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Klaus Hansen

Expertenrat – Klaus Hansen Dass Vorstandsposten Schleudersitze sind, ist nur ein Mythos

In Deutschland wird darüber debattiert, wie lange Manager Vorstandsposten bekleiden. Die Diskussion sollte auf die Zusammensetzung der Topgremien abzielen.
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Die Siemens-Personalchefin wird den Konzern Anfang 2020 verlassen. Quelle: dpa
Janina Kugel

Die Siemens-Personalchefin wird den Konzern Anfang 2020 verlassen.

(Foto: dpa)

An so manchem Stammtisch und in so mancher Gazette herrscht die Meinung vor, dass Vorstandssessel in Deutschland einem Schleudersitz gleichen. Auch nach dem Bekanntwerden von Janina Kugels Abgang aus dem Vorstand von Siemens flammte die Diskussion zu dieser Hypothese wieder auf.

Dabei findet sich für diese Behauptung gar keine faktische Grundlage. Die Behauptung, dass Vorstände schon nach kurzer Zeit ihre Positionen verlassen müssen, ist schlicht falsch. Zumindest für das Segment der 30 Dax-Konzerne zeigt unser jährlicher Dax-Vorstands-Report, dass die durchschnittliche Verweildauer der Amtsinhaber in den vergangenen 15 Jahren bei rund vier Jahren lag.

Auch die Konstitution der Wirtschaft übt darauf keinen großen Einfluss aus: Selbst während der Finanzkrise 2008 und der zuletzt konjunkturstarken Phase hat sich die Verweildauer im Mittel nur um zwei bis drei Monate verändert. Siemens-Personalchefin Janina Kugel liegt in dieser Hinsicht genau im Trend. Ihren Vorstandsposten bei Siemens übernahm sie im Februar 2015, den Technologiekonzern wird sie Anfang des kommenden Jahres verlassen.

Und noch ein weiteres Merkmal untermauert die These von Kontinuität in den Dax-Vorstandsetagen: Die Dauer der Unternehmenszugehörigkeit vor Berufung in den Vorstand, die „Stehzeit“, liegt seit 2005 unverändert auf dem hohen Niveau von durchschnittlich zwölf Jahren.

Auch das Durchschnittsalter aller Dax-30-Vorstände beträgt – einem Naturgesetz gleichkommend – seit 15 Jahren rund 53 Jahre, das Eintrittsalter der Vorstandsmitglieder schwankt im Mittel lediglich zwischen 47 und 48 Jahren.

Es mangelt den Gremien also in mehreren Hinsichten nicht an Kontinuität – obwohl die externen Einflüsse einem wilden Sturm gleichen. Handelskriege, der bevorstehende Brexit und nicht zuletzt disruptive Angreifer wie Uber oder Airbnb schütteln die hiesige Unternehmenslandschaft kräftig durch. Die Faktoren ändern aber offenbar nicht gravierend die Zusammensetzung deutscher Chefetagen.

Aus diesem großen Maß an Kontinuität wird oft abgeleitet, dass die deutschen Großunternehmen in ihrer Gesamtheit selbstgefällig und unflexibel sind und zudem den Wandel verschlafen. Das entspricht aber nicht der Wahrheit.

Zu hinterfragen ist vielmehr, wie offen die angestammte Führungsmannschaft – zum größten Teil bestehend aus in Deutschland geborenen Männern – für neue Entwicklungen ist und wie sich diese auch von fremden Kulturen beeinflussen lässt. Allein aus der Tatsache der Globalisierung heraus ist es eine Notwendigkeit, sich mit Kollegen zu umgeben, die schon fernab von Deutschland längerfristig gearbeitet oder die schon in verschiedenen Branchen Erfahrungen gesammelt haben.

Dieser Mix im Führungsteam ist die Voraussetzung für Chefs, jederzeit selbst die scheinbar klügsten Entscheidungen infrage zu stellen und gegebenenfalls völlig konträr auf neue Entwicklungen zu reagieren.

Mit dem Thema Diversität profilierte sich Kugel bei Siemens. Eines der wichtigsten Kriterien für diese Vielfalt ist der Anteil der Frauen an der Gesamtheit der Topmanager. Wie der Dax-Vorstands-Report zeigt, liegt dieser Anteil derzeit bei 14 Prozent. Betrachtet man alle börsennotierten Unternehmen, liegt dieser Anteil nur bei 8,7 Prozent.

Ein weiteres relevantes Kriterium für ein hohes Maß an Diversität ist zudem die Herkunft der Mitglieder des Topgremiums. Im Gegensatz zur geschlechtlichen Zusammensetzung wurden hier in den vergangenen Jahren deutlichere Fortschritte erzielt. So ist der Anteil der ausländischen Vorstände in Dax-Unternehmen nach Jahren der Stagnation im Jahr 2018 endlich über die Marke von 30 Prozent gestiegen.

Konkret kommt die Mehrheit der nichtdeutschen Vorstandsmitglieder aus dem englischsprachigen Ausland, allen voran aus den USA, aber auch aus europäischen Ländern wie Frankreich, Spanien oder Schweden. Der Trend zu mehr Internationalität dürfte sich fortsetzen: Aktuell sind bereits 35 Prozent der Vorstandsmitglieder in Dax-Unternehmen nicht deutscher Herkunft.
Diversität meint nicht zuletzt auch, dass Vorstandsgremien aus Vertretern vieler Branchen bestehen. Weil sich die Grenzen zwischen den Sektoren zunehmend auflösen, wäre es wünschenswert, wenn die Anzahl branchenfremder Vorstände weiter deutlich zunimmt. Allerdings ohne dass die Verweildauer auf den Positionen abnimmt. Denn was wir in Zukunft brauchen, ist nicht etwa eine Veränderung des Gesäßes – sondern des Denkens.

Mehr: Viele Vorstandsvorsitzende in Deutschland verpassen den richtigen Zeitpunkt, um ihr Amt abzugeben, meint Klaus Hansen. Die Überprüfung durch einen neutralen Dritten wäre in vielen Fällen notwendig.

Klaus Hansen ist Partner der Personalberatung Odgers Berndtson und leitet die Practices „Board & Chair“ sowie „CEO“ in Deutschland. Für das Handelsblatt schreibt er über aktuelle Themen rund um Topmanager, Führung und Karriere.

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