Kevin Kühnert

Expertenrat – Kevin Kühnert Der Fall Mesut Özil entlarvt die DFB-Spitzen als Scheinriesen

Der deutsche Fußballnationalspieler hat nicht alles richtig gemacht – der DFB dafür alles falsch. Der Verband rutscht in den moralischen Bankrott.
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In der Debatte um seine Person hätte es viele Optionen gegeben. Die gewählten haben alle Akteure beschädigt. Quelle: dpa
Mesut Özil

In der Debatte um seine Person hätte es viele Optionen gegeben. Die gewählten haben alle Akteure beschädigt.

(Foto: dpa)

BerlinDie Causa Özil hat nach quälenden Wochen des Lavierens und Taktierens inzwischen alle Beteiligten beschädigt. Den ehemaligen Nationalspieler, weil er es sich zu einfach macht. Manche Kommentatoren, weil sie im Eifer des Gefechts ihr wahres Gesicht offenbart haben. Und vorneweg den DFB samt seinem überforderten Präsidenten, die, jenseits blumiger Floskeln über die gesellschaftliche Verantwortung des Fußballs, offenkundig wenig verstanden haben.

Dabei hätte es so einfach sein können. Als am 14. Mai Fotos auftauchen, die Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan zeigen, steht die Nominierung des vorläufigen deutschen WM-Kaders exakt 24 Stunden bevor. Für ein ordentliches Krisenmanagement ist das wenig, aber nicht zu wenig Zeit. Wer sich als gesellschaftliche Instanz sieht, so wie es der DFB seit Jahren tut, muss schnell handlungsfähig sein. Wer vorgibt einem klaren Wertekompass zu folgen, wie es der Verband in schönen Sonntagsreden immer wieder betont, muss innerhalb von Stunden in der Lage sein, eine solche Entwicklung souverän zu kommentieren.

Zwar spricht DFB-Boss Grindel davon, die Spieler hätten sich für ein „Wahlkampfmanöver missbrauchen“ lassen, doch die Worte bleiben folgenlos. Tags darauf nominiert Bundestrainer Löw die beiden, klassifiziert den Vorgang als „keine glückliche Aktion“. Ein Verzicht auf die beiden habe „zu keiner Sekunde“ zur Diskussion gestanden. Und damit war das Kind bereits in den Brunnen gefallen.

Alle Entwicklungen der letzten Wochen wären vermeidbar gewesen, hätte der Verband in dieser Stunde eine abgestimmte Strategie gehabt. Und fast alle Optionen wären akzeptabel gewesen: eine Verwarnung für beide Spieler, verbunden mit dem klaren Hinweis, dass im Wiederholungsfall der Platzverweis folgt. Die Präsentation eines Mannschaftskodex, der die Spieler zur Einhaltung grundlegender Spielregeln verpflichtet. Und sogar die Nichtberücksichtigung von Özil und Gündogan wäre denkbar gewesen, um den Flurschaden zu minimieren. Nicht, weil zwei deutsche Kinder türkischer Eltern den türkischen Präsidenten treffen. Sondern weil sie einen Anti-Demokraten hofieren, der die vorgeblichen Werte des DFB mit Füßen tritt. Doch der mächtigste nationale Sportverband der Welt entscheidet sich für Variante vier: Er eiert rum.

Grindel und Löw bestellen die Spieler zum Gespräch ein, versuchen, Entschuldigungen zu erwirken – vergeblich. Ein Besuch beim Bundespräsidenten soll die Wogen glätten. Doch alle spüren, dass der Konflikt sich zuspitzt. Özil und Gündogan werden beim Testspiel in Österreich von deutschen Fans ausgepfiffen. Die überforderten Funktionäre schweigen, die Verteidigung übernehmen Mitspieler. Die sind ihrerseits mit der Aufgabe überfordert – verständlich.

Özil stand immer unter Beobachtung

„Was hätten wir noch mehr machen sollen? Jetzt reicht es dann auch“, äußert sich schließlich Teammanager Oliver Bierhoff am 7. Juni. Spätestens in diesem Moment gleitet Hilflosigkeit in Dreistigkeit ab. An eine ruhige WM-Vorbereitung ist längst nicht mehr zu denken. Nach dem desaströsen WM-Aus wird Bierhoff später nonchalant seine Position um 180 Grad wenden, die Berufung Özils als möglichen Fehler darstellen. Der Sündenbock für das sportliche Versagen ist gefunden – und alle Welt weiß, dass das nicht mehr als der lächerliche Versuch ist, die Verantwortung abzuwälzen. Einen Tag später rudert Bierhoff zurück, will es nicht so gemeint haben. Das Kommunikationschaos wird zum Desaster.

Und DFB-Chef Grindel? Der findet am 8. Juli seine Sprache wieder, fordert Özil zu einer Erklärung auf und erwähnt seine eigene Verantwortung mit keinem Wort. Für so viel Dreistigkeit und Unvermögen muss jeder Kreisliga-Trainer seinen Hut nehmen, an der Spitze des Deutschen Fußball-Bunds hingegen darf man bleiben. Vorerst.

Mesut Özil hat recht, wenn er die doppelten Standards im Umgang mit ihm, Gündogan und letztlich einer ganzen Community anprangert. Weit vor den Erdogan-Fotos stand er unter besonderer Beobachtung. Körperhaltung und das Nicht-Singen der Nationalhymne, bei jedem anderen Spieler keiner Erwähnung wert, wurden fortwährend kommentiert. Die „Bild“-Zeitung recherchierte knallhart: „So deutsch sind Özil und Gündogan“. Und jetzt halten Sie sich fest: „Er pilgerte nach Mekka und liebt eine Miss Türkei“. Schockschwerenot! Gut, dass sechs durchschnittsdeutsche „Bild“-Redakteure mittlerweile zu dem Schluss gekommen sind, dass der von Özil beklagte Rassismus nicht existiert. Das sei nur eine „Jammer-Abrechnung mit Deutschland“. Hätten wir das auch geklärt.

Solange die sportlichen Ergebnisse stimmten, wurde öffentlich nur gemurrt, was einer Bewährungsstrafe gleichkam. Fünf Titel als Nationalspieler des Jahres seit 2011 sprechen für Özil. Nun folgte jedoch die öffentliche Verurteilung, verkündet vom vorsitzenden Richter der Strafkammer für besondere moralische Angelegenheiten, Uli Hoeneß: „Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt!“ Wer will noch mal, wer hat noch nicht?

Nein, Mesut Özil hat nicht alles richtig gemacht. Das Erdogan-Foto war großer Mist, seine Erklärung in diesem entscheidenden Punkt mehr als dürftig und relativierend. Kritik dazu und Enttäuschung darüber hat er ganz allein zu verantworten, niemand sonst. Er ist ein erwachsener Mensch und trägt Verantwortung für sein Handeln. Für rassistische Kommentierungen, Profilneurosen und die organisierte Unfähigkeit im erweiterten Kosmos der deutschen Fußballnationalmannschaft trägt er jedoch keine Verantwortung.

Man kann Özils Verhalten für eine Enttäuschung halten und gleichzeitig die von schwarz-rot-goldenem Testosteron gesteuerten Schlauberger kritisieren. Was man hingegen nicht kann, ist, den moralischen Bankrott der DFB-Verantwortlichen zu übersehen, die sich als Scheinriesen entpuppt haben. Und den kleinsten der Scheinriesen hat der DFB zu seinem Präsidenten gewählt. Es würde verwundern, hätte er das Amt noch mehr als ein paar Wochen inne.

Kevin Kühnert, 29, ist Bundesvorsitzender der Jusos. Hier schreibt er über das aktuelle politische Geschehen in Deutschland im Allgemeinen und die SPD im Besonderen.

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