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Klaus Hansen

Expertenrat – Klaus Hansen Die Mär vom sinnvollen Studienabbruch

Jeder vierte Bachelor-Student verlässt vorzeitig die Uni. Diese skandalös hohe Zahl verdanken wir vor allem einer Fehlplanung im Bildungsbereich.
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Fast jeder Vierte bricht sein Studium ab. Quelle: dpa
Studenten in Koblenz

Fast jeder Vierte bricht sein Studium ab.

(Foto: dpa)

Egal ob TV-Moderator Günther Jauch, Ex-„Bild“-Chef Kai Diekmann oder der frühere Telekom-CEO René Obermann: Es gibt viele Beispiele von prominenten Studienabbrechern. Auch jenseits des Atlantiks lässt sich die Liste mit den Namen bekannter Unternehmensgründer wie Steve Jobs, Bill Gates oder Michael Dell nahezu beliebig fortsetzen.

So manch einer leitet aus diesen beruflichen Laufbahnen ab, dass die Zeit durchs Studium vertan und besonders wertvoll sei. Ja, sie schlussfolgern daraus sogar, dass Studienabbrechern besondere Kompetenzen innewohnen.

Wer sich aber genau mit dem Thema beschäftigt, stellt folgendes fest: Viele dieser bekannten Studienabbrecher entstammen entweder digitalaffinen Branchen oder der Medien-, Film- und Musikwelt. Diejenigen, die letzteren angehören, hatten das Privileg, eine medienwirksame Persönlichkeit, Ausstrahlung und gewisse künstlerische Begabung zu haben.

Die Studienabbrecher aus dem digitalen Bereich wiederum eint dreierlei: Sie kamen auf einen technischen Geistesblitz, sie zeichnet Durchhaltevermögen in einer ihnen wichtigen Sache aus sowie ein hohes Maß an Rücksichtslosigkeit, um nicht unterzugehen.

Auf wie viele aber der Bachelor-Studenten, die ihre Uni ohne Abschluss verlassen, trifft das zu? Immerhin ist die Zahl der Studienabbrecher in Deutschland erschreckend hoch. Über ein Viertel aller Bachelor-Studenten quittiert seinen Dienst vorzeitig.

Tatsächlich, so lautet die einzig richtige Antwort, trifft auf nur wenige die vorherige Beschreibung zu. Richtig ist also der Umkehrschluss: Man muss nicht erst ein Studium beginnen und dann abbrechen, um später erfolgreich zu sein.

Kaschiert wird dieser Skandal großen, volkwirtschaftlichen Ausmaßes nur vom Fachkräftemangel und vom demografischen Wandel. Deshalb müssen insbesondere Studienabbrecher der Zukunftsthemen Digitalisierung/Informatik nicht fürchten, arbeitslos zu werden. Sie haben angesichts des knappen Arbeitskräfteangebots eine gute Chance, schnell in der Wirtschaft einen Platz zu finden.

Zum Beispiel auch in einem Ausbildungsberuf. Denn viele Unternehmen und sogar Institutionen des öffentlichen Dienstes nehmen von ehemals nicht verhandelbaren Ausbildungskriterien Abstand, um die vielen Leerstellen füllen zu können.

Studien wie etwa vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung bestätigen, dass auf die Abbrecher alternative Karrierechancen warten. So hätten, heißt es in einer Untersuchung aus 2017, ein halbes Jahr nach dem Abschied von der Universität 43 Prozent eine schulische oder betriebliche Berufsausbildung aufgenommen, 31 Prozent seien erwerbstätig.

Wollen wir wirklich die volkswirtschaftliche Fehlallokation – überfüllte Universitäten, fehlende Arbeitskräfte auf dem Markt – gutheißen oder im Nachhinein versuchen zu heilen? Zeit und Gelegenheit gegenzusteuern, gab es schon genug.

Man erinnere sich: Ab den 70er-Jahren des vorherigen Jahrhunderts erlitten viele Handwerksberufe einen Rufschaden, gebilligt von der Politik. Der Beruf des Handwerkers oder des Gesellen, einst ehrenwert und sozial geachtet, war plötzlich nicht mehr gut genug. Der Sohn sollte es einmal besser haben, die Tochter auf eigenen Beinen stehen.

So erodierte langsam, aber sicher das altbewährte dreigleisige Schulsystem. Heute wird die Hauptschule in den meisten Städten nur noch verschämt für das intellektuelle Prekariat betrieben und jeder Grundschüler notfalls mit juristischer Finesse ins Gymnasium gedrückt.

So landen viel zu viele Abiturienten an den Unis, die eigentlich für andere Ausbildungsgänge viel besser geeignet wären. Wen wundert´s, dass das zu entsprechenden Abbrüchen führt, mit allen sich daraus ergebenden volkswirtschaftlichen Konsequenzen?

Und so kann man sich nur wünschen, dass die Industrie und insbesondere auch der Mittelstand endlich einmal lauter die Stimme erheben, um für ihre dualen Ausbildungswege und den Reiz des Facharbeiterberufes viel stärker als bisher zu werben.

Soziale Anerkennung entsteht in Deutschland auch durch den akademischen Abschluss, aber erst recht durch ein erfolgreiches Berufsleben. Und wer um jeden Preis berühmt oder reich oder beides werden will, kann dies auch ohne den Umweg über unsinnige Semester erreichen. Ganz sicher.

Klaus Hansen ist Partner der Personalberatung Odgers Berndtson und leitet die Practices „Board & Chair“ sowie „CEO“ in Deutschland. Für das Handelsblatt schreibt er über aktuelle Themen rund um Topmanager, Führung und Karriere.

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