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Valerie Mocker

Expertenrat – Valerie Mocker Wir müssen mehr über den Sinn und Zweck der Digitalisierung reden

Wir sollten aufhören, über Smart Citys, Blockchain und KI zu reden – und die entscheidende Frage stellen: Wofür wollen wir die Digitalisierung eigentlich nutzen?
1 Kommentar
Gemeinsam in die Zukunft. Quelle: dpa
Mensch und Roboter

Gemeinsam in die Zukunft.

(Foto: dpa)

Haben Sie eine Betonstrategie? Nicht? Beton ist doch in unserem Alltag allgegenwärtig und ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor. Wahrscheinlich haben Sie keine Betonstrategie. Denn Beton behandeln wir als Mittel zum Zweck, um unsere Lebensräume zu gestalten. Wir fragen zuerst nach dem Wofür und setzen ihn oder andere Stoffe ein, um unsere Welt zu gestalten.  

Eine Rückbesinnung auf das Wofür bräuchten wir auch dringend, wenn es um die Digitalisierung geht. Denn momentan sind die politischen und medialen Debatten durchzogen von Strategien, Artikeln und Konferenzen zu E-Government, Smart Citys, Blockchain, Algorithmen und „Schlüsseltechnologien“ wie Künstliche Intelligenz. „KI made in Germany“ ist das Ziel im Untertitel der neuen deutschen KI-Strategie.

Dass große Teile der Bevölkerung diesem mysteriösen Buzzword-Dschungel skeptisch gegenüberstehen, ist eigentlich wenig verwunderlich. Dabei wird der Erfolg der Digitalisierung, des entscheidenden Wirtschaftsfaktors der Zukunft, von der gesamtgesellschaftlichen Unterstützung abhängen – so formulierten es sogar kürzlich die Unternehmerinnen und Unternehmer im Beirat Junge Digitale Wirtschaft des Bundeswirtschaftsministeriums.

Das heißt aber auch: Die Zukunft muss allen gehören. Die Digitalisierung muss allen nützen und nicht nur einer kleinen Gruppe.

Wie kann die Digitalisierung statt eines Elitenprojekts ein Gesellschaftsprojekt werden? Es reicht nicht, nach mehr Mut und Optimismus zu rufen. Wir brauchen Führungskräfte in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die sich nicht hinter Schlagwörtern verstecken, sondern beim Wofür beginnen; die die Ziele der digitalen Transformation offen und konstruktiv hinterfragen; die erklären können, warum sich die Anstrengung des Wandels lohnt.

Menschen reißt kein Eckpunktepapier mit. Aber die Vision von einer besseren Zukunft.

Mit dieser Frage müssten wir also besonders politisch starten: Digitalisierung – wofür eigentlich? Was für ein Land wollen wir werden? Das Etikett „KI made in Germany“ beantwortet diese Fragen nicht. Es macht das Instrument zum Ziel, Technologie im schlimmsten Fall zum Selbstzweck und verschleiert die allerwichtigste Frage: Wem nützt die Digitalisierung?

Die Digitalisierung sorgt nicht automatisch für Wohlstand, da sie nie entkoppelt ist von unseren bestehenden sozialen, politischen und wirtschaftlichen (Macht-)Strukturen. Der direkteste Weg, damit alle von der Digitalisierung profitieren, wäre eine Rückbesinnung auf die Frage nach dem Sinn und Zweck. Antworten darauf könnten wie folgt lauten: Beste Bildung für alle, Zeit für Familie und Freunde, aktiv und selbstbestimmt altern – und das alles made in Germany, versteht sich.

Um diese Ziele zu erreichen, brauchen wir neue politische Ansätze. Länder wie Kanada, Großbritannien oder die Niederlande machen vor, wie man Staatsmittel gezielt einsetzen kann, um mit der Digitalisierung den Alltag ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger zu verbessern.

Diese Länder finanzieren Projekte immer stärker durch einen „challenge-driven“ oder auch „mission-driven“ Ansatz. Dabei geht man von den Lebensrealitäten der Menschen aus und definiert eine Reihe wichtiger gesellschaftlicher Herausforderungen: Demografischer Wandel, Pflege, Qualität der Arbeit, Nachhaltigkeit, Umweltschutz und so weiter. Steuergeld wird dann eingesetzt, um einen Anreiz für Innovatoren zu schaffen, die gesetzten Herausforderungen mithilfe der Digitalisierung zu lösen.

„Lebensqualität first. Technologie second“ als politisches Leitbild könnte sogar Kernstück einer europäischen Digitalisierung werden. Das Ziel: Weltspitze darin sein, Digitalisierung zu einem Instrument zu machen, mit dem wir die großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit lösen. Carlos Moedas, EU-Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation, erwägt bereits, milliardenschwere Innovationsförderung zukünftig entlang wichtiger gesellschaftlicher Herausforderungen auszugeben.

Die Zukunft kann allen gehören oder wenigen. Eines ist sie nie: alternativlos. Das gleiche gilt für die Digitalisierung. Sie ist nicht per se gut oder schlecht. Sondern das, was wir daraus machen. Das Drängen auf die Wofür-Frage zwingt uns dazu, die Richtung zu debattieren und zu wählen:

Soll die Digitalisierung ein Instrument sein, mit dem wir Kontrolle, Fremdbestimmung und Vorteile für wenige befördern? So wird das Wort „Digitalisierung“ für viele zu einem Synonym für Ohnmacht. Oder wollen wir die Digitalisierung einsetzen, um Selbstbestimmung, Freiheit, Chancen für alle und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken?

Über diese mögliche „Wohlstand für alle“-Zukunft schreibe ich in meiner Kolumne. Darüber wie Europa, Deutschland und auch Sie daran bauen können. Wie Innovatorinnen und Innovatoren überall in der Gesellschaft, in Unternehmen, Zivilgesellschaft und in Regierungen bereits faszinierende digitale Lösungen entwickeln, die Ihren Alltag spürbar verbessern. Über Beispiele aus der ganzen Welt, die uns Mut machen und praktisch zeigen, wie auch wir Technologie partizipativer entwickeln können, damit nicht nur einige wenige sondern viele das Morgen gestalten können.

In einer Welt, in der Digitalisierung nicht Ohnmacht bedeutet, sondern Befähigung.

Valerie Mocker ist Vorkämpferin für eine Digitalisierung, von der alle profitieren. Die Oxford-Absolventin ist Direktorin bei Nesta, dem Fonds für soziale Innovationen.

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1 Kommentar zu "Expertenrat – Valerie Mocker: Wir müssen mehr über den Sinn und Zweck der Digitalisierung reden"

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  • Sehr geehrte Frau Mocker,

    Gratulation zu ihrem Artikel. genau so ist es: es müssen erst die gesellschaftlichen Fragen
    gestellt oder geklärt werden und dann erfolgt deren technische Umsetzung.
    KI per se ist nichts Wert. Umweltpolitik ohne Konzept und Vernetzung und Technologie Offenheit verlagert nur die Probleme von z.b. CO2 Ersparnis auf Rohstoffraubrittertum und
    deren Umweltschäden. es gibt keine Technologie ohne Schatten, es muss eine nüchterne
    Abwägung stattfinden, auch im Rahmen Soziologischer Fragen

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