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Klaus Kaldemorgen

Expertenrat – Klaus Kaldemorgen Japans Börsenabstieg – eine Warnung für Europa

Japan war Anfang der 90er-Jahre der größte Aktienmarkt der Welt. Es folgte ein dramatischer Niedergang. Europa sollte daraus lernen.
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Der japanische Leitindex ist immer noch weit von seinen Höchststand entfernt. Quelle: Reuters
Nikkei-Stand an einer Anzeige in Tokio

Der japanische Leitindex ist immer noch weit von seinen Höchststand entfernt.

(Foto: Reuters)

Anfang der 80er-Jahre war der Anteil der japanischen Börse am weltweiten Aktienmarkt etwa so groß wie der Europas. Was danach folgte, war beispiellos in der Börsengeschichte. In zehn Jahren stiegen japanische Aktien um jährlich fast 20 Prozent, ihr Anteil an der weltweiten Börsenkapitalisierung wuchs auf 44 Prozent. Damit besaß Japan, ein Symbol seiner wirtschaftlichen Stärke, den größten Aktienmarkt der Welt.

Seitdem hat der Aktienmarkt des Landes deutlich an Bedeutung verloren. In einem um die Schwellenländer erweiterten Aktienindex wie dem MSCI All Country World spielt Japan mit einem Gewicht von 7,6 Prozent eine untergeordnete Rolle, während Europa seinen „Marktanteil“ mit 18 Prozent sogar leicht ausbauen konnte. Selbst im regional beschränkten MSCI Asia Pacific, der Asiens gewaltiges Wachstum widerspiegelt, kommt Japan gerade noch auf knapp 25 Prozent.

Betrachtet man die Kursentwicklung von Aktienindizes wie dem Nikkei über die vergangenen 30 Jahre, ist festzustellen, dass der japanische Aktienmarkt immer noch nicht die alten Höchststände aus dem Jahr 1989 erreicht hat. Während amerikanische Wertpapiere in den vergangenen Jahrzehnten von Rekord zu Rekord geeilt sind und alle anderen Wirtschaftsregionen weit hinter sich gelassen haben, bildet Japan das traurige Schlusslicht.

Die Gründe für den Niedergang der einstigen ökonomischen Supermacht sind vielschichtig. Vor allem scheint aber ein allzu großes Vertrauen in die eigene Überlegenheit und wirtschaftliche Stärke dazu zu führen, die Herausforderungen durch neue Wettbewerber zu ignorieren.

Im Jahr 1969 zitierte „Der Spiegel“ das Hudson Institute mit der Aussage, dass das 21. Jahrhundert womöglich das japanische Jahrhundert sein werde. Heute ist lediglich Japans Staatsverschuldung von über 230 Prozent des Bruttosozialprodukts rekordverdächtig.

Verpasster Wandel

Japans wirtschaftlicher Aufschwung fußte zunächst auf einer breit angelegten Industrialisierung. Exporte waren aufgrund der extrem niedrigen Kostenstrukturen auf den Weltmärkten fast konkurrenzlos. Noch heute macht der Industriesektor 21 Prozent des Aktienmarkts aus, in den USA sind es gerade einmal neun Prozent.

Doch vor allem zu Beginn des 21. Jahrhunderts bekam Japan in Basisindustrien wie der Stahl- und Chemiebranche sowie dem Schiffsbau starke Konkurrenz durch Südkorea. Zu diesem Zeitpunkt begann auch die durch das Internet in Gang gesetzte technische Revolution Japans Wirtschaftswachstum zu bremsen.

Japans Unternehmen, einst Marktführer für Videorekorder, Erfinder des Walkmans, wurden nach und nach von hochinnovativen Unternehmen wie Apple und Samsung mit ihrem Smartphones und Tablets überholt. Neuen Geschäftsmodellen wie denen von Google oder Amazon hatte das Land nichts entgegenzusetzen.

Der Auslöser für Japans Abstieg war aber die sogenannte Zaitech-Blase. Der durch eine Politik des billigen Geldes losgetretene Börsenboom nahm 1985 Fahrt auf und endete 1990 in einem Crash. Unternehmen investierten in die Börse statt in ihre Wettbewerbsfähigkeit. Schätzungen zufolge kamen zu dieser Zeit 40 bis 50 Prozent der Gewinne von japanischen Unternehmen aus der Zaitech genannten Finanzakrobatik.

Als die Notenbank 1989 gegensteuerte, fiel das von einem exzessiven Immobilienboom begleiteten Kartenhaus zusammen. Die Bilanzen der Unternehmen mussten über ein Jahrzehnt saniert werden, was die Wettbewerbsfähigkeit schwächte. Die Banken schränkten ihre Kreditvergabe drastisch ein und die Unternehmen ihre Investitionen. Durch fiskal- und geldpolitische Maßnahmen wurde zwar eine längere Rezession vermieden, zu alter Stärke fand Japan aber nie wieder. Das durchschnittliches Wachstum stagniert seitdem bei knapp einem Prozent, während etwa die Europäische Union im gleichen Zeitraum im Schnitt auf etwa zwei Prozent kam.

Demografie als Problem

Daneben leidet Japan zunehmend unter einem demografischen Problem, welches das Wachstum zusätzlich belastet. Seit 2010 schrumpft die japanische Bevölkerung. Anders als in der EU oder den USA wurde und wird dies nicht durch Zuwanderung ausgeglichen.

Demografischen Entwicklungen, wie einer zunehmend älter werdenden Bevölkerung, kann aber nicht mit Nullzinspolitik und wachsender Staatsverschuldung begegnet werden. Vor allem Europa sollte aus dem Niedergang der japanischen Wirtschaft und Börse seit Anfang der 80er-Jahre lernen und rechtzeitig daraus Schlüsse ziehen.

Nur über Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum lassen sich auf Dauer Wohlstandsverluste vermeiden. Die Stärke des Aktienmarkts ist zwar nicht der einzige, aber trotzdem ein guter Indikator für den Wohlstand in einer Volkswirtschaft.

Klaus Kaldemorgen, Jahrgang 1953, ist einer der bekanntesten Börsenstrategen Deutschlands. Seit über 35 Jahren arbeitet er als Fondsmanager für die DWS, wo einer der Investmentfonds sogar seinen Namen trägt.

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