autor von über 200 wissenschaftlichen Originalpublikationen sowie vielen Sachbüchern.

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