Arnulf Keese

Expertenrat – Arnulf Keese Werden Amazon und Google bald zur Konkurrenz für die deutschen Banken?

Internetgiganten wie Google oder Apple haben bereits viele Industrien auf den Kopf gestellt, aber noch nicht die Bankenwelt. Warum eigentlich nicht?
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Digitale DNA für die Bankenbranche? Quelle: AFP
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Digitale DNA für die Bankenbranche?

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Die Riege der Internetgiganten Google, Amazon, Facebook und Apple (kurz: Gafa) haben zuerst ihre Ursprungsmärkte und danach benachbarte Industrien komplett disruptiert. Bestehende Wettbewerber wurden zu Schatten ihrer selbst, und die Erwartungen der Kunden stiegen dramatisch. Kein Markt scheint sicher vor den Gafa-Giganten. Nur einen ernstzunehmenden Angriff auf den Finanzsektor gab es noch nicht.

Die besten Chancen hätten Apple und Google, da sie Endgeräteplattformen mit kompletten Ökosystemen besitzen und kontrollieren. Am nächsten dran sind Amazon und PayPal mit Bezahlfunktionen, Kartenprodukten und Kreditangeboten. Eine „richtige“ Bank mit breitem Produktangebot und hoher Wertschöpfungstiefe für die Online- und die Offline-Welt ist aber bisher nicht in Sicht. Was spräche für und gegen einen solchen Angriff auf den Bankensektor?

Angreifbarkeit: Bankdienstleistungen sind essentiell, margenträchtig und liefern eine Flut von Kundendaten. Banken hatten sehr früh digitale Anwendungen (wie BTX und Online-Banking). Im Hintergrund laufen komplexe IT-Systeme mit Anfängen aus dem vergangenen Jahrtausend, die über die Jahre weiterentwickelt wurden – mit der digitalen Welt und ihrem Innovationstempo mitzuhalten ist eine Herausforderung. Eigentlich passen Banken damit perfekt in das Beuteschema der Internetgiganten.

Skillset: Die Gafa-Unternehmen haben eine digitale DNA, ticken im Sekundentakt des Klicks, wissen um die Bedürfnisse der Kunden und revolutionieren mit Leichtigkeit Benutzer-Erlebnisse. Damit gewinnen sie die Herzen der Kunden und werden mit fast exklusiver Nutzung belohnt. Die dabei gewonnenen Kundendaten ermöglichen eine satte Monetariserung. Die Erfolgsfaktoren dahinter lassen sich universell anwenden. So gut wie jede Industrie ist damit angreifbar.

Innovatoren-Vorsprung: Kontinuierlich haben die Gafa-Unternehmen in den vergangenen Jahren eine Innovation nach der anderen hervorgebracht. Einkauf, Recherche, Kommunikation, Medienkonsum, Navigation und Spiele finden heute vollständig anders statt als noch vor zehn oder 20 Jahren. Und für die meisten Kunden besser, günstiger und komfortabler als je zuvor.

Die Kunden haben gelernt, der Innovationskraft von Unternehmen wie Apple blind zu vertrauen. Als Amazon Payments angekündigt wurde, waren Kunden sofort bereit, das noch nicht einmal existierende Produkt zu nutzen - schlichtweg weil sie dem Konzern blind vertrauten. Auf diesem Vertrauen in ihre Fähigkeiten können die Gafa aufbauen.

Profitabilität: Laut Bundesbank erwirtschafteten 2016 alle deutschen Banken zusammen 27 Milliarden Euro Jahresüberschuss bei 15 Prozent operativer Marge. Das ist viel. Aber Google allein erwirtschaftet den gleichen Betrag pro Quartal bei fast doppelt so hoher Marge – und steckt gleichzeitig 14 Milliarden Dollar pro Jahr in Forschung Entwicklung.

Das Google-Geschäftsmodell ist damit wesentlich attraktiver als das Bankgeschäft. Warum also sollte Google eine Bank werden und das Risiko eines neue Markteintritts für eine geringere Marge wagen? Das ist für Google erst dann sinnvoll, wenn die Margen des Kerngeschäfts im Laufe der Zeit kleiner werden.

Wachstum: Banken wachsen nur langsam und verdienen ihr Geld überwiegend mit Zinsen. Diese sind jedoch seit Jahren unter Druck. Entsprechend sinken die Margen, und das Wachstum ist beschränkt.

Internetgiganten hingegen genießen exponentielles Wachstum. Sie verdienen ihr Geld in selbstgeschaffenen Ökosystemen über Plattformerlöse, Werbung und Lizenzgebühren. Und weder für Kunden noch für Plattformteilnehmer gibt es eine Alternative, zu groß ist ihre Dominanz. Das verspricht schier unbegrenzte Wachstumsmöglichkeiten. Solange also die Gafa von ihrem extremen Wachstum profitieren, würde ein Einstieg in den Banksektor vergleichsweise hohe Risiken bei geringen Chance bedeuten.

Margenextraktion: Besonders faszinierend am Plattform-Modell von Google, Amazon und Facebook ist das Bieterverfahren auf Werbeplatzierungen. Der Zuschlag für die besten Platzierungen geht an den Höchstbietenden. Alle Wettbewerber einer Branche, ob Autoindustrie oder Banken, bieten also gegeneinander. Das geht zu Lasten ihrer Marge.

Die Profiteure sind die Plattformen, die aus allen Industrien die Marge absaugen, ohne das Know-how aufbauen und die Risiken tragen zu müssen. Warum also sollten Google und Co. Bank werden, wenn sie die potenzielle Marge des Geschäfts auch ohne Aufwand abschöpfen können? Das würde für sie erst dann interessant werden, wenn sie die Finanzdienstleistungsmarge ausschließlich in Verbindung mit Bankgeschäften abschöpfen könnten.

Regulierung: Die schnelllebigen Internetgiganten definieren sich jedoch über Innovation an vorderster technologischer Front und aggressivem Wachstum. Das zähe Ringen mit Regulatoren verträgt sich nicht sonderlich gut mit kurzen Innovationszyklen. Daher positionieren sich die Internetgiganten traditionell in großem Abstand von regulierten Bereichen und weichen der sich ausweitenden Regulierung geschickt aus. Doch sie werden immer ins Visier genommen – DSGVO und das Leistungsschutzrecht sind erste Beispiele dafür.

B2B-Banking: Neben dem Endkundengeschäft gibt es natürlich noch ein ganzes Universum an komplexen Business-to-Business-Bank-Geschäften mit Unternehmen, Finanzierungen, Wertpapieren, Derivaten und Investmentbanking. Da geht es um gewaltige Summen zwischen relativ wenigen Marktteilnehmern auf Basis eng vernetzter Banksysteme, die gleiche Bedingungen für alle Teilnehmer schaffen.

All das zusammen ist so ziemlich genau das Gegenteil dessen, was die Internetgiganten beherrschen. Natürlich hat Google große Werbekunden, Amazon große Händler und Apple große Distributoren – aber im Kern dreht sich das Gafa-Geschäft um unendlich viele kleine Transaktionen mit unendlich vielen Kunden auf Plattformen, auf denen die Konzerne sich eine uneinholbaren Vorsprung erkämpft haben.

Es ist daher fraglich, ob sie ausreichend Appetit haben, in diese Domäne vorzudringen. Doch auch wenn sie nur auf der Endkundenseite erfolgreich wären, würde das die anderen Banken empfindlich treffen.

Kundenvertrauen: Tatsache ist, dass laut Statista 95 Prozent der Deutschen Google nutzen. Und dass 89 Prozent der 20- bis 29-Jährigen auf Facebook unterwegs sind. Gleichzeitig hat der Zuckerberg-Konzern seit dem Skandal um Cambridge Analytica mit erheblichen Imageproblemen zu kämpfen. Der laxe Umgang mit Daten hat das Kundenvertrauen nachhaltig beeinträchtigt.

Zudem hat die Einführung der DSGVO die Geschäfte von Facebook und Google empfindlich getroffen. Facebook wirbt aktuell nicht ohne Grund auf jeder verfügbaren Bushaltestelle für mehr Datensicherheit. Und Google kam mit vorbildlichen Privatsphäre-Einstellungen der DSGVO zuvor. Dennoch sind bisher gerade die Deutschen nicht dazu gewillt, Facebook und Google ihre intimen Finanzgeheimnisse anzuvertrauen. Noch.

Google, Facebook und Co. werden ihren Datenschutz verbessern, die Sorgen der Kunden im Lauf der Zeit verfliegen – solange der versprochene Nutzen groß genug ist. Das Wachstum der Internetgiganten wird sich allein aufgrund ihrer schieren Größe verlangsamen, dann müssen neue Erlösquellen her. Warum nicht in der Finanzbranche?

Transaktionen und Werbung würden verschmelzen, Google und Facebook dies abbilden und vorantreiben. Sie würden neben Payment-Lösungen Karten, Kredite und Versicherungen anbieten und das Portfolio kontinuierlich ausbauen. Regulierung bliebe eine Hürde – aber eine administrierbare.

Am Beispiel von Paypal lässt sich gut beobachten, wie erfolgreich eine systematische kundenorientierte Angebotsausweitung im Finanzbereich zum Erfolg führen kann: Rechnungskauf, Transaktionskredite, Kreditlinien, Kartenprodukte, Absatzfinanzierung und mobiles Bezahlen sind inzwischen Basis-Funktionen des größten Online-Bezahldienstes der Welt und sorgen für Margen, von denen der klassische Zahlungsverkehr nur träumen kann. Und die Abwicklung findet vollautomatisch und mit für den Kunden unsichtbarer Komplexität innerhalb von Sekundenbruchteilen statt.

Es wird also eine Gafa-Bank geben über kurz oder lang. Aber wird sie sich wie eine normale Bank anfühlen? Eher nein. Warum? Dazu mehr in der nächsten Kolumne.

Arnulf Keese ist Chief Digital Officer der Deutschen Kreditbank (DKB). Zuvor war er unter anderem Chef von Paypal Deutschland.


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