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Prof. Curt Diehm

Expertenrat – Prof. Dr. Curt Diehm Sind Frauen die besseren Ärzte?

Eine aktuelle Studie legt nahe: In den Händen weiblicher Ärzte sterben weniger Patienten als bei männlichen Kollegen. Aber kann das wirklich sein?
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Ein besseres Ohr für Patienten. Quelle: Imago
Junge Ärztin

Ein besseres Ohr für Patienten.

(Foto: Imago)

In der Wirtschaft wird seit vielen Jahren mit Leidenschaft über Gender-Diversity diskutiert. Bibliotheken füllen sich mit Büchern zu dem Thema, in Wirtschaftsmagazinen sind Frauenquote und die Unterschiede zwischen Männern und Frauen, was ihren Führungsstil, angeht ein Evergreen. 

In der Medizin werden diese Fragen bei weitem nicht so stark diskutiert, obwohl auch in meiner Disziplin Männer traditionell in leitenden Positionen, etwa in Krankenhäusern, weit überrepräsentiert sind. Auch bei vielen Fachkongressen treffen sie vornehmlich auf männliche Kollegen. Allenfalls bei Haus- und Frauenärzten sieht es paritätischer aus. 

Vor diesem Hintergrund fiel mir kürzlich eine brandneue amerikanische Studie in die Hände, die in der Ärzteschaft für großen Aufruhr sorgt und das Diversity-Thema auf die Tagesordnung setzt. Die Studie legt nämlich nahe: Ob Sie bei einem akuten gesundheitlichen Problem in die Hände einer Ärztin oder eines Arztes kommen, könnte mitentscheidend für Ihr Überleben sein.

Niedrigere Sterberate

In einer Beobachtungsstudie, die in Florida durchgeführt wurde, wurden 580.000 Patienten aufgenommen, die bei einem Notfall stationär behandelt werden mussten. Die Studienergebnisse publizierte die hochkarätige Fachzeitschrift „Proceedings“ der National Academy of Science. Insgesamt wurden Daten von 1,5 Millionen amerikanischen Patienten ab 65 Jahre über einen Gesamtzeitraum von vier Jahren ausgewertet.

Demnach lag die Sterberate bei von Ärztinnen behandelten Patienten bei 11,07 Prozent, die bei ihren männlichen Kollegen bei 11,49 Prozent. Das Sterberisiko war bei Ärztinnen um vier Prozent niedriger. Wer von Frauen behandelt wurde, musste zudem in den folgenden 30 Tagen seltener erneut ins Krankenhaus aufgenommen werden (15,02 Prozent gegenüber 15,57 Prozent).

In anderen Zahlen: Wenn eine Ärztin 233 Patienten behandelt, stirbt ein Patient weniger in den nächsten 30 Tagen, als wenn ein männlicher Arzt dieselbe Anzahl von Patienten behandelt. Hierbei handelt es sich um die in der Medizin häufig errechnete sogenannte „Number needed to treat“ zur Verhinderung eines Todesfalles, die in diesem Fall bei 233 liegt.

Bei den 1,5 Millionen untersuchten Herzinfarkten war die Zahl der Todesfälle bei von Ärztinnen betreuten Patienten in Summe erheblich niedriger. In dieser Untersuchung waren also Frauen die eindeutig besseren Ärzte als Männer. Und: Insbesondere Frauen scheinen als Patienten noch stärker davon zu profitieren, wenn sie von Ärztinnen behandelt werden.

Die Ergebnisse aus Florida bestätigen eine bereits 2016 an der Harvard Medical School in Boston an mehr als 1,5 Millionen Patienten durchgeführte Analyse. Auch da schnitten Ärztinnen besser ab als ihre männlichen Kollegen. Untersucht wurde die Quote der notwendigen Wiederaufnahmen innerhalb von 30 Tagen nach der akuten Behandlung. Bei Medizinerinnen lag diese um fünf Prozent niedriger als bei Ärzten.

Zuhören und Leitlinien befolgen

Wie lässt sich das erklären? Es gibt viele Hinweise dafür – und das bestätigt auch meine persönliche Erfahrung –, dass Ärztinnen ihren Patienten geduldiger und besser zuhören. Visiten von Ärztinnen dauern in der Regel zwei bis drei Minuten länger als bei männlichen Kollegen. Das konnten Forscher der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health aufzeigen. Männliche Ärzte unterbrechen Patienten deutlich früher (nach 47 Sekunden) als Ärztinnen (nach drei Minuten).

Patienten wünschen sich in aller Regel nicht nur gute Diagnostiker, sondern auch gute Kommunikatoren. Dazu gehört zunächst einmal, dass der Mediziner zuhören kann und die sprechende Medizin praktiziert. Möglicherweise sind Ärztinnen auch empathiefähiger, ohne dass ich hier zu sehr ein Stereotyp bemühen möchte.

Frühere Studien zeigen zudem, dass sich Ärztinnen eher an Leitlinien halten und häufiger Vorsorgemaßnahmen anbieten als männliche Ärzte. Die weiblichen Kolleginnen orientieren sich mehr an der evidenzbasierten Medizin. Frühere deutsche Erhebungen haben außerdem gezeigt, dass weibliche Ärzte insgesamt den Patienten besser in die gemeinsame Entscheidungsfindung einbeziehen.

Und: Ärztinnen gelingt es offenbar auch häufiger, dass Patienten ihre Zielvereinbarungen erreichen. Das geht aus einer Beobachtungsstudie zu zuckerkranken Patienten hervor.

Mit anderen Worten: Die Versorgungsqualität der Patienten war in dieser Untersuchung durch Ärztinnen besser gewährleistet als durch Ärzte.

Kritiker relativieren

Bei genauerer Betrachtung der Ergebnisse fiel Kritikern auf, dass die Frauen wegen ihrer Doppelbelastung als Mütter typischerweise zu familienfreundlichen Zeiten, also tagsüber, und kürzer arbeiteten. Frauen behandelten auch eher reichere Patienten in privaten Krankenhäusern. Dies mag die Ergebnisse dieser Studie relativieren, vom Tisch wischt die Kritik die Analyse damit jedoch nicht.

Eigene Beobachtungen als Kardiologe lassen mich mutmaßen, dass männliche Ärzte bei komplexen Problemen wie beispielsweise einer Katheter-Intervention bei einem frischen Herzinfarkt teilweise weniger achtsam vorgehen als Frauen. Zu viel Testosteron ist gerade bei solchen Operationen nicht gefragt. Verhaltensmuster sind auch in der Chirurgie enorm relevant.

Mein Fazit: Frauen leisten als Ärztinnen eine mindestens genauso gute Arbeit wie ihre männlichen Kollegen. Jede Form der Ungleichbehandlung, etwa bei Einkommen oder Beförderungen, ist selbstredend unangebracht und gehört, wo vorhanden, ins vergangene Jahrhundert.

Curt Diehm ist ärztlicher Direktor der auf Führungskräfte spezialisierten Max-Grundig-Klinik. Der Internist lehrt zudem als außerplanmäßiger Professor an der Universität Heidelberg und ist Autor von über 200 wissenschaftlichen Originalpublikationen sowie vielen Sachbüchern.

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