Nora Heer

Expertenrat – Nora Heer Warum sich die Bundesregierung bei der Digitalisierung an Friedrich dem Großen orientieren sollte

Deutschland hinkt bei der Digitalisierung hinterher. Schuld daran ist die falsche Strategie der Regierung – die sollte von der Vergangenheit lernen.
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Digitalisierung: Bund hinkt bei schnellem Internet hinterher Quelle: dpa
Statue von Friedrich dem Großen

Der gute alte Fritz hat der Kartoffel zum Durchbruch verholfen, deren Siegeszug mehr als 200 Jahre gedauert hat.

(Foto: dpa)

2009 – lange ist es her – versprach die Bundesregierung zum ersten Mal flächendeckendes Breitband für alle. Heute wissen wir, dass das lediglich realitätsfernes Wunschdenken war. Vor Kurzem hat der Europäische Rechnungshof vorgerechnet, dass das mehrmals aufgeschobene, vollmundige Versprechen, den flächendeckenden Breitbandausbau mit Hochdruck voranzutreiben, bis 2025 nicht mehr realisierbar ist und die plakativ in Aussicht gestellte „beste Infrastruktur der Welt“ damit in weitere Ferne rückt.

Keine guten Nachrichten für den Industriestandort und die Exportnation Deutschland. Der sich dahinziehende Ausbau schneller Internetverbindungen hat sich herumgesprochen. Bei ausländische Investoren nehmen die Zweifel am Digitalstandort Deutschland zu.

Nicht genug des Infrastrukturdebakels – die Europäische Kommission hat außerdem ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eröffnet, weil der Ausbau der Infrastruktur für alternative Auto-Antriebe ebenfalls nicht in die Gänge kommt. Es gibt bei Weitem nicht genügend Ladestationen für Elektro-, Gas- und Wasserstoff-Fahrzeuge. Dazu kommt: Auch die Abdeckung mit schnellem mobilen Internet hinkt so sehr hinterher, dass die Zukunftstechnologie autonomes Fahren hierzulande nicht möglich ist.

Es ist deswegen nicht verwunderlich, dass Deutschland im neuen Digitalisierungsindex nur im Mittelfeld landet. Aber warum ist das Land im digitalen Mittelalter gelandet? Im Innovationsindex schneidet Deutschland mit Platz vier doch gut ab. Der hiesige Mittelstand gilt als innovativ, bietet konkurrenzfähige Produkte an, die sich im Markt gegen harte Konkurrenz durchsetzen, und kann mit vorzüglich qualifiziertem Personal schnell auf Veränderungen reagieren.

Ist es die „German Angst“ vor Neuem? Ist deutsches Bedenkenträgertum der Grund? Oder verhindert unser übertriebenes Sicherheitsdenken, dass wir neue Technologien schnell akzeptieren und einführen? Hindert uns gar unser Regulierungswahn daran, schneller voranzuschreiten?

Die Verantwortung für das Debakel trägt die Bundesregierung und nicht die typisch deutsche Zögerlichkeit. Die Tatsache, dass Deutschland ins digitale Hintertreffen geraten ist, hat vor allem damit zu tun, dass die Bundesnetzagentur auf die Technologie Vectoring und damit auf die Antiquität Kupferkabel gesetzt hat und immer noch setzt. Denn mit Vectoring kann das gute alte Kupferkabel künstlich am Leben erhalten werden.

Das wiederum ist ein Steilpass für die Deutsche Telekom, da Vectoring nur einen Anbieter zulässt, der die Kontrolle über die Verteilerkästen haben muss. Nur Naive können glauben, dass die Bundesnetzagentur beim Entscheid für das altertümliche Kupferkabel nicht auf die Drittel-Beteiligung des Staates an der Telekom geschielt hat.

Der Bundesregierung hat bisher der politische Wille gefehlt, die Digitalisierung mit der gebotenen Wucht voranzutreiben. Sie hat keine klare und konkret formulierte Digitalstrategie. Bisher wurde nur viel versprochen und wenig umgesetzt. Gesten statt Taten.

Vielleicht kann sich die Bundesregierung Friedrich den Großen als Vorbild nehmen. Der gute alte Fritz hat der Kartoffel zum Durchbruch verholfen, deren Siegeszug mehr als 200 Jahre gedauert hat. Die Menschen waren lange skeptisch. Dabei gedeiht die Knolle auch in kühlem Klima und gibt sich auch mit mageren Böden zufrieden.

Wäre die Kartoffel früher akzeptiert worden, hätten verheerende Hungersnöte verhindert werden können. Als in Preußen Weizenernten ausfielen, wurde der Anbau offizielle Politik. Fritz ließ ein Handbuch und kostenlose Saatkartoffeln verteilen und hat so den Siegeszug der genügsamen Pflanze erst möglich gemacht. 

Nora Heer ist Gründerin und Geschäftsführerin von Loopline Systems. Mit mehr als zehn Jahren Erfahrung im Bereich Personal und Management von Organisationen hat sie den Aufbau unterschiedlichster Unternehmen vom Start-up bis zum Konzern mitgestaltet und begleitet.

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