Klaus Kaldemorgen

Expertenrat – Klaus Kaldemorgen Investoren müssen mit der Digitalisierung Schritt halten lernen

Für viele klassische Firmen ist die Digitalisierung ein massives strukturelles Problem. Investoren müssen sich dem stellen – nur dann werden sie belohnt.
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Digitale Geschäftsmodelle wie das von Amazon fordern traditionelle Unternehmen heraus. Quelle: AP
Amazon-Lager

Digitale Geschäftsmodelle wie das von Amazon fordern traditionelle Unternehmen heraus.

(Foto: AP)

Einem Unternehmen oder auch einem Unternehmenssektor bläst der Wind ins Gesicht, wenn bestimmte Trends gegen das Geschäftsmodell laufen. Beispielsweise ist es für Ölfirmen nicht förderlich, wenn der Ölpreis sinkt. Dann verspüren sie „Headwind“, also Gegenwind.

Nun mag dies mittelfristig kein Problem sein, weil die Ölpreise schwanken und auch mal wieder steigen. Dann wird aus dem „Headwind“ ein „Tailwind“, also Rückenwind. Unangenehm wird es aber, wenn der Wind längere Zeit von vorne bläst. Man spricht dann gerne von dauerhaften, weil strukturell bedingten Problemen.

Ein massives strukturelles Problem für viele Branchen stellt die Digitalisierung vieler Lebensbereiche und damit der Schnittstellen zu Kunden dar. Besonders betroffen davon sind der Einzelhandel, die Reisebranche, Medienunternehmen und die Finanzbranche. Diese Branchen, die analog geprägt sind, werden nicht wirklich überflüssig. Die darin tätigen Unternehmen werden aber durch digitale Plattformen zunehmend an die Wand gedrückt.

Dies hat vor allem zwei Gründe: Zum einen erfinden digitale Unternehmen die Dienstleistungen nicht neu, sondern vermitteln den Kunden eine effizientere Dienstleistung. Mehr Auswahl, stetige Verfügbarkeit und niedrige Preise sind nur einige der Attribute, mit denen Online-Unternehmen punkten können. Darüber hinaus bieten die Kostenstrukturen dieser Unternehmen durch ihre Skalierbarkeit einen kaum noch einzuholenden Wettbewerbsvorteil. Steht einmal die technische Infrastruktur, wird jeder zusätzliche Kunde den Ertrag mehren.

Traditionelle Geschäftsmodelle verlieren gegen die digitalen

Die analoge Konkurrenz hingegen muss teure Filialen vorhalten, Warenlager finanzieren, mit häufig schlechter Umschlagshäufigkeit und schwer kalkulierbaren Personalkapazitäten, die zudem häufig nicht ausgelastet sind. Während ein Unternehmen wie Amazon immerhin noch physische, aber gut ausgelastete, Verteilzentren unterhält, beschränken sich andere Unternehmen völlig auf die digitale Vermittlung von Dienstleistungen – ohne die Begleiterscheinungen physischer Aktiva.

Ein Unternehmen wie zum Beispiel Booking Holdings vermittelt Hotelzimmer, ohne ein einziges zu besitzen, und kassiert für jede Vermittlung vom Hotel einen prozentualen Anteil am Zimmerpreis. Flixbus bietet zwar vordergründig Transportleistungen an, agiert aber lediglich als Vermittler. Die Transportleistungen erbringen selbständige Unternehmen. Medienunternehmen werden zunehmend durch Unternehmen wie Alphabet (Google), Facebook oder Netflix unter Druck gesetzt.

Die Erreichbarkeit der Unternehmen im Internet führt zu Reichweiten, die über traditionelle Vertriebswege wie Print oder Kabel kaum darstellbar sind. Dadurch wird nicht nur eine hohe Skalierbarkeit, sondern auch ein zunehmend dominanter werdender Anteil an Werbeeinnahmen erzielt. Besonders Finanzdienstleister, wie Banken und Versicherungen, werden dies zu spüren bekommen. Kleinteilige Vertriebsnetze werden es auf Dauer in ländlichen Gebieten immer schwerer haben, genau wie Filialen großer Einzelhändler. Hinzu kommt die Konkurrenz von rein digitalen Finanzdienstleistern, die sich auf ausgewählte Angebote spezialisiert haben. Ihre Ertragskraft ermöglicht diesen Unternehmen, deutlich stärker in den Ausbau der technischen Infrastruktur zu investieren und Marktanteil und Kompetenz zu steigern.

Ein schönes Beispiel für diese Entwicklung bieten die Unternehmen, die sich auf Online-Bezahldienste mittels sogenannter „Payment Service“-Provider spezialisiert haben. Während der Europäische Banken-Index seit Anfang des Jahres etwa zwölf Prozent verloren hat, konnte ein Unternehmen wie Wirecard 47 Prozent zulegen, wohlgemerkt seit Beginn des Jahres. Der US-Banken-Index verlor etwa vier Prozent, während das Kreditkartenunternehmen Mastercard, das noch als Technologiewert klassifiziert wird, um 30 Prozent anstieg.

Die Liste an digitalen „Disruptoren“ - am ehesten mit Zerstörern zu übersetzen - lässt sich beliebig fortsetzen. Investoren haben die Wahl, ob sie eher mit oder gegen den Wind investieren wollen. Diejenigen, denen der digitale Wind ins Gesicht bläst, haben keine Wahl. Sie müssen sich ändern. Diejenigen, die dabei erfolgreich sind, dürften dafür an der Börse reichlich belohnt werden.

Klaus Kaldemorgen, Jahrgang 1953, ist einer der bekanntesten Börsenstrategen Deutschlands. Seit über 35 Jahren arbeitet er als Fondsmanager für die DWS, wo einer der Investmentfonds sogar seinen Namen trägt.

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