Klaus Hansen

Expertenrat – Klaus Hansen In der Dieselaffäre stinkt der Fisch vom Kopf

Skandale wie die Abgasaffäre zeigen: Vorstände kleben wie Pattex an ihren Posten, selbst nach schwerwiegenden Verfehlungen. Doch es geht auch anders.
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Allein schon aufgrund des Vorbildcharakters müssen Firmenchefs zwingend zurückzutreten, wenn schwerste Verstöße gegen die Unternehmensverfassung bekannt werden. Quelle: dpa
Rupert Stadler

Allein schon aufgrund des Vorbildcharakters müssen Firmenchefs zwingend zurückzutreten, wenn schwerste Verstöße gegen die Unternehmensverfassung bekannt werden.

(Foto: dpa)

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine neue Facette des Dieselskandals ans Licht kommt. Und das seit dem 3. September 2015, als der Volkswagen-Konzern gegenüber ermittelnden US-Behörden den Einbau einer Betrugssoftware zugab. Etliche Topmanager des 12 Marken umfassenden Auto-Riesenreichs traten in der Folge zurück, nicht zuletzt Volkswagen-Chef Martin Winterkorn.

Nun muss auch Audi-Chef Rupert Stadler zittern. Der Sohn eines Landwirts aus Oberbayern schien lange in seiner Chefposition unantastbar, nun sitzt er in Untersuchungshaft.

Sicher, wie für jeden anderen Menschen gilt auch für Stadler die Unschuldsvermutung. Darauf kann in Zeiten steigender Vorverurteilungen gar nicht häufig genug hingewiesen werden. Zugleich darf erwartet werden, dass Staatsanwälte, die ein wichtiges Element in einem Rechtsstaat darstellen, gut gearbeitet haben.

Der mediale Aufmarsch war beeindruckend, nicht zuletzt flankierte die „Süddeutsche Zeitung“ medienwirksam die Verhaftung, woher die Zeitung die Information auch hatte. Man erinnere sich: Als im Februar 2008 Deutsche-Post-Chef Klaus Zumwinkel, begleitet von etlichen Fernsehkameras, festgenommen wurde, erhöhte das auch den Druck auf die Ermittler. Ein Freispruch hätte so gar nicht zu einer perfekt inszenierten Festnahme gepasst.

Kann es nun sein, dass Audi-Chef Stadler, der als Vertreter der renditestarken Marke auch im Vorstand des Dax-Konzerns VW sitzt, nichts von den Machenschaften wusste? Zumal Stadler als der engste Vertraute von Ferdinand Piëch gilt, der bis Ende 2017 im Hintergrund die Strippen bei VW zog.

Das Strafrecht ist das eine Feld. Eine gute Corporate Governance des Unternehmens das andere. Allein schon aufgrund des Vorbildcharakters müssen Firmenchefs zwingend zurücktreten, wenn schwerste Verstöße gegen die Unternehmensverfassung bekannt werden. Rupert Stadler hat diese Chance nicht genutzt.

Er hätte sich ein gutes Beispiel am Staat nehmen sollen. Behördenleiter, Minister und auch Regierungschefs treten gewöhnlich bei Verfehlungen zurück. Und dies, obwohl deren Verstöße in der Regel nicht so gravierend sind wie die Machenschaften beim Dieselskandal. Zudem kommen die Staatsvertreter einer Rücktrittsempfehlung oft zuvor. 

Eine sogenannte „good governance“ beinhaltet eine Unternehmenskultur, die gar nicht erst den Boden für Verbrechen bereitet. Führung und Verantwortung sehen im VW-Staat mit seinen 642.000 Mitarbeitern weltweit und einem von Quartalsergebnis zu Quartalsergebnis hechelnden Kurzzeit-Denken anders aus.

Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass Vorstandsmitglieder von den Zuwiderhandlungen nichts wussten, wären mehr als markige Ankündigungen zu erwarten gewesen. Ein Automatismus wäre das Normale gewesen: Umfassende Untersuchungen mit sanktionsreichen Folgen, Umstrukturierungen von verfehlten Teamzusammenstellungen, Stärkung der Compliance-Abteilung. 

Denkbar in solchen Fällen wäre auch: Ein TV-Team darf den Vorstandschef einen Tag begleiten, durch die Fabriken spazieren, unter die Motorhauben lugen, im Schlepptau ein Wissenschaftler, unabhängig, unbestechlich. Warum eigentlich nicht? So hätte ein Konzern wie VW glaubwürdig die Botschaft gesendet: „Wir haben verstanden“. Ernsthaft. Auf Dauer wirkend. 

Weniger anspruchszart kann man nur hoffen, dass am Ende von Dieselgate – wann immer das auch sein mag – Menschen in der Führung sitzen, die in erster Linie die Verantwortung für das Unternehmen, das Markenversprechen und die Kunden sehen, und dann erst den nächsten Quartalsbericht und die eigene Tantieme.

Klaus Hansen ist Managing Partner der Personalberatung Odgers Berndtson und leitet die Practices „Board & Chair“ sowie „CEO“ in Deutschland. Für das Handelsblatt schreibt er über aktuelle Themen rund um Topmanager, Führung und Karriere.

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