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Kevin Kühnert

Expertenrat – Kevin Kühnert Mit der AfD bei Markus Lanz: Die Selbstentlarvung der Populisten

Ein gemeinsamer Talkshow-Auftritt mit AfD-Mann Guido Reil entlarvt die billige Ablenkungsstrategie der Partei. Zur Europawahl müssen Inhalte zählen.
1 Kommentar

Ich entschuldige mich vorab bei Ihnen, dass ich diese Kolumne heute für eine Art der persönlichen Traumatherapie missbrauchen muss. Vor einer Woche saß ich mit dem AfD-Politiker Guido Reil in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“. Herr Reil war viele Jahre als Bergmann tätig und ist vor einiger Zeit von der Sozialdemokratie zum Rechtspopulismus konvertiert. Dieser biographische Bruch hat aus einem unbekannten Essener Lokalpolitiker eines der bundesweit bekanntesten Gesichter der AfD gemacht. Für Herrn Reil sprang im Gegenzug nach erfolglosen Kandidaturen für Landtag und Bundestag ein sicherer zweiter Listenplatz zur Europawahl heraus.

Was ich rund um diese Sendung erleben durfte ist ein mustergültiges Beispiel dafür, wie die politische Rechte in Deutschland ihre Kampagnen betreibt.

Guido Reil und seine Partei hatten einen klaren Plan für diese Sendung. Im Vorfeld teilten sie in sozialen Netzwerken kleine Bilder, mit denen Sie einen „Kampf der Arbeiterführer“ ankündigten. Ein alberner Begriff, den ich mir niemals zu eigen machen würde. Es war der durchsichtige Versuch, im Duell Bergmann vs. Bummelstudent die Sympathien auf den AfD-Politiker zu lenken und mich als weltfremden linken Ideologen zu brandmarken.

Herr Reil hatte dabei unterschätzt, dass man in einem 40-minütigen Gespräch mehr aufbieten muss, als die eigene Biographie. Auch ging es in der Sendung nicht um Geflüchtete, Islam oder andere Lieblingsthemen der AfD, sondern um die hohen Mieten, Fachkräftezuwanderung und den Klimawandel. Guido Reil hatte zu alle dem wahlweise keine Aussagen, wirre Aussagen oder widersprüchliche Aussagen im Angebot. Das Programm seiner Partei kannte er nicht. Die Sendung geriet für ihn zum Desaster. Selbst die eigenen Anhänger fällten im Netz ein verheerendes Urteil.

Es hagelte schlechte Presse. Das Duell der „Arbeiterführer“ war beendet, bevor es richtig begonnen hatte. Reil und seine Partei gingen einige Tage auf Tauchstation, bevor er sich dann im Rahmen einer Wahlkampfveranstaltung zu Wort meldete. Doch dieser Auftritt geriet so gar nicht selbstkritisch.

Vielmehr hatte man sich im Lager der Rechtspopulisten offenbar auf die Strategie verständigt, den Angriff nach vorne zu wagen. Das ZDF habe ihn in einem Vorgespräch analysiert und mich mit wichtigen Informationen versorgt, das Publikum sei zu meinen Gunsten ausgesucht gewesen und habe ihn durch Geräusche aus dem Konzept gebracht – was wegen gedimmter Mikrofone aber niemand mitbekommen habe. Reils Fazit: „Wir sollen fertiggemacht werden. Das Regime will uns fertigmachen.“

In der verzweifelten Hoffnung, wenigstens ein kleines bisschen zur politischen Aufklärung beitragen zu können, sei folgendes gesagt: Herr Reil hatte mindestens zwei Begleiterinnen zur Sendung mitgebracht. Mich hat ein Freund begleitet. Alle anderen Gäste hatten regulär und langfristig Tickets erworben, was jeder online mit wenigen Klicks tun kann. Und unruhig war es wahrlich nicht im Studio.

Vorgespräche gehören übrigens zu jeder Talkshow dazu. Wenige Tage zuvor telefoniert man einige Minuten mit einem Redakteur, der wesentliche Positionen des Gastes erfragt. Ob man wahrheitsgemäß und ausführlich antwortet, das ist selbstverständlich dem Gast überlassen. Anhand der Fragen kann man zumindest erahnen, was die Themen der Sendung sein werden. Die Antworten werden den anderen Gästen jedoch nicht zugänglich gemacht, sondern dienen einzig und allein der Vorbereitung des Moderators und seines Teams – schließlich soll ein spannendes Gespräch entstehen, bei dem niemand vor Langeweile abschaltet.

Es ist also klar erkennbar, dass es bei den Ausflüchten der AfD um eine billige Ablenkungsstrategie geht. Es ist der verzweifelte Versuch eines Politikers, der in wenigen Wochen hochdotiert im Europäischen Parlament sitzen wird und nicht im geringsten darauf vorbereitet ist, sich als Opfer einer Verschwörung zu inszenieren. Und wie bei jeder Verschwörungstheorie ist es fast sinnlos gegen sie anzudiskutieren. Entweder will man sie glauben, oder eben nicht.

Nicht wegzudiskutieren ist hingegen Reils offenkundige Ahnungslosigkeit. Der selbsternannte Arbeiterführer hat sich ausweislich seines Lanz-Auftritts genau mit zwei Aspekten seiner künftigen Abgeordnetentätigkeit intensiv befasst: mit den vermeintlichen Arbeitszeiten und der Vergütung. Alles andere scheint für ihn nebensächlich zu sein.

Unsere Demokratie wird auch dieses Kapitel geduldig ertragen und überleben, keine Frage. Was man nicht unwidersprochen ertragen muss, das ist die Dreistigkeit, mit der die AfD ihre eigene Unfähigkeit in eine politische Hetzkampagne umdeutet. Früher hat man über den einen Typ in der Schulklasse gelacht, dessen Hausaufgaben grundsätzlich vom elterlichen Hund gefressen wurden. Alle waren schuld, nur er nicht. Dieser Typ heißt heute Guido Reil und zum Lachen ist einem nicht mehr zumute.

Was also tun? Von Éric Cantona ist das Zitat überliefert, wonach mit Rassisten zu diskutieren sei, als würde man mit einer Taube Schach spielen: Egal, wie gut Du bist und egal, wie sehr Du dich anstrengst, am Ende wird die Taube auf das Spielfeld kacken, alles umschmeißen und umherstolzieren, als habe sie gewonnen.

Es bringt folglich nichts, mit der Taube die Spielregeln auszudiskutieren. Die Taube muss runter vom Spielfeld. Die nächste Gelegenheit dafür besteht am 26. Mai bei der Europawahl. 

Kevin Kühnert, Jahrgang 1989, ist Bundesvorsitzender der Jusos. Hier schreibt er über das aktuelle politische Geschehen in Deutschland im Allgemeinen und die SPD im Besonderen.

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1 Kommentar zu "Expertenrat – Kevin Kühnert: Mit der AfD bei Markus Lanz: Die Selbstentlarvung der Populisten"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Expertenrat Kevin Kühnert von der SPD.
    Ein 2009 begonnenes Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin brach er ab und arbeitete anschließend dreieinhalb Jahre lang in einem Callcenter. Jawohl das sind Experten. Kann nichts, weis nichts, aber dumm und substanzlos rausschwätzen das soll also ein Experte sein.
    Wollt ihr im HB mich verarschen???
    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Diskutieren erwünscht – aber richtig“ http://www.handelsblatt.com/netiquette