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Valerie Mocker

Expertenrat – Valerie Mocker Digitale Mündigkeit – Warum Finnland für Deutschland ein Vorbild ist

In Finnland arbeitet eine Allianz daran, dass die Bevölkerung Künstliche Intelligenz (KI) versteht und mitgestaltet. Denn digitale Mündigkeit ist der Schlüssel für eine starke Wirtschaft.
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Die deutsche KI-Strategie konzentriert sich auf 100 neue KI-Professuren. Quelle: dpa
KI-Ausstellung im Heinz Nixdorf MuseumsForum

Die deutsche KI-Strategie konzentriert sich auf 100 neue KI-Professuren.

(Foto: dpa)

Ein lesendes Volk – das war für Menschen vor fast 200 Jahren unvorstellbar. Heute ist es selbstverständlich, dass Bürger lesen und schreiben können. Denn die Alphabetisierung der ganzen Gesellschaft ist der Grundstein für Teilhabe, Chancengleichheit und Wirtschaftswachstum.

Im digitalen Zeitalter stehen wir vor der Herausforderung einer neuen, einer digitalen Alphabetisierung. Digitale Mündigkeit – die auf einem Grundverständnis digitaler Technologien und Prinzipien aufbaut – wird der zukünftige Grundstein und Wettbewerbsvorteil erfolgreicher Länder sein.

Deshalb hat in Finnland eine Allianz aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik einen mutigen Pakt geschlossen und digitale Mündigkeit zur Priorität gemacht. Ein Ansatz, von dem wir lernen sollten.

Alles begann vor einem Jahr mit einem mutigen Experiment und einer klaren Vision. Im Mai 2018 stellte die Universität von Helsinki den „Elements of AI“-Kurs online. Sie verfolgte damit das Ziel, dass bis zum Ende des Jahres ein Prozent der finnischen Bevölkerung Künstliche Intelligenz (KI) versteht, hinterfragt und mitgestaltet. Das war der Start des „1% AI Challenge“-Paktes.

Jeder kann den Kurs, der kostenlos und auch auf Englisch verfügbar ist, ausprobieren. Technische Vorkenntnisse oder Programmierfähigkeiten sind dafür nicht erforderlich. Dieser Massen-Onlinekurs (MOOC) legt den Fokus auf KI ohne den sonst üblichen Hype.

Die Teilnehmer erfahren, was hinter KI steckt und wieso maschinelles Lernen und neuronale Netzwerke wichtig sind. Zudem thematisiert der Kurs mögliche Alltagsanwendungen – aber auch die Zukunft. Dabei werden wichtige Fragen gestellt, die in den Buzzword-Debatten oft nicht thematisiert werden: „Wofür wollen wir Künstliche Intelligenz eigentlich einsetzen?“, „Welche Version der Zukunft wollen wir bauen?“ – und „Wer profitiert davon?“.

Erwartungen übertroffen

Die Allianz übertraf ihr Ein-Prozent-Ziel des „1% AI Challenge“-Pakts um das Doppelte. Heute setzen sich in Finnland über 175.000 Menschen dank des „Elements of AI“-Kurses mit Künstlicher Intelligenz auseinander. Die Wirtschaft ist begeistert. Über 250 finnische Unternehmen haben bereits versprochen, ihre Mitarbeiter den 30-stündigen Kurs absolvieren zu lassen und das Zertifikat anzuerkennen, das man dabei erwerben kann.

Auch die finnische Politik setzt sich für den Pakt ein. So versprach der Wirtschaftsminister Mika Lintilä, den „Elements of AI“-Kurs für seine eigenen Mitarbeiter einzuführen. In einer Videonachricht forderte er außerdem seinen schwedischen Amtskollegen zu einem freundschaftlichen Wettbewerb der beiden Nationen auf.

„Schauen wir, wer Ende 2019 am meisten KI-für-Alle-Absolventen in der Bevölkerung und in der Regierung hat!“, sagt er in dem Clip. Die Schweden übersetzten daraufhin den Kurs ins Schwedische.

Der Fokus auf eine breite digitale Mündigkeit ist auch knallharte Wirtschaftsstrategie. Denn so soll Finnland zum weltweit führenden Wirtschaftsstandort für die praktische Anwendung von Künstlicher Intelligenz werden.

Die Finnen haben verstanden, dass digitale Mündigkeit Ängste abbaut, Offenheit schafft und zu einer schnelleren Verbreitung neuer Innovationen führt. Schon jetzt berichten Absolventen des „Elements of AI“-Kurses, wie sie neue digitale Lösungen auf ihrem Arbeitsplatz und Zuhause ausprobieren. Die Zukunft wird nicht denen gehören, die Digitalisierung als Elitenprojekt angehen, sondern denen, die Digitalisierung zum Gesellschaftsprojekt machen.

Aus der Vergangenheit wissen wir: Breite Alphabetisierung war der Schlüssel zu wirtschaftlichem Erfolg. Studien der OECD-Länder zum Zusammenhang von Alphabetisierung und Wirtschaftswachstum im Zeitraum von 1960 bis 1995 zeigen, dass Investitionen in Alphabetisierung und Bildung dreimal so wichtig für das Wirtschaftswachstum der Länder waren wie Investitionen in Kapital.

Inklusion spielte dabei eine entscheidende Rolle: Länder, die sich auf Alphabetisierung für so viele Menschen wie möglich konzentrierten konnten, steigerten ihre Wirtschaftskraft und die Lebensqualität ihrer Bevölkerung deutlich stärker als Staaten, die eine wissenschaftliche Elite priorisierten.

Digitalisierungsprojekte in Deutschland nur für ausgewählten Kreis

Zurück nach Deutschland: Hier ist die Digitalisierung zu häufig Elitenprojekt. Die großen Digitalisierungs-Vorzeigeprojekte dieser Legislaturperiode sind für wenige Menschen gemacht. Die deutsche KI-Strategie konzentriert sich auf 100 neue KI-Professuren anstatt auf die Befähigung vieler, Künstliche Intelligenz zu verstehen und zu gestalten.

Dabei müsste digitale Mündigkeit Priorität haben. Dafür müsste man in Deutschland auch ambitionierte Experimente wagen und neue Lösungsansätze selbst testen. Der Anstoß dafür könnte wie in Finnland von mutigen Machern aus Wirtschaft, Wissenschaft, und der Zivilgesellschaft kommen. Das Rad müssten die Deutschen dazu nicht neu erfinden.

Teemu Roos, der zu den Initiatoren des finnischen „1% AI Challenge“-Pakt zählt, denkt groß. Er möchte als nächstes nicht nur die gesamte finnische Bevölkerung erreichen, sondern ein Prozent der Weltbevölkerung. Das sind 75 Millionen Menschen. Drei Lehren aus seinen Erfahrungen will er anderen Staaten übermitteln:

  • Sie sollen einen offenen, nationalen Pakt starten, bei dem jeder mitmachen kann.
  • Die Länder sollen ambitioniert sein und sich das Ziel setzen, damit ein Prozent ihrer Bevölkerung zu erreichen. Nur so entsteht ein wirkliches Momentum, auf dem das Land aufbauen kann.
  • Die Staaten sollen vermeiden, aus dem Pakt eine Werbe- oder Geldmaschine für eine einzelne Organisation zu machen.

Mögliche Träger für eine deutsche Version gäbe es viele. In Deutschland gibt es bereits viele Organisationen, die mit der Verbreitung von Online-Kursen Erfahrung haben und über ein bestehendes Netzwerk aus Nutzern verfügen. Sie können dazu beitragen, dass auch in Deutschland ein Ein-Prozent-Pakt erreicht wird. Beispielsweise bieten Einrichtungen wie die TU München und die Internet-Bildungsplattform des Hasso-Plattner-Instituts bereits MOOCs zu verschiedenen Themenbereichen an.

Die Digitale Bewegung, eine von vielen Allianzen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, könnte einen ambitionierten deutschen Pakt vorantreiben. Wenn sich im kleinen Finnland 250 Firmen für einen Pakt starkmachen, werden sich unter Deutschlands 3,5 Millionen Unternehmen sicherlich mindestens genauso viele finden lassen.

Die Idee, dass jeder lesen und schreiben lernen könnte, schien einmal ein unmöglicher Anspruch zu sein. Der Anspruch wurde Wirklichkeit, als man ihn zur Priorität machte.

Heute müssen wir digitale Mündigkeit für die mehr als 82 Millionen Menschen in Deutschland priorisieren und ermöglichen. Digitale Mündigkeit führt dazu, dass jeder Digitalisierung mitgestalten kann, anstatt ihr ausgeliefert zu sein. Das ist der Schlüssel für einen starken Wirtschaftsstandort und eine Zukunft, die allen gehört und nicht nur wenigen.

Valerie Mocker ist Vorkämpferin für eine Digitalisierung, von der alle profitieren. Die Oxford-Absolventin ist Direktorin bei Nesta, dem Fonds für soziale Innovationen.

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