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Klaus Hansen

Expertenrat – Klaus Hansen Manager sollten mehr Anstand wagen

Mit „Ebit macht frei“ zog VW-Chef Herbert Diess große Kritik auf sich. Nicht nur dieses Beispiel zeigt: Auftritte von Managern haben große Wirkung in der Gesellschaft.
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Der Volkswagen-Chef hatte wegen des Satzes „Ebit macht frei“ viel Kritik einstecken müssen. Quelle: AFP
Herbert Diess

Der Volkswagen-Chef hatte wegen des Satzes „Ebit macht frei“ viel Kritik einstecken müssen.

(Foto: AFP)

Es ist der römische Philosoph Seneca gewesen, der es auf den Punkt brachte: „Nicht alles, was das Recht erlaubt, erlaubt auch der Anstand.“

Eigentlich muss dieser Satz zur DNA einer jeden Führungskraft und eines jeden Unternehmens gehören. Doch so manch hochdotierter Manager hat die Bedeutung des Themas noch nicht verinnerlicht. Zum Beispiel Herbert Diess. Der Konzernchef von Volkswagen legte in dieser Hinsicht erst kürzlich einen unglücklichen Auftritt hin.

Bei einem Zusammentreffen mit den wichtigsten Führungskräften des Dax-Konzerns im vergangenen März benutzte Diess gleich mehrfach einen Begriff, der Erinnerungen an das Dritte Reich und damit an die Anfänge der Volkswagen-Geschichte weckte.

Mit seinem Ausspruch „Ebit macht frei“ stellte er eine Verbindung zum Nationalsozialismus her. „Arbeit macht frei“ hatten die Nazis bekanntlich als Toraufschrift an Konzentrationslagern verwendet. Später darauf angesprochen, entschuldigte sich Diess für die „sehr unglückliche Wortwahl“.

Führungskräfte sollten Vorbilder für ihre Mitarbeiter sein – so weit, so banal. Dass einen die Praxis mitunter anderes lehrt, zeigen zwei weitere Beispiele.

In seiner Zeit als Deutsche-Bank-Chef fiel Josef Ackermann nicht zuletzt mit einer mindestens ungewöhnlichen Geste auf. Sein Victory-Zeichen vor Gericht ging um die Welt. Ähnlich wie bei VW-Chef Diess war dies kein Moralverstoß, aber an Feingefühl mangelte es beiden Topmanagern in den beschriebenen Fällen deutlich.

In eine Kategorie von verfehlter Moralanschauung fiel dagegen das Ansinnen von Siemens-Chef Joe Kaeser, kurze Zeit nach dem Mord am saudischen Regimekritiker Jamal Khashoggi zu einer Investorenkonferenz in die saudische Hauptstadt Riad fahren zu wollen. Erst der öffentliche Druck stimmte ihn dann um.

Um möglichen Missverständnissen vorzubeugen: Manager und Unternehmen sollten nicht im Stillen agieren, sondern sie haben gesellschaftliche Verantwortung zu tragen, weil sie Teil der Gesellschaft sind. Eher irreführend war in diesem Zusammenhang also das Zitat „The business of business is business“ des US-amerikanischen Ökonomen Milton Friedman.

Der 2006 verstorbene Wissenschaftler war überzeugt: Die soziale Verantwortung von Unternehmen besteht nicht darin, sich um Politik und Gesellschaft zu kümmern, sondern darin, hohe Gewinne zu erwirtschaften. Langfristig, so Friedmans Kalkül, profitieren davon alle Teile der Gesellschaft.

Friedmans Kalkül ist falsch

Wie sehr diese Überzeugung ins Leere läuft, lässt sich an großen Infrastrukturprojekten in Deutschland besichtigen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich eine geradezu fundamentale Ablehnung gegenüber jeder Art von Großprojekten in der Republik breitgemacht. Gleichgültig, ob es ein Bahnhof wie Stuttgart 21, eine Autobahnverbreiterung oder eine Stromtrasse ist.

Weil heute informationsbeschleunigende Social-Media-Kanäle die öffentliche Kommunikation bestimmen, müssen Unternehmen viel schneller als in der Vergangenheit Szenarien entwickeln – und deshalb eine konsistente Kommunikation im Vorwege aufbauen.

Die Deutsche Bahn ist dafür in Teilen ein gutes Beispiel. Der Konzern hat aus den Fehlern von Stuttgart 21 gelernt und bespricht den Bau der Schnellbahntrasse Frankfurt–Fulda derzeit intensiv mit der betroffenen Bevölkerung. Das Kalkül des Konzerns: So lässt sich in Zeiten von Echtzeitkommunikation auch die Deutungshoheit behalten.

Kommunikation findet allerdings ihre Grenzen, wenn Unternehmen und Manager gegen Gesetze verstoßen. Wenn es um Strafrechtliches wie Insolvenzverschleppung geht, dann braucht es auch kein Wort der Entschuldigung mehr. Wenn das Fehlverhalten dagegen in die Kategorie des Anstands fällt, darf von jeder Person mit einer guten Erziehung und einem festen Wertegerüst erwartet werden, dass sie weiß, was sich gehört und was nicht.

Vor allem, wenn das Unternehmen etwa jahrelang Diskriminierungen zugelassen oder eine Bank Kunden dabei geholfen hat, das Finanzamt zu betrügen. Dass solche Verfehlungen aufgrund einer mangelhaften Führungskultur gedeihen können, macht die Vorbildfunktion des Einzelnen nicht weniger wichtig.

Die moralische Oberhand behält dann derjenige, der sich im Weiteren nur noch um das „Wie“ kümmert. Das „Ob“ muss lange vorher geklärt sein und darf nicht mehr Gegenstand einer Diskussion werden.

Bleibt zu hoffen, dass es in Zukunft nicht mehr den öffentlichen Druck braucht, sondern dass Topmanager aus einer inneren Haltung heraus feinfühliger kommunizieren und wissen, wann der eigenen Wertvorstellung der Vorzug vor dem Geschäft zu geben ist.

Klaus Hansen ist Partner der Personalberatung Odgers Berndtson und leitet die Practices „Board & Chair“ sowie „CEO“ in Deutschland. Für das Handelsblatt schreibt er über aktuelle Themen rund um Topmanager, Führung und Karriere.


 

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