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Valerie Mocker

Expertenrat – Valerie Mocker Wir brauchen eine Digital-Natives-Quote

Die Hälfte der Führungspositionen in Politik und Wirtschaft sollten unter 35-Jährige übernehmen. Nur so schafft Deutschland die Digitalisierung.
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Die Generation der Digital Natives besitzt viele Kompetenzen, darf aber noch nicht allzu viel entscheiden. Quelle: dpa
Jugendliche in München

Die Generation der Digital Natives besitzt viele Kompetenzen, darf aber noch nicht allzu viel entscheiden.

(Foto: dpa)

„Sie machen ja so tolle digitale Sachen, dass ich dachte: Vielleicht sollten wir junge Menschen unter 50 doch mal ranlassen“. Diese Aussage zu meinem Vortrag im Wirtschaftsministerium brachte mich zum Lachen und schockierte mich zugleich.

Denn es stimmt: Die Menschen unter 35 sind zwar als „Digital Natives“ bekannt, sie sind  Treiber vieler digitaler Innovationen und besitzen höhere digitale Kompetenzen als viele ihrer Vorgänger.

Trotzdem sind sie kaum vertreten unter Deutschlands Entscheidern. Dabei sind es die Entscheider, die einen Großteil der Ressourcen für den Bau unserer Zukunft kontrollieren. Für eine erfolgreiche digitale Transformation sollten Digital Natives deshalb die Hälfte der Führungspositionen in Politik und Wirtschaft übernehmen. Eine Digital-Natives-Quote wäre einer von drei Schritten, mit denen wir jetzt starten sollten.

Wir sind im digitalen Rückstand. Im Unterschied zu anderen Ländern hat Deutschland keine flächendeckende digitale Bildung und verschläft es, unsere Kinder zu mündigen Bürgern in einer immer digitalen werdenden Welt zu machen.

Uns fehlt gezielte Unterstützung für gemeinwohlorientierte digitale Lösungen und soziale Innovationen – wie die Herzinfarkt-Apps, über die ich geschrieben habe.

Während Bürgerinnen und Bürger anderer Länder einen Pass oder auch eine Pflegekraft schnell, nutzerfreundlich und digital bekommen können, kommt E-Government – also die digitale Verwaltung – hierzulande nicht aus den Kinderschuhen.

Doch neue Strategien und Eckpunktepapiere bewirken wenig, wenn weiterhin die Leute in Entscheidungspositionen sitzen, die mit Digitalisierung wenig anfangen können. Ein großer Durchbruch braucht eine große Veränderung in den Führungsriegen unseres Landes.

Digital Natives fehlen unter den Entscheidern

 Der D21-Digital-Index, ein jährliches Lagebild zum Digitalisierungsgrad der Gesellschaft in Deutschland zeigt, dass bei den 20- bis 29-Jährigen die digitalen Fähigkeiten am stärksten ausgeprägt sind und diese Generation am aufgeschlossensten ist gegenüber neuen Technologien wie dem Internet oder Künstlicher Intelligenz.

Außerdem zeigen Studien, dass Führungskräfte zwischen 25 und 35 Jahren besser als ältere Generationen abschneiden, wenn es um Führungsqualitäten für das Gestalten von Wandel geht. Zu den Stärken der Digital-Natives-Führungskräfte zählen besonders Offenheit für Umbrüche und die Aufgeschlossenheit für neue, innovative Methoden und flexibles Arbeiten. Außerdem zeigten sich junge Führungskräfte besser darin, andere in ihrem Umfeld für Veränderung zu inspirieren.

Unsere Gesellschaft navigiert gerade durch eine der schnellsten und tiefgreifendsten Transformationen. Da die Gestaltung der Digitalisierung vor allem eine Frage von Führungskultur ist, brauchen wir die Fähigkeiten der Digital Natives in den Führungsriegen des Landes.

Doch dort ist diese Generation kaum bis gar nicht vertreten. Nur 5,6 Prozent der Abgeordneten des jetzigen Bundestages sind unter 35. Unter den Ministern der Bundesregierung sind es null Prozent. In der Wirtschaft sieht es nicht anders aus. 54 Jahre ist das Durchschnittsalter der Vorstände deutscher Dax-Unternehmen.

An Talenten unter 35 mit Kompetenz, starken Visionen und innovativen Ideen fehlt es Deutschland zum Glück nicht. Es ist allerdings erschreckend, wie oft ich dort, wo über Milliardenausgaben für Digitalisierung entschieden wird, höre, dass diese „jungen Raketen“ mal „ein paar Gänge runterschalten“ sollten.

Die jetzige Riege sei noch zehn Jahre an der Macht. Die nächste dann die darauffolgenden zehn Jahre. „In zwanzig Jahren können die Digital Natives dann ja richtig mitmischen.“ In zwanzig Jahren? Dann gute Nacht Deutschland! Genau diese Einstellung ist einer der Gründe für unser langsames Tempo in Sachen Digitalisierung.

Heute gibt es schon viele Lösungsansätze, mit denen Deutschland seinen digitalen Rückstand aufholen könnte und die Vorteile der Digitalisierung in den Alltag vieler und nicht nur weniger brächte. Doch viele neue Ideen werden täglich ignoriert und als „nicht möglich“ abgeschmettert. „Nicht möglich“ bedeutet dabei in Wirklichkeit: „Das war aber nicht meine Idee“, „Die Veränderung wäre zu unbequem“, „Wir haben andere Prioritäten“, „Dann verlieren wir Macht“ oder „Damit würde ich die Falschen gegen mich aufbringen“.

Drei Ansätze für mehr Digital Natives in den Führungsetagen

Um die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern, müssen wir die Entscheidungsräume in Politik und Wirtschaft für eine neue Generation mit neuen Kompetenzen und Ideen aufbrechen. Nicht nur, weil die Jungen ihre Zukunft mitgestalten können sollten.

Sondern, weil unzählige Studien zeigen, dass Teams gemischten Alters, Geschlechts und verschiedener Herkunft bessere Entscheidungen treffen. Von alleine werden die Führungsriegen sich aber nicht öffnen und verändern. Mit diesen drei Ansätzen schon:

  • Digital-Natives-Quote: Quoten sind kein unproblematischer Weg, denn in einer perfekten Welt sollten Leistung und Potenzial über den Erfolg entscheiden. Unsere Welt ist aber nicht perfekt. Unsere Führungsriegen sind homogen, weil historisch und kulturell gewachsene Strukturen Chancengleichheit verhindern. Viele, die heute von dem Status quo profitieren, verteidigen die bestehenden Strukturen und blockieren Veränderung. Deshalb wäre eine verbindliche Digital-Natives-Quote ein wichtiger Schritt. Diese sollte vorübergehend eingeführt werden, um ihre Wirkung zu messen und dementsprechend anzupassen. Solche Forderungen haben bereits andere wie die Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen gestellt, um gegen die Unterrepräsentierung junger Menschen in Entscheidungsgremien anzugehen. Unter 35-Jährige stellen 2020, also schon im kommenden Jahr, knapp die Hälfte der Arbeitskräfte. Sie sollten auch die Hälfte der Führungspositionen in Politik und Wirtschaft besetzen.

  • Jobsharing: Dieses Modell ist im Kommen. Hier teilen sich zwei Führungskräfte eine Position. So haben Firmen wie SAP seit vergangenem Monat alle neuen Stellen auf Doppelbesetzung umgestellt und nutzen dazu digitale Jobsharing-Plattformen wie die des Berliner Start-ups Tandemploy. Jobsharing birgt auch das Potenzial, Führungskräfte verschiedener Generationen eng zusammenzubringen und deren Stärken zu vereinen. Veränderung muss in der Besetzung der Top-Positionen ansetzen. Unverbindliche „Beiräte mit jungen Leuten“ können zu einfach ignoriert werden.

  • Anonymisierte Bewerbungen: Menschen neigen dazu, Personen einzustellen, die ihnen selbst ähneln. Das verhärtet bestehende Führungsstrukturen und erhöht die Barrieren für momentan unterrepräsentierte Gruppen. Unsere heutigen Bewerbungsprozesse müssen sich ändern, damit diese strukturellen Barrieren sinken und Menschen wirklich aufgrund von Potenzial und Talent in Führungspositionen gelangen können. Dafür nutzen und finanzieren wir bei Nesta zum Beispiel Instrumente wie BeApplied. Dieses digitale Bewerbungssystem macht Name, Alter, Geschlecht und Abschlussjahr anfangs unkenntlich, damit Vorurteile weniger Einfluss darauf haben, wen wir zum Bewerbungsgespräch einladen.

Diese drei Ansätze sind erste Startpunkte, um diversere Führungsgruppen zu bilden. Es geht nicht darum, alle Alten gegen Junge auszutauschen. In jeder Generation gibt es innovative Weltveränderer und Status-quo-Bewahrer, Faule und Fleißige sowie Beispiele für Erfolge und Fehlentscheidungen.

Doch heute haben Digital Natives trotz Potenzial, Talent, Mut, neuen Ideen und wichtigen Kompetenzen für die Gestaltung des digitalen Wandels zu wenig Chancen, die Zukunft mitzugestalten. Sie sollen sich – besonders in der Politik – hinten anstellen, weil ihre Vorgänger selbst Jahrzehnte auf ihre Positionen gewartet haben. Darunter leidet das ganze Land. So verschlafen wir die Chancen der Digitalisierung und verschärfen die Risiken.

Die Zeit für „junge Raketen“ ist: jetzt!

Digitalisierung ist keine Naturgewalt, aber sie ist ein mächtiges Instrument. Wie wir dieses Instrument einsetzen, entscheidet darüber, in welcher Gesellschaft wir leben werden. Wir brauchen Führungspersönlichkeiten und Entscheider, die Digitalisierung verstehen, beherrschen und durch den Wandel führen können. Dafür brauchen wir auch den Blick, frische Ideen und wichtige Führungskompetenzen der unter 35-Jährigen.

Genau jetzt. Nicht erst in zwanzig Jahren. Denn unsere Zukunft wird heute gebaut. In zwanzig Jahren müssen die heutigen Digital Natives dann selbst Raum machen und eine neue Generation, mit neuen Ideen und Kompetenzen hochheben anstatt sie klein zu halten.

Zum Glück gibt es schon heute einige Führungskräfte älterer Generationen in Politik und Wirtschaft, die vormachen, wie das geht. Sie reichen den „jungen Raketen“ die Hand, weil sie verstehen, dass Erfolg aus Vielfalt entsteht. Und sie geben den Jungen Tipps wie diesen: „Das ist eure Zukunft. Seid hier. Seid laut. Seid maximal hartnäckig. Sonst ändert sich nichts.“

Valerie Mocker ist Vorkämpferin für eine Digitalisierung, von der alle profitieren. Die Oxford-Absolventin ist Direktorin bei Nesta, dem Fonds für soziale Innovationen.

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1 Kommentar zu "Expertenrat – Valerie Mocker: Wir brauchen eine Digital-Natives-Quote"

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  • Quoten haben einen entscheidenden Nachteil: Jemand bekommt eine Rolle/Job/etc nicht weil er/sie am besten dafuer geeignet ist sondern weil er/sie irgendenein anderes Kriterium erfuellt. Das kann das Geschlecht sein oder, wie eben hier vorgeschlagen, das Alter.

    Schade eigentlich. Ich bin zwar keine 35 mehr, aber ich arbeite in der IT Branche und gestalte Wandel mit. Unser Unternehmen gehoert zu den am schnellsten wachsenden Unternehmensberatungen. Zum Glueck gibt es noch keine Quote, die die Anzahl der unter-35 -jaehrigen vorschreibt. Sonst haetten wir die allermeistn unserer Mitarbeiter nicht einstellen duerfen.

    Also, ganz so einfach ist es deshalb aus meiner Sicht nicht. Ich anerkenne jedoch die Motive hinter der Forderung. Es gibt leider immer noch zu viele, fuer die digitale Neuerungen immer noch "Neuland" sind.