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Arnulf Keese

Expertenrat – Arnulf Keese Was uns Barista-Roboter über die Grenzen der digitalen Automatisierung verraten

Roboter sind bei monotonen Aufgaben schneller, besser und günstiger als Menschen. Wo die Grenzen liegen, zeigt der erste Barista-Roboter.
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Der manuelle Prozess eines Baristas ist umständlich und die Wartezeit entsprechend lang. Quelle: dpa
Kaffee

Der manuelle Prozess eines Baristas ist umständlich und die Wartezeit entsprechend lang.

(Foto: dpa)

Kürzlich wurde in San Francisco im Cafe-X ein Barista-Roboter vorgestellt, der vollautomatisch Kaffeespezialitäten zubereitet. Eigentlich nicht bemerkenswert, denn Roboter bauen seit Jahren bei VW Autos, springen bei Boston Dynamics mit Rückwärts-Salto von Kisten und mähen den Rasen bei Otto-Normal-Verbrauchern.

Dennoch hat mich der Barista-Roboter auf eine neue Art berührt: Er ersetzt den netten Menschen im Café an der Ecke, der mit einem Scherz auf den Lippen Herzchen in den Milchschaum zaubert und in seinem geschickten Tanz hinter der italienischen Espressomaschine den Eindruck erweckt, dass es hier (noch) um ein Handwerk geht, das schwer automatisierbar sein wird.

Natürlich ahne ich, dass die exakte Einhaltung der 28 Sekunden Brühzeit eines Espresso bei genau 18 bar Druck nach Automatisierung schreit (und längst von den nur noch anachronistisch aussehenden Maschinen gesteuert wird). Aber das liebevolle Einschenken des Milchschaums in den Kaffee in Form von Herzen und Blumen vertreibt meinen Zweifel am Handwerklichen.

Ich genieße meinen Kaffee in zwei sehr unterschiedlichen Situationen: Gemütlich, als ruhiges Ritual, ein besonderer Moment wie die Tageszeitung am Wochenende, und irgendwie eine nostalgische Erinnerung. Und dann in überwiegend hektischen Momenten auf dem Weg zur Arbeit, bei denen der Wunsch nach einem guten Kaffee in Konkurrenz zur stets knappen Zeit steht. Also schnell rein ins Eck-Cafe, mit der NFC-Karte bezahlen und sofort mit einem Kaffee wieder raus.

Nur ganz so schnell geht's nicht, denn der Kaffee muss zubereitet werden, die Milch aufgeschäumt, die Dampfdüse gereinigt und der Herzchen eingegossen. Und das ist der Moment, in dem ich mir einen Roboter-Barista wünsche, sprich übermenschliche Qualität bei unmenschlicher Geschwindigkeit. Denn der manuelle Prozess des Barista ist einfach zu umständlich und daher die Wartezeit zu lang.

Automatisierung verspricht maximale Qualität wiederkehrender monotoner Handlungen bei minimalen Kosten – allerdings nur im sturen Korsett der wenigen Varianten, die Roboter beherrschen.

Wir Kunden werden Automatisierungsangebote in allen Bereichen des Lebens dankbar annehmen – sofern unsere Bedürfnisse schneller und günstiger befriedigt werden als üblich. Die Automatisierungsrevolution wird schleichend und unmerklich Einzug in unser Leben nehmen, denn es wird selten eine Maschine zu sehen sein. Nur wer genau hinsieht, wird bemerken, dass uns weniger Menschen gegenüber sitzen werden.

Werden wir dabei ein schlechtes Gewissen haben? Theoretisch ja – aber praktisch nein.

Wir akzeptieren heute bereits, dass am Check-In des Billig-Flugs (und längst auch bei nicht ganz so billigen Flügen) niemand mehr am Check-In sitzt. Dass man im Supermarkt und Möbelladen an der Selbstbedienungs-Kasse schneller bezahlen kann. Dass Chatbots, Hotlines und Sprachmenüs den Kundenservice automatisieren.

Und wir akzeptieren diese Automatisierungen nicht nur, sondern fordern sie indirekt als Kunde ein. Schließlich strafen wir jeden ab, der uns nicht rund um die Uhr beste Qualität bei niedrigsten Preisen anbietet – ahnend, dass dies nur möglich ist bei maximaler digitaler Automatisierung.

Jede App steht für eine Automatisierung

Wir können diese Veränderungen beim Handel, Fluggesellschaften und Telefonanbietern beobachten. Jede einzelne App steht für eine Automatisierung klassischer Tätigkeiten. Die Taxi-App ersetze die Taxi-Zentrale, die Musik-App den Schallplattenverkäufer und die Banking-App den Bankschalter.

Schauen wir uns die Banken etwas genauer an: Sie versuchen seit Jahren ihre Filialen profitabel zu bewirtschaften, gleichzeitig ist es sicher, dass die Bank der Zukunft vor allem vollständig digital, vollautomatisch und eher am Ort der Transaktion und auf Plattformen stattfinden wird als in einer Filiale.

Der Weg in diese Zukunft besteht aus einer radikalen Transformation zur Automatisierung: Die Expertise vorhandener manueller Prozesse muss in Algorithmen übersetzt und zu selbsterklärenden intuitiven Produkten geschmiedet werden.

Dazu müssen IT-Experten mit wenig Ahnung vom Bankgeschäft das Wissen ihrer Bank-Kollegen mit wenig Ahnung von Software-Erstellung verstehen, in Algorithmen übersetzen und in digital begeisternde Produkte für ihre Kunden übersetzen. Das ist zu Beginn nicht leicht, aber im Laufe der Zeit gleichen sich Wissensdefizite aus und die Banker werden IT-Expertise und die IT-Fachleute Bank-Expertise gewonnen haben, um sich auf Augenhöhe austauschen zu können.

Natürlich wird der Mensch weiterhin eine wesentliche Rolle spielen, aber er wird nicht mehr monotone wiederkehrende Aufgaben erfüllen, die in Kürze erklärt sind. Das können Roboter und Algorithmen einfach schneller, besser und günstiger.

Wir Menschen werden uns mehr auf die Dinge konzentrieren, die komplexes Verständnis, Empathie und Kreativität voraussetzen. Das können Computer nämlich (noch) überhaupt nicht. Wir werden uns also um all die Probleme kümmern, die die sturen Maschinen nicht lösen können. Die Grenzfälle, in denen vorprogrammierte Regeln sich nicht zwischen Ja oder Nein entscheiden können.

Automatisierungsrevolution wird uns neue Fähigkeiten aufzwingen

Im Ergebnis wird die digitale Automatisierungsrevolution uns verstärken (wie jede andere Technologie zuvor auch) und uns gleichzeitig neue Fähigkeiten aufzwingen. Wir werden zwar nicht überflüssig, müssen uns aber erheblich anpassen.

Die Dampfmaschine hat unsere Kraft, der Computer unsere Rechenkapazität und das Internet unsere Kommunikationsfähigkeit unendlich gesteigert und damit die industriellen Revolutionen ermöglicht und losgetreten. Dabei entstanden in jeder Revolution neue Berufe, während alte verschwanden.

Die Automatisierung durch Algorithmen und Roboter wird uns von sämtlichen einfachen repetitiven Tätigkeiten befreien und uns die Zeit geben, unsere größte Stärke auszuleben: Flexibilität. Aber wir müssen uns darauf einlassen und nicht beharrlich versuchen, die bestehenden Jobs mit Gewalt zu verteidigen, sondern kreativ die neuen Berufe erfinden, zulassen und die Jugend dafür ausbilden.

Wie der Gründer von Alibaba, Jack Ma, im vergangenen Jahr auf dem World Economic Forum sehr treffend formulierte, müssen wir die Ausbildung unserer Kinder von der Vermittlung analytischer Hardskills zu flexibilisierenden Softskills transformieren. Unsere Kinder müssen mehr über den Umgang mit Veränderungen, Konfliktbewältigung und Erfindertum lernen als nur Mathematik, Latein und Grammatik.

Denn wir werden Maschinen nicht schlagen können beim Rechnen, Datenverarbeiten oder sich wiederholender Tätigkeiten. Hingegen sind wir Menschen unschlagbar darin, empathisch, flexibel und kreativ auf Veränderungen zu reagieren. Und auf diese Fähigkeiten müssen wir uns in einer sich digitalisierten automatisierten Welt fokussieren.

Ob der Barista tatsächlich flächendeckend durch einen Roboter ersetzt wird, ist dabei vorerst fraglich. Die Resonanz der Kunden im Cafe-X in San Francisco war durchwachsen: Die Kunden wurden zwar schnell bedient – aber der Kaffee kam nur aus einem Vollautomaten und schmeckte entsprechend mittelprächtig. Denn mehr als auf den Knopf eines Vollautomaten drücken konnte der Roboter denn auch noch nicht.

Mein Barista auf der Ecke ist vielleicht deswegen noch so fröhlich, weil nur er um die Geheimnisse eines guten Kaffees weiß.

Arnulf Keese ist Chief Digital Officer der Deutschen Kreditbank (DKB). Zuvor war er unter anderem Chef von Paypal Deutschland.

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