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Valerie Mocker

Expertenrat – Valerie Mocker So wird Digitalisierung zum Gesellschaftsprojekt

Finnland und Großbritannien mobilisieren das Innovationspotenzial ihrer gesamten Bevölkerung. Daran könnte sich Deutschland ein Beispiel nehmen.
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Kinder und Jugendliche werden oftmals gleichermaßen gefördert. Bei Erwachsenen sieht das anders aus, meint Valerie Mocker. Quelle: obs/Accor Hotellerie Deutschland GmbH
Jugendliche mit Tablets

Kinder und Jugendliche werden oftmals gleichermaßen gefördert. Bei Erwachsenen sieht das anders aus, meint Valerie Mocker.

(Foto: obs/Accor Hotellerie Deutschland GmbH)

Schockierend wenig Menschen in Deutschland bejahen die Frage, ob sie mitbestimmen können, wie Digitalisierung ihr Leben verändert: Laut dem „Technik-Radar“ des Zentrums für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung (Zirius) im Auftrag von Acatech und der Körber-Stiftung fühlen sich fast 90 Prozent der Deutschen der Digitalisierung ausgeliefert. So wird in Deutschland täglich unsägliches Potenzial verschwendet, das in den Köpfen von mehr als 82 Millionen Menschen schlummert.

In anderen Ländern gibt es dagegen Finanzierungsprogramme, auf die alle Bürger zugreifen können, um ihre Ideen für die Zukunft zu testen. In diesen Ländern wird Digitalisierung zum Gesellschaftsprojekt. Auch Deutschland bräuchte Geldgeber, die solche Projekte fördern.

Denn die Zukunft wird den Ländern gehören, die Digitalisierung nicht zum Eliten- sondern zum Gesellschaftsprojekt machen. Dafür braucht es zum einen eine breite digitale Mündigkeit in der Bevölkerung. Zum anderen müssen aber auch die Ressourcen – zum Beispiel die finanziellen Mittel – für viele zugänglich sein. Was sich für manche utopisch anhört, machen digitale Vorreiter in Europa möglich.

Finnland will bis 2025 der weltweit führende Standort für die Anwendung Künstlicher Intelligenz (KI) werden. Um weltweiter Spitzenreiter zu werden, mobilisiert die Regierung das Innovationspotenzial des ganzen Landes und gibt allen Bürgern die Chance, ihre eigene Zukunft mitzugestalten. Finnland hat ein entsprechendes Programm gestartet: Es ruft die Bürger dazu auf, Ideen einzureichen, wie KI die Alltagsprobleme der Menschen lösen kann.

Die Alltagsprobleme reichen von Engpässen in der Pflege über wachsende Alterseinsamkeit bis hin zu den Herausforderungen digitaler Weiterbildung. Jeder kann Ideen und Lösungsansätze einreichen: egal ob Privatpersonen, Vereine, Unternehmen, Bildungseinrichtungen oder Regierungsmitglieder.

Diejenigen mit den vielversprechendsten Vorschlägen erhalten in der ersten Runde zwischen 500 und 5000 Euro, um zu testen, ob und wie ihre Ideen funktionieren. Frei zugängliche Leitfäden, Onlinekurse und Mentoren unterstützen die Bewerber dabei, im Alltag mit den neuen Technologien zu experimentieren.

In Großbritannien gibt es ähnliche Projekte. Dort hat die Regierung die Innovationsstiftung Nesta gegründet, deren Entwicklungschefin ich bin. Die Stiftung verfügt über ein Kapital von knapp einer halben Milliarde Euro, mit der sie soziale Innovation sowie gemeinwohlorientierte Technik und Digitalisierung finanziert.

Jeder kann Ideen einreichen: So testen Städte bereits, wie sie mithilfe von Drohnen ihre Luftqualität managen und verbessern können. Ärzte entwickelten Ideen für eine Herzstillstand-App, die mittlerweile in ganz Großbritannien genutzt wird. Jugendliche zwischen 11 und 16 Jahren bekamen die Chance, ihre eigenen Visionen von Künstlicher Intelligenz auszuprobieren.

Jeder sollte Chancen zum Mitmachen bekommen

In anderen Ländern gibt es also Finanzierungsprogramme und Institutionen, die Digitalisierung in die Hände von vielen legen. Das bedeutet nicht, dass jeder mitmachen muss. Aber alle müssen die Chance bekommen, ihre eigene Zukunft mitzugestalten.

Dahinter steht auch eine Wirtschaftsstrategie: Indem viele Mitglieder einer Gesellschaft partizipieren, mitbestimmen und experimentieren, entfalten sich mehr Mut, Vertrauen, Offenheit und Lernbereitschaft innerhalb der Bevölkerung. Davon profitiert besonders die Wirtschaft, denn ihre digitalen Innovationen können so schneller skalieren.

Deutschland verfügt mit mehr als 82 Millionen Bürgern über mehr mögliche Innovationsquellen als Finnland und Großbritannien, deren Summe der beiden Einwohnerzahlen deutlich geringer ausfällt. Das Potenzial, das in der ganzen Gesellschaft schlummert, nicht voll auszunutzen, ist nicht nur verschwenderisch. Es ist extrem gefährlich für den Innovationsstandort Deutschland. Solange die Mehrheit der Bevölkerung das Gefühl hat, dass ihr Innovation vorgegeben wird, füllt sich – bildlich gesprochen – ein gesellschaftliches Pulverfass.

Momentan hat Deutschland keine durchschlagskräftigen, für das ganze Land zugänglichen Finanzierungsprogramme für gemeinwohlorientierte Digitalisierung. Des Öfteren bekommt man nur zu hören: „Wir müssen die Menschen mitnehmen.“ Regelmäßig ist die Phrase gut gemeint.

Deutschland muss allen Menschen im Land gezielt ermöglichen, die eigene Zukunft mitzugestalten. Ein eigenes Förderprogramm – nach dem Vorbild Finnlands oder Großbritanniens – würde Deutschland helfen, das Potenzial der Menschen in der Breite zu entfachen. Das Geld dafür könnte von Stiftungen, Unternehmen oder aus steuerfinanzierten Regierungsprogrammen kommen.

Im Folgenden drei Tipps, wie gemeinwohlorientierte Digitalisierung, die von allen mitgestaltet wird, gelingen kann.

  1. Vor dem Beginn eines Programms sollte man sich die Frage stellen, wofür man es startet. Probleme, die gelöst werden müssen, sollten also definiert werden. Bessere Bildung, Klimaschutz, weniger Alterseinsamkeit, mehr Chancengleichheit: Gesellschaftliche Herausforderungen gibt es viele. Digitalisierung schafft dann Gemeinwohl, wenn sie gesellschaftliche Probleme löst und spürbaren Mehrwert im Alltag schafft. Der Vorteil, beim Wofür anzufangen, liegt auch darin, dass so der Einfallsreichtum der Gesellschaft auf die Lösung klarer gemeinsamer Ziele konzentriert wird.
  2. Die Programme sollten für alle zugänglich sein. Zu oft verteilen die bestehenden Förderstrukturen Geld nicht an die vielversprechendsten Lösungen, sondern an Organisationstypen. Oftmals gibt es einen Topf für traditionelle Unternehmen, einen Topf für Start-ups, einen Topf für Unis und einen Topf für Wohlfahrt. Viele werden bei diesem Prinzip ausgeschlossen, weil sie in keine der Kategorien passen.
  3. Kein Arbeitskreis, kein Pdf-Papier und keine neue Kommission kann beantworten, wie digitale Lösungen im wirklichen Leben funktionieren werden. Die Wirklichkeit ist zu komplex. Deshalb ist der Schlüssel zu einer gemeinwohlorientierten Digitalisierung, systematisch Raum fürs Testen, Experimentieren und Evaluieren zu schaffen. Am besten so alltagsnah wie möglich. Geldgebern ist zu raten, dass sie viele kleine Experimente im ganzen Land fördern. So finden sie schnell heraus, welche digitalen Lösungsansätze im Alltag funktionieren. So können sie priorisieren und dabei helfen, Ideen intensiver zu testen.

Von unserer Bevölkerung werden mehr Mut, mehr Optimismus und mehr Offenheit für die Chancen der digitalen Transformation verlangt. Zuerst müssten aber unsere Visionen, Finanzierungsprogramme und die dahinter stehenden Entscheidungsträger selbst mutiger werden, Ressourcen für alle zu öffnen, optimistischer auf das Innovationspotenzial in allen Köpfen zu blicken und offener für Mitbestimmung werden. Sie sollten offen dafür werden, die Zukunft von allen gestalten zu lassen und Digitalisierung zum Gesellschaftsprojekt zu machen.

Valerie Mocker ist Vorkämpferin für eine Digitalisierung, von der alle profitieren. Die Oxford-Absolventin ist Direktorin bei Nesta, dem Fonds für soziale Innovationen.

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