Nora Heer

Expertenrat – Nora Heer Vom Charme der echten Kehrtwende

Kehrtwenden haben zurzeit Hochkonjunktur. Doch zu oft sind sie weder durchdacht noch klug – wie Donald Trump, Horst Seehofer und der DFB zeigen.
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Sein öffentlicher Eiertanz um Nationalspieler Mesut Özil war Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten. Quelle: dpa
Oliver Bierhoff

Sein öffentlicher Eiertanz um Nationalspieler Mesut Özil war Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten.

(Foto: dpa)

In den vergangenen Tagen konnten wir Zeugen einiger bemerkenswerter Kehrtwenden, Volten und Rückwärts-Rollen sein. Diese scheinen zurzeit Hochkonjunktur zu haben – sei es in der Politik oder im Sport neben dem Spielfeld.

Als sich Mesut Özil und Ilkay Gündogan kurz vor der Weltmeisterschaft und mitten im türkischen Wahlkampf mit Präsident Recep Tayyip Erdogan lächelnd ablichten ließen, wogte eine Welle der Entrüstung durch das Land. Auch wenn die darauf folgende Debatte bald von unschönen Ressentiments geprägt war, so ist die Aufregung grundsätzlich nachvollziehbar: Sich an die Seite eines Despoten zu stellen, der massenweise Journalisten und Oppositionelle ins Gefängnis wirft, ist mehr als nur eine Dummheit und eigentlich unverzeihlich.

Statt mit Konsequenz im Sinne der Werte des Verbandes hat der DFB versucht, das Thema zu beerdigen und ist dabei alles andere als konsequent aufgetreten, als die rassistischen Töne immer lauter wurden. Es sei „alles gesagt“, vermeldete der DFB-Sprecher Uli Voigt beim Medientag, bei dem Özil durch Abwesenheit glänzte. Das Thema wurde damit aber nicht aus der Welt geschafft, sondern unnötig angeheizt.

Dass der Manager der Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff,  dann kaum zwei Wochen nach dem Ausscheiden bei der WM in einem Interview meint, man hätte „überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet“ und diese Aussage kurz darauf wieder relativiert, macht die Sache nur noch schlimmer.

Fußball ist ein Teamsport. Probleme sollten intern und nicht in der Öffentlichkeit geregelt werden. Der öffentliche Eiertanz von Bierhoff war Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten und zeigt, dass der DFB keine Strategie hatte, der aus dem Ruder gelaufenen Diskussion ein Ende zu bereiten. 

Ähnlich chaotisch war das Hin und Her rund um den von Horst Seehofer in Aussicht gestellten Rücktritt als CSU-Parteichef und Bundesinnenminister. Im Zuge des Streits über die Ausrichtung der Asylpolitik und Zurückweisungen an der Grenze hat er seinen Rücktritt angeboten – nur um nicht einmal 24 Stunden später wieder vom Rücktritt zurückzutreten.

Mit seiner Rolle rückwärts ging es Seehofer nicht um eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Vielmehr ging es bei seinem halsbrecherischen Konfrontationskurs um Eitelkeiten und um Rachegefühle. Klar ist jedenfalls, dass er damit seiner eigenen Glaubwürdigkeit und sowohl der Regierungskoalition wie auch seiner eigenen Partei Schaden zugefügt hat. Zudem bleibt der bittere Nachgeschmack, dass die Fehde dramaturgisch inszeniert war. 

Auch der aus der Hüfte twitternde und irrlichternde US-Präsident ist immer für eine Überraschung gut. Seine Pirouetten vor dem mit viel Pomp und Posaunen inszenierten und sonst bis heute ergebnislosen Treffen mit Kim Jong Un haben wir alle noch in schlechtester Erinnerung.

Dass er – entgegen jeglicher ökonomischer Vernunft – einen internationalen Handelsstreit riskiert, mag noch in sein Bild von „America first“ passen. Dass sein umstrittener Botschafter in Deutschland – Richard Grenell – im Rahmen eines Treffens mit den Chefs führender hiesiger Autohersteller die beidseitige Aufhebung jeglicher Zölle auf Autos ins Spiel bringen lässt, ist dann doch ein etwas überraschendes „Angebot“. Und ein gefährliches, denn deutsche Alleingänge würden im europäischen Umfeld auf wenig Gegenliebe stoßen.

Seine Meinung zu ändern, ist nicht ehrenrührig, denn Kehrtwenden stehen auch für den Mut, sich neuen Sicht- und Handlungsweisen zu öffnen. Die drei Beispiele zeigen, dass Kehrtwenden nicht zwangsläufig das Ergebnis schonungsloser selbstkritischer Analyse und eine mutige und notwendige Neuausrichtung sind, sondern auch etwas Unwürdiges und Irrlichterndes an sich haben können.

Rollen rückwärts sind viel zu oft das Ergebnis einer untauglichen Kommunikationsstrategie, verletzter Eitelkeit oder taktischer Sprunghaftigkeit. Echte Kehrtwenden hingegen sehen wir leider nicht oft genug.

Nora Heer ist Gründerin und Geschäftsführerin von Loopline Systems. Mit mehr als zehn Jahren Erfahrung im Bereich Personal und Management von Organisationen hat sie den Aufbau unterschiedlichster Unternehmen vom Start-up bis zum Konzern mitgestaltet und begleitet.

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