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Prof. Curt Diehm

Expertenrat – Prof. Dr. Curt Diehm Was Manager von Merkels Umgang mit Zitteranfällen lernen können

Angela Merkel zittert bei Staatsterminen – und zeigt damit Schwäche. Für Führungskräfte ist das beruhigend: Leitwölfe müssen nicht immer funktionieren.
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Viele Deutsche zweigen nach den drei Zitteranfällen von Bundeskanzlerin Angela Merkel innerhalb weniger Wochen Zurückhaltung und Verständnis. Quelle: dpa
Angela Merkel

Viele Deutsche zweigen nach den drei Zitteranfällen von Bundeskanzlerin Angela Merkel innerhalb weniger Wochen Zurückhaltung und Verständnis.

(Foto: dpa)

Den Umgang mit den drei Zitterattacken von Bundeskanzlerin Angela Merkel empfand ich als Mediziner bemerkenswert und in gewisser Weise auch als einen Fortschritt.

Natürlich gab es die unvermeidlichen Ferndiagnosen, da keine offizielle ärztliche Stellungnahme veröffentlicht wurde. Meine Vermutung ist bei unklarer Symptomatik ein harmloser orthostatischer Tremor, der bei Damen in Merkels Alter nicht so selten ist.

Die Bundeskanzlerin selbst nannte kurz und knapp psychologische Gründe für die zweite Attacke. So etwas kann jeden von uns einmal treffen.

Zu Sensationslust, Voyeurismus und einer ernsten Sorge gesellte sich erstaunlicherweise mit Zurückhaltung und Verständnis noch eine weitere Komponente in der öffentlichen Reaktion. Der Tenor: So etwas kann passieren und wir müssen das jetzt nicht dramatisieren. Diese Sicht ist ungewöhnlich und zeugt von einem Gewinn an Reife der Beobachter.

Eine Umfrage der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ ergab, dass 59 Prozent der Teilnehmer der Auffassung sind, die Kanzlerin müsse keine detaillierte Auskunft über ihren Gesundheitszustand geben. Die Privatsphäre sei zu respektieren. Immerhin hat Frau Merkel über viele Jahre eine enorme körperliche Leistungsfähigkeit und Resilienz bewiesen.

Die tiefergehenden Fragen lauten aus meiner Sicht: Wie sehr dürfen Leistungseliten gesundheitliche Schwächen zeigen? Was akzeptieren die Geführten? Müssen wir toleranter werden, weil es eben Teil des Lebens ist, auch einmal ein gesundheitliches Problem zu haben, ohne dass gleich wieder einer schreit, dass er oder sie weg muss weg.

In den USA dürfen Politiker kaum Schwäche zeigen

Das Ganze ist nicht einfach. Gerade in der Politik wird körperliche Schwäche gerne instrumentalisiert. Hillary Clinton etwa hat eine instabile Gesundheit. Sie machte mehrere schwere Thrombosen durch, wahrscheinlich auch eine Lungenembolie und eine Sinusvenenthrombose im Gehirn.

Als sie im US-Präsidentschaftswahlkampf für alle sichtbar einen kurzen Schwächeanfall erlitt, weidete das Konkurrent Donald Trump genüsslich aus. Wie wenig gerade in den USA historisch ein Politiker äußere Zeichen von Schwäche zeigen darf, belegt auch der Fall von Franklin D. Roosevelt, von 1933 bis 1945 der 32. Präsident der USA. Es wurde der amerikanischen Bevölkerung erfolgreich verheimlicht, dass ihr Präsident durch eine Kinderlähmung komplett gelähmt war. Später kam ein bösartiger schwarzer Hautkrebs hinzu, den er vermutlich schon in seiner Amtszeit hatte.

John F. Kennedy hatte eine Unterfunktion der Schilddrüse und massivste Rückenprobleme bei einer Addison-Krankheit. Er wurde täglich mit Kortison und anderen Medikamenten behandelt. Bei Ronald Reagan ist davon auszugehen, dass er schon bei Amtsantritt von seiner späteren Alzheimer-Erkrankung wusste. Von all dem bekamen die US-Amerikaner nichts oder nur sehr wenig mit.

Auch in Deutschland wurde lange um die Gesundheit von Politikern ein Geheimnis gemacht. Dass Willy Brandt immer wieder schwere depressive Episoden hatte und Helmut Schmidt in der Zeit als Kanzler mehr als 100 Mal von Bewusstlosigkeit geplagt wurde, drang erst nach außen, nachdem beide längst das Amt verlassen hatten.

Die Deutschen gewähren mehr Privatsphäre

Heute ist das in den USA anders: Das öffentliche Interesse am Gesundheitszustand der führenden Politiker ist enorm. Jeder Wind im Baum des Präsidenten und jede kleinste Herzrhythmusstörung werden publik.

In Deutschland wird mehr Privatsphäre gewährt und auch ein höheres Maß an Toleranz ist üblich. Sonst wäre es nicht möglich gewesen, dass Wolfgang Schäuble nach dem Attentat im Oktober 1990 – seitdem ist er bekanntlich ab dem dritten Brustwirbel abwärts gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen – seine herausragende politische Karriere in Spitzenämtern fortgesetzt hätte.

Manuela Dreyer, rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin und stellvertretende Vorsitzende der SPD, hat seit 1995 Symptome einer Multiplen Sklerose. Sie ist bei längeren Wegstrecken ebenfalls auf den Rollstuhl angewiesen. Trotzdem wird sie gewählt und genießt hohen Respekt.

Eine Botschaft lautet: Menschen können krank sein und trotzdem alles erreichen. Dass Politiker zu Höchstleistungen jenseits von körperlichen Gebrechen und Behinderungen fähig sind, hat nicht zuletzt Theresa May bewiesen. Sie versuchte, den Brexit-Knoten mit Leidenschaft und höchstem Einsatz zu lösen. Dabei ist sie insulinpflichtige Diabetikerin. Sie korrigiert ihren Zucker-Spiegel mit teilweise fünf Injektionen täglich. Frau May entwickelte schon sehr früh eine Zuckerkrankheit vom Typ 1.

In der Wirtschaft muss der Leitwolf funktionieren

Ich bin überzeugt: Was für die Politik gilt, gilt natürlich auch für Topmanager. Oft sind in dieser Welt die Gesetze sogar noch härter. Der Leitwolf muss immer funktionieren. Letztlich wurde es dem BMW-Chef Harald Krüger nie verziehen, dass er bei seinem ersten Auftritt bei der IAA umgekippt war. Schlechte Bilder, schlechte PR und auf immer das Image des „Weicheis“ in der Benzin-im-Blut-Branche Automobil.

Wir behandeln viele Führungskräfte mit Burn-out sowie mit Alkohol- und anderen Suchtproblemen, aber auch mit „normalen“ internistischen Erkrankungen. Oft bin ich mit den Ängsten der Patienten konfrontiert. Sie fragen sich: Soll ich meinen Kolleginnen und Kollegen von meinem Zustand berichten?

Bei rein körperlichen Leiden ist der Schritt in die Unternehmensöffentlichkeit oft nicht schwer. Ein Herzinfarkt oder ein leichter Schlaganfall, das löst nicht gleich das Sägen am Stuhl aus.

Bei vorübergehenden mentalen Störungen ist das anders. Da rate ich auch oft, sich dem beruflichen Umfeld nicht zu öffnen. Eine Depression beispielsweise kann einem Manager sehr lange als Makel anheften. Das verbirgt man lieber.

Mit dem Vorrücken von immer mehr Frauen in die Aufsichtsräte und Vorstandsetagen könnte sich das langsam ändern. Bei weniger Testosteron im Raum lassen sich möglicherweise dann besser Schwächen, die jeden einmal im Leben heimsuchen, offener ansprechen. Das wäre wünschenswert, denn vielen Betroffenen, die ja weiterhin extrem leistungsfähig sind, lastet es auf der Seele, ihre Leiden und Krankheiten nicht ansprechen zu können.

Bei der Kanzlerin ist es übrigens ziemlich wahrscheinlich, dass nach dem aktuellen Urlaub die Zitteranfälle wieder komplett verschwunden sind.

Mehr: Früher galt: Wer viel leistet, schläft wenig. Das ist heute anders. Wie Apps Managern Hilfe leisten und wieso zu viel Selbstkontrolle schlecht ist, lesen Sie hier.

Curt Diehm ist ärztlicher Direktor der auf Führungskräfte spezialisierten Max-Grundig-Klinik. Der Internist lehrt zudem als außerplanmäßiger Professor an der Universität Heidelberg und ist Autor von über 200 wissenschaftlichen Originalpublikationen sowie vielen Sachbüchern.

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2 Kommentare zu "Expertenrat – Prof. Dr. Curt Diehm: Was Manager von Merkels Umgang mit Zitteranfällen lernen können"

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  • Danke Herr Quentin für diesen Kommentar. Da möchte ich hinzufügen: bei Merkel drängt sich mir der Gedanke an eine Seilschaft auf- Merkel von der Leyen Akk = irgendwie alles das gleiche selbe = eine suppe

  • Also das Bild eines Leitwolfes drängt sich mir bei Frau Merkel eher weniger auf. Da denke ich eher an einen schwerfälligen Weidegänger, der wartet bis das Gros der Herde loszieht und der sich dann schnell noch mit dranhängt. Also eher das genau Gegenteil eines Leitwolfes.

    "...Bei weniger Testosteron im Raum lassen sich möglicherweise dann besser Schwächen, die jeden einmal im Leben heimsuchen, offener ansprechen." Aber auch wirklich nur ganz eventuell möglicherweise! Glaube ich eher nicht dran. Darüber hinaus ist diese Unterstellung eindeutig sexistisch! #Aufschrei!

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