Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Klaus Kaldemorgen

Expertenrat – Klaus Kaldemorgen Warum die Euro-Zone wirtschaftlich ins Abseits gerät

Statt die Basis für zukunftsfähige Arbeitsplätze zu schaffen, werden in der EU bestehende Strukturen zementiert. Bestandsschutz geht vor Veränderung. Das ist fatal.
2 Kommentare
Auf Sicht der vergangenen zehn Jahre hat der Euro gegenüber dem Dollar knapp 30 Prozent an Wert verloren. Quelle: dpa
Euro-Münze

Auf Sicht der vergangenen zehn Jahre hat der Euro gegenüber dem Dollar knapp 30 Prozent an Wert verloren.

(Foto: dpa)

Die Kapitalmärkte haben ihr Urteil bereits gefällt: Egal ob über ein, drei, fünf oder zehn Jahre – die Börsen im Euro-Raum haben sich teils deutlich schlechter entwickelt als globale Aktienindizes. Dies gilt auch für das wichtigste deutsche Kursbarometer, den Dax.

Auch gemessen an der Währung, die gemeinhin als Indikator für wirtschaftliche Stärke betrachtet wird, fällt das Urteil ernüchternd aus. Über zehn Jahre, also seit Ausbruch der Finanzkrise 2008, hat der Euro gegenüber dem Dollar knapp 30 Prozent an Wert eingebüßt.

Darin spiegelt sich unter anderem wider, dass das Wachstum 2018 in der Euro-Zone mit 1,3 Prozent gerade mal halb so hoch war wie in den USA. Für 2019 sieht es nicht viel besser aus. Dabei gehören Deutschland und Italien zu den Schlusslichtern im gemeinsamen Währungsgebiet.

Die Probleme des Euro-Raums lassen sich sowohl im politischen als auch im wirtschaftlichen Umfeld verorten – mit entsprechenden Wechselwirkungen. Der legendäre Hedgefondsmanager George Soros sieht Europa vor diesem Hintergrund am Rande des Kollaps – und zieht sogar Vergleiche zum Untergang der Sowjetunion.

Auch wenn man ihm durchaus eine eigennützige Agenda unterstellen darf, so ist seine Beschreibung des alten Kontinents doch sicher ein Grund dafür, dass Europa im Augenblick höchst unattraktiv auf ausländische Kapitalgeber wirkt.

Einigkeit besteht in der EU lediglich in der Uneinigkeit. Statt die Basis für zukunftsfähige Arbeitsplätze zu schaffen, werden bestehende Strukturen zementiert. Bestandsschutz geht vor Veränderung. In Deutschland wird bereits verteilt, was noch gar nicht erwirtschaftet ist.

In Frankreich werden Reformen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit blockiert, und das Land wird anfällig für populistische Strömungen. Italien versucht von einer ineffizienten Administration abzulenken, indem es mit unproduktiven Steuergeschenken die höchsten Defizite Europas auftürmt.

Auch der Brexit festigt letztlich den Eindruck, dass Europa nicht mehr zur Kooperation fähig ist. Dabei wäre das die Mindestvoraussetzung, um dem wirtschaftlichen Wettbewerbsdruck aus den USA und aus Asien etwas entgegenzusetzen.

Zu den politischen Defiziten gesellt sich eine wirtschaftliche Struktur, die der fortschreitenden digitalen Ökonomie nicht gewachsen ist. Schon ein Blick auf die relevanten Aktienindizes zeigt ein krasses Missverhältnis. Während Technologiewerte in den USA etwa 20 Prozent des Aktienmarkts repräsentieren, sind es in Europa gerade einmal fünf Prozent. Die großen Internetplattformen wie Amazon, Google oder Facebook sind dabei noch nicht einmal mit eingerechnet, da sie mittlerweile anderen Sektoren zugeordnet sind.

Der Vorsprung, den sich diese Unternehmen im Netz gesichert haben, dürfte aus europäischer Sicht nicht mehr aufzuholen sein. Auch noch nicht gelistete innovative Plattformen wie Uber, Lyft und Airbnb, die mit Milliarden bewertet werden, kommen aus den USA und nicht aus Europa.

Die mangelnde Anpassungsfähigkeit europäischer Unternehmen zeigt sich auch in eher traditionellen Branchen. Deutschland rühmt sich, die besten Autos der Welt zu bauen. Dabei ist ein zukunftsweisendes Unternehmen wie Tesla an der Börse mittlerweile mehr wert als BMW – obwohl es im Vergleich nur einen Bruchteil der Fahrzeuge produziert. Waymo, eine Tochter der Google-Holding Alphabet, investiert Milliarden in die Entwicklung selbstfahrender Autos.

Deutschland hat auch einmal die besten Schreibmaschinen produziert, bis neue Technologien die Geräte vom Markt gefegt haben. Die vergangene Woche in Deutschland geschaltete Anzeige eines chinesischen Autoherstellers mag provokant klingen, bringt es aber auf den Punkt: „Liebe Autoindustrie, wie soll ich es sagen? Zwischen uns ist es nicht mehr, wie es war. Du bist irgendwann einfach stehen geblieben.“

Und sollte es Europa verschlafen, der Dominanz Asiens in der Batterietechnologie etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen, wird auch dieser Wachstumsmarkt ähnlich wie die Flachbildschirmproduktion wohl verlorengehen.

Die Finanzbranche hat sich ebenfalls zu lange auf ihre traditionellen Geschäftsfelder konzentriert und die Wachstumschancen durch die Digitalisierung verkannt. Vielleicht hatte sie aber auch nicht den Mut oder das Kapital, dort stärker zu investieren. Stark fragmentierte Märkte in Europa waren hier genauso hinderlich wie der Wunsch nach nationalen statt europäischen Champions. In der Euro-Zone konnte sich so kein globales Kartensystem wie beispielsweise Visa oder Mastercard etablieren.

Auch Zahlungsdienstleister wie Paypal, ein Unternehmen mit einem Marktwert von 100 Milliarden Euro, findet man nicht. Ein Vertreter der Deutschen Bundesbank rief jüngst in einem Vortrag zu einem Schulterschluss der europäischen Finanzindustrie auf, um im Zahlungsverkehr wieder eigenständiger zu werden. Allerdings sieht es eher danach aus, dass ein Schulterschluss mit Apple, Amazon und Co. gelingen wird.

Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Europa muss innovationsfreudiger werden. Steuergelder sollten im Zweifel nicht ausgegeben werden, um bestehende wirtschaftliche Strukturen zu schützen, sondern um zukunftsträchtige Industrien und Unternehmen zu fördern. Dabei wird es kein Land in Europa aus eigener Kraft schaffen, dem digitalen Innovationsdruck aus den USA und zunehmend auch aus Asien standzuhalten.

Kooperationen müssen auf europäischer Ebene ermöglicht werden. Industriepolitik muss europäisch koordiniert werden, auch wenn dafür dicke Bretter gebohrt werden müssen. Dass dies möglich ist, zeigt die Geschichte von Airbus.

Klaus Kaldemorgen, Jahrgang 1953, ist einer der bekanntesten Börsenstrategen Deutschlands. Seit über 35 Jahren arbeitet er als Fondsmanager für die DWS, wo einer der Investmentfonds sogar seinen Namen trägt.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Expertenrat – Klaus Kaldemorgen - Warum die Euro-Zone wirtschaftlich ins Abseits gerät

2 Kommentare zu "Expertenrat – Klaus Kaldemorgen: Warum die Euro-Zone wirtschaftlich ins Abseits gerät"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Sehr geehrter Herr Kaldemorgen,

    ich bin schon etwas älter. Gegenüber neugeborenen Kindern habe ich damit den Vorteil, dass ich mich einige Jahrzehnte zurückerinnern kann. Danach ist es geradezu ein Wahrzeichen unseres Landes, dass wir die Einführung neuer Technologien stets verschlafen haben. Nehmen Sie beispielsweise die Ausbreitung von Robotern, PCs oder Internetanschlüssen. Nach den Aussagen unserer Jammer-Lobby gerieten wir ausnahmslos in kaum noch aufzuholende Rückstände und damit wieder und wieder in die Gefahr unseres wirtschaftlichen Untergangs.

    Herrlich diese technologischen Rückstände. Sie machten uns von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer mehr zum vielbeneideten Exportland und bringen uns die fettesten Leistungsbilanzüberschüsse der Welt, von denen viele andere Länder nur träumen. Unter Ökonomen gelten diese übrigens als Ausweis einer ausgezeichneten Wettbewerbsfähigkeit.

    Doch zurück zu unseren technologischen Rückständen. Sie sorgen auch für solide Staatsfinanzen und verhindern Exzesse bei der Verschuldung des Privatsektors. Und sie sorgen auch dafür, dass wir uns einen Sozialstaat überhaupt leisten können. Oder irre ich mich? Haben wir bei der Unterstützung der Armen und Benachteiligten vielleicht einen Rückstand gegenüber den USA?

  • Danke für den Mut zum Klartext Hr. Kaldemorgen.