Klaus Kaldemorgen

Expertenrat – Klaus Kaldemorgen Tech-Aktie oder Finanzwert? Die verwirrende Welt der Indizes

Tech-Werte gehören zu den Rennern an den Aktienmärkten. Doch die Zuordnung der Unternehmen ist in den gängigen Indizes oft undurchsichtig.
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Das Kreditkartenunternehmen wird als Tech-Wert eingestuft, nicht als Finanztitel. Quelle: AP
Visa-Schriftzug an der New Yorker Börse

Das Kreditkartenunternehmen wird als Tech-Wert eingestuft, nicht als Finanztitel.

(Foto: AP)

Die digitale Revolution hat nicht nur unseren Alltag, sondern auch die Aktienmärkte im Sturm erobert. Und es ist den Anlegern nicht zu verdenken, dass sie ein Stück vom Kuchen abhaben wollen.

Von den zehn größten Unternehmen kommen mittlerweile sieben aus der digitalen Welt. In welche Indizes beziehungsweise Märkte Anleger investieren müssen, um auch investmenttechnisch in der Zukunft anzukommen, ist allerdings nicht ganz so leicht zu sagen.

An dieser Stelle eine kleine Exkursion: Das Deutsche Aktieninstitut definiert einen Aktienindex als Kennziffer zur Darstellung der Kursentwicklung (Kursindex) oder Performance (Performanceindex) von Aktien. Das Verhalten eines Aktienkursindex wird insbesondere durch die Kurse der im Index enthaltenen Aktien beeinflusst sowie durch deren jeweilige Gewichtung.

Dagegen zeigt ein Performanceindex die Marktentwicklung des Aktienportfolios aus Titeln des Index. Technische Einflüsse wie Dividendenausschüttungen und Kapitalmaßnahmen, die in der Regel zu Kursabschlägen führen, werden mit Korrekturfaktoren in der Indexformel berücksichtigt.

Es gibt Indizes, die aus relativ wenigen Titeln zusammengesetzt sind, wie zum Beispiel der deutsche Aktienindex Dax. Diese repräsentieren jeweils die wichtigsten, sprich größten Unternehmen eines Landes. Andere Indizes bestehen aus mehreren Hundert verschiedenen Titeln, zum Beispiel der S&P 500 oder der Dow Jones Stoxx 600. Die Zahl im Namen verrät die Anzahl der enthaltenen Titel. Ein Branchenindex zeigt die Entwicklung der Aktien einer bestimmten Branche aus einem breiten Index, so etwa für Technologieunternehmen aus dem Dow Jones.

Zurück zum eigentlich Thema: Technologiewerte sind geografisch sehr ungleich verteilt. Möchte ein Anleger sich auf Indizes mit Aktien der Euro-Zone konzentrieren, weil er vielleicht keine Währungsrisiken eingehen möchte, so wird er auf relativ wenige Technologiewerte stoßen. Ihr Anteil liegt bei etwa neun Prozent, egal, ob man sich am Euro Stoxx oder dem MSCI Europe orientiert.

Mehr Angebot in den USA

In den USA stößt der Anleger auf ein deutlich größeres Angebot. Etwa ein Viertel der im S&P 500 gelisteten Unternehmen sind aus dem Technologiesektor.

Stark sind die Unterschiede bei chinesischen Aktienindizes. Der relativ bekannte Hang Seng China Enterprise Index (HSCE) kommt lediglich auf etwa vier Prozent Technologiewerte. In diesem Index dominieren Finanzwerte mit knapp 70 Prozent und Energiewerte mit 12,5 Prozent.

Nimmt man hingegen den MSCI China als Referenzindex, dann bekommt man sage und schreibe 39 Prozent Technologiewerte für sein Geld, aber nur 22 Prozent Finanzwerte. Der bemerkenswerte Unterschied liegt in den unterschiedlichen Konstruktionskriterien und Zuordnungen zu den Indizes begründet. Im MSCI China Index sind die beiden chinesischen Technologiegiganten Ali Baba und Tencent mit insgesamt 29 Prozent gewichtet, während der HSCE Index nur Tencent, und auch nur mit vier Prozent Gewichtung, abbildet.

Um sicherzugehen, dass in einem Aktienportfolio Technologiewerte hinreichend abgebildet sind, bietet sich ein globaler Aktienindex wie der MSCI All Country World Index an. In diesem Index haben Technologieaktien einen Anteil von 20 Prozent. Dies alles unter der Prämisse, dass Digitalunternehmen synonym zu Technologiewerten zu verstehen ist. Die Realität sieht jedoch anders aus.

Amazon – ein Einzelhändler?

Bekannte, aber auch weniger bekannte „digitale Plattformen“ werden in einer nicht nachvollziehbaren Systematik unterschiedlichen Sektoren zugeordnet. So wird das Unternehmen Amazon dem Konsumgütersektor zugerechnet und von den gängigen Indizes als „E-Commerce“-Unternehmen wie ein Einzelhändler geführt, obwohl der Großteil des Gewinns aus sogenannten „Web-Diensten“ stammt. Inkonsistent ist die Einstufung von Alibaba als Tech-Wert, obwohl das Unternehmen das gleiche Geschäftsmodell wie Amazon hat, nur eben in China.

Auch Alphabet, der Mutterkonzern von Google, und Facebook werden demnächst den Technologiesektor verlassen und im Konsumgütersektor als Medienunternehmen eingestuft. Völlig verwirrend ist auch die Einstufung der Kreditkartenunternehmen Visa und Mastercard als Technologiewerte und nicht als Finanztitel. American Express hingegen scheinen die Herrscher über die Indizes die Technologiekompetenz abzusprechen, da das Kreditkartenunternehmen anders als seine direkten Konkurrenten als Finanzwert eingestuft ist.

Um für größere Klarheit zu sorgen, wäre ein separater Industriesektor für „digitale Plattformen“ wünschenswert. So könnten Portfoliomanager und Investoren ihre Portfolios noch trennschärfer und transparenter zusammenstellen.

Klaus Kaldemorgen ist Fondsmanager bei der DWS und einer der bekanntesten Börsenstrategen Deutschlands.

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