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Valerie Mocker

Expertenrat – Valerie Mocker Die Digitalisierung sollte nicht zum Elitenprojekt verkommen

In Deutschland ist Digitalisierung ein Elitenprojekt. Dabei müssten viel mehr Menschen an ihr beteiligt werden. Großbritannien zeigt, wie das geht.
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In Großbritannien hilft KI, Leben zu retten. Auch in Deutschland gibt es ein Start-up, das sich des Themas annimmt. Quelle: dpa
Rettungswagen im Einsatz

In Großbritannien hilft KI, Leben zu retten. Auch in Deutschland gibt es ein Start-up, das sich des Themas annimmt.

(Foto: dpa)

Wenn Sie einen Herzstillstand erleiden, dann sollten Sie am besten in London sein. Denn hier kann die Digitalisierung Ihnen das Leben retten. Sobald der Krankenwagen zu ihnen aufbricht, alarmiert er mit der GoodSam-App in Sekundenschnelle qualifizierte Ersthelfer – Ärztinnen oder Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr – die sich in der Nähe befinden. So wird jemand zu Ihrem Unfallort gelotst und leistet in den kritischen Minuten vor Ankunft des Krankenwagens lebenswichtige Erste-Hilfe.

Was vor fünf Jahren als Leuchtturmprojekt entstand, ist 2019 fast überall in Großbritannien Realität. Identische Lösungen, die schätzungsweise 10.000 Menschenleben jährlich retten könnten, kämpfen derweil in Deutschland ums Überleben. Damit Digitalisierung, die das Leben vieler spürbar verbessert auch hierzulande flächendeckend bei den Menschen ankommt, braucht Deutschland einen Richtungswechsel.

Ein Elitenprojekt 4.0

Doch Digitalisierung in Deutschland ist derzeit ein Elitenprojekt. Der letzte Digitalgipfel zeigte dies eindrucksvoll: Auf dieser „zentralen Plattform“ diskutierte eine Gruppe, die größtenteils Männern mittleren bis höheren Alters bestand, die Richtung des digitalen Wandels in Deutschland. Von den Referenten hatten 47 Prozent einen Doktortitel, während Promovierte im Schnitt gerade 1,2 Prozent der deutschen Bevölkerung ausmachen.

Auch die großen Digitalisierungs-Vorzeigeprojekte dieser Legislaturperiode sind für wenige, und nicht für viele, Menschen gemacht. So sollen zwei neue Agenturen mit staatlichen Mitteln zum einen Militärinnovationen und zum anderen bahnbrechende Neuerungen, so genannte Sprunginnovationen, in Universitäten und Firmen fördern.

„Von der Idee zum Markterfolg“ ist das in Deutschland dominierende Modell, mit dem die Digitalisierung vorangetrieben werden soll. In diesem entstehen innovative Ideen in einer Universität oder der Forschungsabteilung einer Firma, werden in ein Produkt umgewandelt, kommen auf den Markt und dann bei den Verbrauchern an. Am Ende soll dann gesamtgesellschaftlicher Wohlstand entstehen.

Doch in diesem Wasserfall-Modell fallen viele Innovationen mit hohem gesellschaftlichem Wert durchs Raster. Die Idee der britischen GoodSam-App, über eine digitale Plattform Ersthelfer schneller zum Unfallort zu bringen, hatte 2013 zum Beispiel auch das Unternehmen Mobile Retter aus Gütersloh. Wie GoodSam ist Mobile Retter ein Sozialunternehmen.

Sozialunternehmen lösen mit unternehmerischen Ansätzen gesellschaftliche Herausforderungen, um bessere Gesundheit, Pflege oder Bildung zu ermöglichen. Da gesellschaftlicher Mehrwert an erster Stelle steht, brauchen sie andere Arten von Unterstützung, zum Beispiel „geduldigeres“ Kapital.

Außerdem haben Sozialunternehmen verschiedenste Organisationsformen, von gemeinnützigen GmbHs zu Genossenschaften. Damit passen sie weder in die bestehenden Kategorien unserer Wirtschaftsförderung, noch in die Finanzierungstöpfe für klassische Wohlfahrt oder Zivilgesellschaft.

Diese geschlossene Vergabe von öffentlichen Finanzmitteln ist laut Deutschem Social Entrepreneurship Monitor 2018 eine der größten Hürden für deutsche Sozialunternehmer, von denen 61 Prozent der Befragten die politische Förderung in Deutschland als mangelhaft bis ungenügend beurteilten. So verlieren wir unternehmerisches Potenzial und versäumen wir es zudem, die Digitalisierung zu etwas Fassbarem zu machen, von dem jeder profitiert. Das sieht in anderen Teilen Europas ganz anderes aus.

Was wir von anderen Ländern lernen können

Regierungen anderer Länder haben Organisationen gegründet, mit denen sie Innovation und Digitalisierung für alle zugänglich machen. So gibt es nationale, gemeinnützige Fonds für soziale Innovationen mit jeweils über einer halben Milliarde Euro wie Sitra in Finnland oder Nesta in Großbritannien.

Beide fördern digitale Innovationen mit hohem gesellschaftlichem Mehrwert. Dazu zählt die GoodSam-App und viele andere Lösungen, die Ihnen helfen gesünder zu leben, besser zu arbeiten, die Umwelt zu schützen, den Klimawandel zu bekämpfen oder aktiv anstatt einsam zu altern.

Doch nicht nur die Finanzierung ist entscheidend, sondern zwei weitere Dinge. Erstens: Lösungen müssen von überall kommen können. Von Ambulanzärzten und Krankenpflegern, aus Universitäten und Schulen, von Sozialunternehmen, Gewerkschaften, der Zivilgesellschaft oder irgendwo dazwischen. So musste sich GoodSam in Wettbewerben durchsetzen, die verschiedenen Gruppen zugänglich waren.

Zweitens: Lösungen müssen von Anfang an gemeinsam gestaltet werden mit den Menschen, die sie nutzen sollen. So wurde GoodSam gemeinsam mit dem Ambulanzpersonal und Patienten entwickelt, die jederzeit ihre Verbesserungsvorschläge einbringen können. Denn viele verhaltensökonomische Studien belegen, dass Menschen von ihnen mitentwickelte Lösungen als besser einschätzen und diese eher nutzen. Teilhabe, Mitentwicklung und wiederholtes Testen sind also Erfolgsfaktoren für eine schnelle Verbreitung.

In diesem Ansatz liegt auch großes wirtschaftliches Potential: Studien für das britische Gesundheitssystem schätzen, dass mit, für und aus der Gesellschaft entwickelte Lösungen zu einer besseren Versorgung für Patientinnen und Patienten und zu Einsparungen von jährlich mindestens 4,4, Milliarden Pfund führen.

Digitalisierung muss allen gehören

Digitalisierung darf nie Selbstzweck sein, sondern ein Instrument mit dem wir die Zukunft gestalten. Eine Wohlstand-für-alle Zukunft kann nur entstehen, wenn das Instrument „Digitalisierung“ in den Händen von vielen und nicht nur von einigen wenigen liegt. Die Zukunft muss allen gehören.

Wenn auch in Deutschland Digitalisierung allen nützen soll, dann brauchen wir einen Richtungswechsel. Weg vom Elitenprojekt, wo eine kleine Gruppe mit dem richtigen Titel auf der Visitenkarte die Zukunft gestaltet. Hin zu einer „people-powered“ – also einer aus der Mehrheit der Bevölkerung entstehenden – Digitalisierung. Die für, von und mit allen gestaltet werden kann.

Dazu muss Deutschland wie andere Ländern endlich gezielt und ernsthaft digitale soziale Innovationen fördern. Das hieße, weg vom Wasserfall-Modell, bei dem gesellschaftlicher Wohlstand am Ende entstehen soll. Stattdessen gezielt Organisationen und digitale Lösungen finanzieren, die für Menschen und ihre tägliche Lebensqualität einen spürbaren Unterschied machen. Lösungen, die von überall herkommen können. Bei denen die Bevölkerung nicht „mitgenommen“ wird, sondern von Anfang an testen und mitgestalten kann.

Der Richtungswechsel hin zu einer „people-powered“ Digitalisierung scheitert nicht am Geld oder an der Machbarkeit. Sondern weil es leichter ist, den Status quo zu erhalten und weiterhin traditionelle Organisationstypen und die alteingesessenen Platzhirsche zu fördern.

Wir müssten alte Kategorien in unseren Köpfen aufbrechen, neue Gruppen hereinlassen und allen eine Chance geben. Das ist der Schlüssel dazu, wie wir eine Wohlstand-für-alle Zukunft bauen können. In jedem der 82 Millionen Menschen in diesem Land steckt schlummerndes Potential. Die meisten wurden bisher nur nie eingeladen, sich an der Gestaltung der Digitalisierung zu beteiligen.

Transparenzhinweis: Die zwei Organisationen GoodSam und Mobile Retter habe ich in diesem Artikel als anschauliche Beispiele eingebracht, was allerdings keine Wertung gegenüber anderen Lösungen darstellen soll. Meine Organisation Nesta hat GoodSam unterstützt, während wir keine Verbindungen zu Mobile Retter haben.

Valerie Mocker ist Vorkämpferin für eine Digitalisierung, von der alle profitieren. Die Oxford-Absolventin ist Direktorin bei Nesta, dem Fonds für soziale Innovationen.

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