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Kevin Kühnert

Expertenrat – Kevin Kühnert Gleichstellung ist ein schöner Traum – und nicht gelebte Realität

Mit dem internationalen Frauentag wird an die Gleichstellung von Mann und Frau erinnert. Doch diese Selbstverständlichkeit sollte 365 Tage im Jahr mit Leben gefüllt werden.
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Der Frauentag soll vielmehr mahnend an die fehlenden Schritte hin zu echter Gleichstellung erinnern, meint Kevin Kühnert. Quelle: dpa
Internationaler Frauentag am 8. März

Der Frauentag soll vielmehr mahnend an die fehlenden Schritte hin zu echter Gleichstellung erinnern, meint Kevin Kühnert.

(Foto: dpa)

Mit dem 8. März steht der internationale Frauentag vor der Tür und durch Deutschland geht ein Stöhnen in den Stimmlagen Bass und Bariton: „Och nö!“ Millionen Männer verkraften nur schwerlich, dass es an einem Tag im Jahr mal etwas weniger als sonst um ihre Belange geht.

Hektisch googeln sie die Öffnungszeiten des nächsten Blumenladens, kaufen Pralinen. Kinder werden zum Basteln animiert, damit Mama zum Frauentag ein kleines Präsent bekommt.

Kann man alles machen, hat mit der Idee des Frauentages aber genau nichts zu tun. Er soll vielmehr mahnend an die fehlenden Schritte hin zu echter Gleichstellung erinnern. Dass es ihn bereits seit mehr als 100 Jahren gibt, ist auch keinesfalls Ausdruck rührseligen Traditionsbewusstseins. Es ist schlicht und ergreifend so, dass Gleichstellung weiterhin ein schöner Traum ist – und eben nicht gelebte Realität.

Als die New Yorker Gewerkschafterin Rose Schneiderman 1911 in einer Rede sagte, Arbeiterinnen bräuchten gleichermaßen Brot und Rosen, da ahnte sie noch nicht, dass sie in diesem Moment Geschichte schrieb. „Brot und Rosen“ wurde zum Gedicht, zur Streikparole und schließlich zu einem beliebten Lied von Gewerkschafts- und Frauenbewegung.

Brot und Rosen, das steht für den Lohn und ein menschenwürdiges Leben. Beides, so die Botschaft, sei untrennbar miteinander verbunden. Und beides wird zahllosen Frauen bis heute verwehrt.

Lassen Sie sich also nicht von stöhnenden Männern ins Bockshorn jagen, die behaupten, spätestens mit der Einführung des Frauenwahlrechts vor 100 Jahren sei das Kapitel der Gleichstellung der Geschlechter als erledigt zu betrachten. Dem ist nicht so. Kostprobe gefällig? Gerne.

Frauen bekommen noch immer in vielen Fällen für die gleiche Arbeit weniger Lohn. Erschwerend kommt hinzu, dass fragwürdige Traditionen, Geschlechterbilder und Erwartungshaltungen dazu führen, dass viele Frauen in die grundsätzlich schlechter bezahlten Berufe streben oder auch gedrängt werden. Mindestens vier von fünf Teilzeitbeschäftigten sind Frauen und auch zwei Drittel der Beschäftigten in Minijobs sind weiblich.

Grund ist nicht selten die Erwartung von Familie und Umfeld, dass Frauen wie selbstverständlich den Großteil der Sorgearbeit leisten – sich also in besonderer Weise um Haushalt, Kinder und hilfebedürftige Angehörige kümmern.

Eine weitere Folge: Laut einer aktuellen Studie verfügen Frauen täglich über durchschnittlich gut 30 Minuten weniger Freizeit als Männer. Statistisch betrachtet betrifft das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Ihren Haushalt.

Absurde steuerliche Anreizsysteme wie das Ehegattensplitting manifestieren diesen Zustand, weil sie das klassische Familienmodell mit einem Haupternährer fördern. Hier schauen nicht nur teilzeitbeschäftigte Frauen blöd aus der Wäsche. Auch Alleinerziehende – nicht zufällig überwiegend Frauen – kommen mangels Partner oder Partnerin gar nicht erst in den Genuss dieser Besserstellung.

Das wachsende Thema der Altersarmut hat ebenfalls ein weibliches Gesicht. Denn niedrigere Löhne, reduzierte Arbeitszeiten und viel unbezahlte Sorgearbeit führen logischerweise auch nicht zu tollen Renten. Die Folge sind weitere Abhängigkeiten. Einerseits vom Partner. Andererseits aber auch vom Staat.

Kürzt dieser in Krisenzeiten Sozialleistungen oder erhöht beispielsweise die Mehrwertsteuer, dann trifft das in besonderer Weise Menschen mit kleineren Einkommen und damit überwiegend Frauen. Ungleichbehandlungen ziehen sich somit über Jahrzehnte durch ganze Biographien hindurch und verstärkt sich weiter und weiter.

Und dann sind da noch die Ausgaben. Jede Frau menstruiert etwa 500 Mal in ihrem Leben, verbraucht dabei mehr als 10.000 Tampons und Binden, gibt also mehrere tausend Euro für ihre Monatshygiene aus – Arztbesuche und Schmerzmittel sind da noch nicht einmal berücksichtigt. Die Tatsache, dass diese Produkte mit der Luxusmehrwertsteuer von 19 Prozent belegt sind, ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit und gehört schnellstmöglich abgeschafft.

Doch nicht nur bei Einkommen und Ausgaben sind unhaltbare Zustände zu beklagen. Mehr als 100 Frauen werden in Deutschland jährlich durch Partner oder Ex-Partner getötet, über 100.000 Mädchen und Frauen werden Jahr für Jahr Opfer häuslicher Gewalt.

Dass manche sich erst darüber empören können, wenn die Täter einen Migrationshintergrund haben, ist Teil des Problems. Für sie wird Gewalt erst dann zum Problem, wenn sie sich schützend vor „unsere deutschen Frauen“ stellen können. Eine besonders abstoßende Form von Teilzeit-Feminismus.

Und nicht zuletzt müssen Frauen rund um die Debatte über den Paragraphen 219a wieder für ihre körperliche Selbstbestimmung kämpfen. Die Tatsache, dass selbst frühzeitige Schwangerschaftsabbrüche bis heute nur geduldet, nicht jedoch legal sind, ist vielen gar nicht bewusst. Im Strafgesetzbuch ist das in unmittelbarer Nachbarschaft zu Mord und Totschlag geregelt – da kann es einem schon mal flau im Magen werden.

Nein, es ist wahrlich nicht alles erreicht. Und mit dem, was erreicht wurde, muss und sollte sich niemand zufriedengeben. Keine Frau – aber auch kein Mann. Denn Gleichberechtigung ist kein gütiges Geschenk mit Schleifchen drumherum, für das man sich artig bedanken muss. Gleichberechtigung ist Anspruch und Versprechen unseres Grundgesetzes: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

Gelegenheiten, diese Selbstverständlichkeit einzufordern und mit Leben zu füllen, gibt es 365 Tage im Jahr. Nicht nur am 8. März.

Kevin Kühnert, Jahrgang 1989, ist Bundesvorsitzender der Jusos. Hier schreibt er über das aktuelle politische Geschehen in Deutschland im Allgemeinen und die SPD im Besonderen.

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