Johann Jungwirth

Expertenrat – Johann Jungwirth Packstationen auf Rädern? So sieht der Transportmarkt der Zukunft aus

Eine Pizza, die sich selbst ausliefert? Selbstfahrende Fahrzeuge werden künftig den Warentransport übernehmen. Die Entwicklung wird in vier Schritten ablaufen.
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Das System hat großes Potenzial. Quelle: obs
Selbstfahrendes Lieferauto

Das System hat großes Potenzial.

(Foto: obs)

Am Anfang ist die Pizza: Vor einem halben Jahr startete in den USA ein viel beachteter Lebensmittel-Lieferdienst. In Ann Arbor, Michigan, bringt ein Pkw ausgewählten Kunden frische Pizza – selbsttätig, ganz ohne Fahrer. Steht der autonome Pizzabote vor der Haustür, genügt die Eingabe einer Zahlenkombination auf dem außen angebrachten Touchpad, dann fährt die Seitenscheibe herunter und gibt das knusprige Transportgut frei. Bereits 2021, so stellen die Projektpartner in Aussicht, werde ein solcher Lieferdienst im großen Stil marktfähig sein.

Transportation-as-a-Service (TaaS) für Waren auf Basis selbstfahrender Fahrzeuge – ein weiteres großes Thema im Mobilitätssektor neben Mobility-as-a-Service für den Personentransport – könnte die Branche schon in unmittelbarer Zukunft stark verändern.

Für die Marktteilnehmer eine riesige Chance, zumal der technologische Fortschritt durch das gewaltige Wachstum begünstigt wird: Allein auf dem deutschen Paketmarkt nimmt die Zahl beförderter Sendungen um sechs bis acht Prozent pro Jahr zu. 2017 beförderten Kuriere hierzulande erstmals über drei Milliarden Sendungen – dem Internet sei Dank: Mehr als 13 Prozent der Pakete und Briefe entfielen auf den Onlinehandel. Jede zweite Bestellung wurde dabei über Amazon getätigt.

Smart-Transport-Markt wächst deutlich

Die Goldgräberstimmung lockt zahlreiche neue Wettbewerber an, die an der Transformation eines weitgehend auf Hardware basierten Markts mit niedrigen Margen – hin zu einem auf Dienstleistungen ausgerichteten mit höheren Margen partizipieren wollen. Schätzungen zufolge wird der Markt für smarte Transportlösungen – wovon TaaS nur ein Teil ist – allein in den USA von 72 Milliarden US-Dollar im Jahr 2016 auf 220 Milliarden im Jahr 2021 anwachsen.

Nach Schätzungen von Experten werden die Kosten für autonome Transportfahrzeuge nur etwa ein Zehntel so hoch sein wie im konventionellen Güterverkehr. Gewaltige Einsparungen bringen nicht nur die höhere Effizienz – autonome Fahrzeuge können theoretisch zu 100 Prozent ausgelastet werden – und der Verzicht auf menschliche Fahrer, sondern auch Stauvermeidung mithilfe dezentraler Liefertermine und Telematik sowie ressourcenschonender Fahrweise durch Platooning. Diese elektronische Kopplung mehrerer Fahrzeuge zu einem Verband, bei der eine Energieeinsparung von bis zu fünf Prozent möglich ist, wird von vielen großen Lkw-Herstellern bereits in der Praxis erfolgreich getestet.

Natürlich ist TaaS mit selbstfahrenden Transportmitteln elektrisch, gerade im Bereich der Warenzustellung. Nur ein lokal emissionsfreier Antrieb gewährleistet jederzeit eine nachhaltige, pünktliche Zustellung auf der letzten Meile. Hinzu kommen die deutlich geringere Lärmemission, wodurch die Fahrzeuge auch in Wohngebieten rund um die Uhr im Einsatz sein können, und um mehr als 60 Prozent niedrigere Wartungskosten.

Die aktuellen Förderpläne des Bundesverkehrsministeriums – bis Ende 2020 sollen Elektro-Lkw mit bis zu 40.000 Euro pro Einheit gefördert werden – stellen einen weiteren wichtigen Baustein dar, um die Branche für die kommenden Herausforderungen vorzubereiten.

Ich halte eine gestaffelte Entwicklung in mehreren Schritten für wahrscheinlich:

Schritt 1: Self-Driving-System

Ob die selbstfahrende Packstation schon 2021 meine Post zustellt oder erst zehn Jahre später, ist nicht entscheidend. Zu bedenken ist vor allem: Technische Probleme werden gelöst, und sobald selbstfahrende Fahrzeuge die Zulassung bekommen und Fahrt aufnehmen, wird sich im Mobilitätsmarkt einiges verändern. Viele Unternehmen investieren aktuell Milliarden in autonomes Fahren.

Die bessere Auslastung von Transportkapazitäten wird spürbare Auswirkungen auf die Lebensqualität in Städten haben: Allein in Los Angeles sind 50 Prozent der Stadtfläche direkt oder indirekt für den Straßenverkehr gedacht. Mit großen Transportflotten, die autonom agieren und durch zentrales Management intelligent verteilt sind, wird Stadtraum dem Menschen zurückgegeben. Außerdem wird die Gesamtzahl der benötigten Fahrzeuge aufgrund stark gesteigerter Auslastung zurückgehen.

Schritt 2: Produktion selbstfahrender Trucks

Als Uber in den USA das Start-up Otto kaufte, rückte das Thema ins öffentliche Bewusstsein: Auch Transportfahrzeuge können autonom fahren – und hier mindestens ebenso großen Nutzen entfalten wie im Personentransport. Schon jetzt bewältigen große Lkw mit einer Nutzlast von über zehn Tonnen eine Reichweite von 350 Kilometern. Die Automatisierung der gesamten Lieferkette kann deren Einsatz noch effizienter machen.

Schritt 3: Intelligentes Flottenmanagement

Große Carsharing-Betreiber machen es vor: Ihre Free-Floating-Konzepte stellen eine Meisterleistung der Aggregation und Evaluation von Daten dar. Künstliche Intelligenz in der Mobilität bedeutet nichts anderes als eine Nachfrageprognose auf höchstem Niveau. Dazu kommt Smart Maintenance, also die Wartung und Aufladung der Fahrzeuge im Bestand, ohne dass Lücken entstehen.

Zentral gesteuert über eine cloudbasierte Plattform, organisiert sich der Schwarm der autonomen Transporter in Echtzeit. Das lernende System vervollständigt und aktualisiert mit jedem zurückgelegten Meter in der Cloud Angaben zu Straßennetz, Straßenverhältnissen, Verkehrsdichte, Lieferzeiten und voraussichtlichem Bedarf.

Schritt 4: Mobilitäts-Management mit Anwendungen für den Endkunden

Hinter den Kulissen werden bereits die Weichen für intelligente Logistik gestellt: So dokumentieren die Kurier-Express-Paketdienste neuerdings jeden „Paketkilometer“ analog zum „Personenkilometer“ im ÖPNV, um die Transportleistung im gesamten Netzwerk einheitlich zu messen. Die nächsten Schritte hin zu kundennahen Angeboten sind bereits zu beobachten: Lieferung in den eigenen Kofferraum, wie es mehrere Marktteilnehmer bereits testen, stellt dabei nur den Anfang dar.

Google hat sich schon 2016 einen autonomen Paketlieferwagen patentieren lassen, der als mobile Packstation fungiert. Er steuert selbsttätig ein zuvor definiertes Ziel an, kommuniziert parallel mit den Kunden und vereinbart einen Übergabetermin – und zwar nicht nur für die Abholung, sondern auch für Aufgabe von Sendungen. Wie bei einer stationären Packstation sind die Pakete in einheitlichen Schließfächern deponiert, die mit einer individuellen PIN ent- und verriegelt werden. Nach erfolgter Abwicklung fährt der autonome Bote weiter und nimmt die nächste Zustellung komplett selbstständig und vollautomatisiert vor.

Fazit: Die drei Megatrends „Digitalisierung“, „Sharing Economy“ und „Elektrifizierung“ durchdringen den Mobilitäts- und Transportsektor. Basierend darauf wird es neben den neuen Mobility-as-a-Service-Geschäftsmodellen zum Transport von Menschen ebenfalls zu einer maßgeblichen Veränderung des Warentransportsektors kommen.

Transportation-as-a-Service mit selbstfahrenden Fahrzeugen besitzt – insbesondere für Direktauslieferungen – das Potenzial einer kundenorientierten, leisen, schadstoffarmen und hocheffizienten Dienstleistung. Ich erwarte, dass sich der Markt aufgrund der notwendigen gesetzlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen zuerst in den USA, gefolgt von China und dann in Europa entwickeln wird.

Johann Jungwirth ist Ingenieur und als Chief Digital Officer bei Volkswagen für die digitale Transformation und die Entwicklung selbstfahrender Fahrzeuge im Konzern verantwortlich. Zuvor arbeitete er für Daimler und Apple.

 

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