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Die Kolumnen von Katharina Nocun

Expertenrat – Katharina Nocun #MeTwo – über den Unterschied zwischen Integration und Assimilation

In der aktuellen Rassismusdebatte wird vor allem klar: Wer als Migrant nicht ausländisch aussieht und seine Kultur nicht auslebt, hat es leichter.
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Wer Menschen rät, sich als Schutz vor Diskriminierung unsichtbar zu machen, stellt seinem Land ein Armutszeugnis aus. Quelle: dpa
Integration

Wer Menschen rät, sich als Schutz vor Diskriminierung unsichtbar zu machen, stellt seinem Land ein Armutszeugnis aus.

(Foto: dpa)

Nicht erst seit den Fotos von Mesut Özil diskutierte Deutschland über Integration. Erstaunlich ist, dass eine der größten Migrantengruppen dabei quasi überhaupt nicht vorkommt.

Rund zwei Millionen Menschen haben hierzulande einen polnischen Migrationshintergrund. „Unser Poldi“ ist im polnischen Gliwice auf die Welt gekommen. Niemand störte sich daran, wenn er auf dem Platz mit Miroslav Klose Polnisch sprach.

Özil wurde in Deutschland geboren. Trotzdem meint die Bild-Zeitung, seine Integration infrage stellen zu müssen. Warum eigentlich? 

Während die doppelte Staatsbürgerschaft im Kontext Türkei Dauerbrenner jedes Wahlkampfs ist, sind es tatsächlich wir Polen, die Spitzenreiter bei der Beantragung des Doppelpasses sind. Trotzdem würde es selbst ein CSU-Heimatminister nicht wagen, dieses Fass aufzumachen.

Denn in den Augen vieler Deutscher sind wir Spätaussiedler der 90er-Jahre längst keine „richtigen Ausländer“ mehr. Als Pole ist man heutzutage quasi Premium-Migrant. In der Hackordnung stehen jetzt andere ganz unten. Doch das war nicht immer so. 

Die riesige polnische Community tut hierzulande heute scheinbar alles, um sich unsichtbar zu machen. In Berlin-Kreuzberg finde ich an jeder Ecke einen türkischen Supermarkt. Um Gołąbki und Żurek zu kaufen, muss ich hingegen auch in der Großstadt kilometerweit fahren. Es ist in Berlin einfacher, ein nepalesisches Restaurant zu finden als ein polnisches. Dabei sagt die Statistik, dass mein Viertel voller Menschen mit polnischen Wurzeln sein müsste.

Bei interkulturellen Stadtfesten habe ich einen kurdischen Volkstanz gelernt. Wie man in Schlesien traditionell das Bein schwingt, könnte ich nicht sagen, obwohl ich dort herkomme. Mir machen die vielen Multikulti-Viertel der Hauptstadt nicht Angst, vielmehr steigt Neid in mir auf. Mich beschleicht das Gefühl, dass mir bei meiner Integration etwas abhanden gekommen ist, was heute schmerzlich fehlt: Ein Stück meiner Identität. 

Ich kann nur vermuten, wie es so weit kam. Britische Mütter, die im Aldi lautstark auf Englisch mit ihren Kindern über Süßigkeiten diskutieren, ernten zärtliche und bewundernde Blicke. Zweisprachig aufwachsen – der feuchte Traum jedes Bildungsbürgers.

Ich bin als Kind regelmäßig vor Scham im Boden versunken, wenn meine Mutter mir polnisch etwas hinterherrief. Und zwar vor allem deshalb, weil mir die abfälligen Blicke der Umstehenden schon früh zu verstehen gaben, dass zwischen Englisch oder Französisch und Polnisch doch Welten liegen. Was viele heute als Siegeszug der Integration loben, war in Wahrheit auch ein Stück weit selbst gewählte Assimilation. Und dafür gab es Gründe. 

„Polacke“ war ein Schimpfwort

Es waren andere Zeiten, damals. Das vergisst man schnell. Mehr als eine Million Menschen sind nach der Wende über die Grenze geströmt. Viele davon Spätaussiedler, die zwar Anspruch auf die Staatsbürgerschaft hatten, aber nur selten Deutsch sprachen.

1991 titelte der Spiegel „Ansturm der Armen – Flüchtlinge, Aussiedler, Asylanten“. Das Cover zeigte ein in Deutschland-Flagge gehülltes Schiff, welches anscheinend „voll“ ist.

Mit einem Wahlergebnis von 7,5 Prozent machte es sich in diesen Jahren eine rechtsextreme Partei im Berliner Abgeordnetenhaus bequem. In Mölln und Rostock-Lichtenhagen wurden Häuser in Brand gesteckt, in denen Migranten wohnten. Auch wir lebten in einem dieser Sozialbauten mit 100 Prozent Ausländeranteil, die als Schandfleck galten. „Polacke“ war ein Schimpfwort. 

Dass das Thema Migration damals ganze Talk-Sendungen füllte, bekam ich als Kind nicht mit. Nicht wenige hielten in diesen Tagen Familien wie die meine für die Wurzel allen Übels. Wir sprachen kein Wort Deutsch. Wir waren arm. Man sah uns das Fremdsein an. So gut wie alle unsere Möbel kamen vom Sperrmüll. Wir waren diejenigen, die den anderen die Arbeitsplätze wegnahmen, die klauten und deren Essen komisch riecht. Wohlstandsflüchtlinge.

Meine Mutter wurde bei einer Arbeitsstelle von einem Kollegen in der IT gefragt, ob sie eben noch den Mülleimer ausleeren könnte, weil er sie für die Putzfrau hielt. Mein Lehrer fragte mich einmal, woran es denn eigentlich liegen würde, dass die „Polenkinder“ so gut in der Schule wären. „Ich weiß nicht“, antwortete ich. Dass viele von uns früh begriffen, dass an Migranten andere Maßstäbe angelegt werden als an Deutsche, sagte ich nicht. 

Die Blütezeit der Polenwitze

Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir, heißt es so schön. Gelernt habe ich etwa, dass in den 90ern und 2000ern eine ganz bestimmte Sorte von Witzen die Stimmung auflockerte: der Polenwitz. „Polnischer Triathlon: Zu Fuß ins Schwimmbad, ab ins Wasser, mit dem Fahrrad nach Hause.“ Oder der hier: „In Polen gibt es jetzt auch Viagra. Viele Polen nehmen es gar nicht selbst, weil – sie haben in der Hose keinen Platz für noch ’ne zweite Brechstange.“

Harald Schmidt hat mit Wonne über Zoten wie diese gelacht. Ich habe es auch getan. Zum Lachen war mir aber ganz und gar nicht, wenn in der Schule gescherzt wurde: „Geld verloren? Frag doch mal die Polin.“ 

Oft werde ich gefragt, warum meine Eltern meinen Vornamen bei der Einbürgerung eingedeutscht haben. Katarzyna klingt irgendwie exotischer und vielleicht auch schöner. Viele Polen änderten auch den Nachnamen bei der Einbürgerung.

Heute, da ich alt genug bin, um selbst Mutter zu sein, verstehe ich es. Eine Recherche zweier großer deutschen Medien zeigte, dass ein polnisch klingender Name die Chancen bei der Wohnungssuche auch heute noch um rund 12 Prozent schmälert. Wer „Majcrzak“ freiwillig zu „Mayer“ macht, bleibt auch von Polenwitzen am Arbeitsplatz verschont. Assimilation bedeutet vor allem eines: weniger Probleme. 

Je älter ich wurde, desto mehr wusste ich es zu schätzen, als Migrant unsichtbar zu sein. Wer heute bei Google „Slawenfeindlichkeit“ eingibt, wird vom Algorithmus gefragt, ob nicht „Islamfeindlichkeit“ gemeint sei.

Für Freunde mit arabischem Migrationshintergrund, die im Gegensatz zu mir in Deutschland geboren wurden, ist Diskriminierung Alltag. Studien belegen, dass Kinder mit türkischen Namen schlechtere Noten bei gleicher Leistung bekommen. „Meryem Öztürk“ wird seltener zum Vorstellungsgespräch eingeladen als eine „Sandra Bauer“ – auch wenn beide identische Unterlagen schickten. Bei der Wohnungssuche haben sie um 26 Prozent schlechtere Karten. Zu meiner Schulzeit nannten Kinder andere Kinder „Terrorist“. 

Mir wird nicht am helllichten Tag auf offener Straße „Scheißtürke“ hinterhergerufen. Denn meine Fremdheit sehe nur ich. Ich kann Deutsch sein, wenn ich will. Und zwar so richtig, mit allem, was dazugehört.

Viele meiner Freunde gehen hingegen fest davon aus, dass auch ihre Kinder noch als Migranten behandelt werden. Die Bewegung #MeTwo gibt ihnen eine Stimme. Sie mussten von klein auf die Erfahrung machen, dass „Frankfurt“ für viele Deutsche keine akzeptable Antwort auf die Frage „Woher kommst du?“ ist.

Integration ist eine Sache – Assimilation eine andere

Das mag zwar auf einige wie eine reine Befindlichkeit wirken – „War doch nicht so gemeint.“ Wer aber mit solchen Dialogen aufwächst, lernt: „Also so richtig gehörst du eben nicht dazu.“

Wer Menschen mit anderer Hautfarbe, deren Geburtsort Frankfurt-Niederursel lautet, beständig für ihr gutes Deutsch lobt, konstruiert beständig Fremdheit, wo eigentlich keine sein sollte. Natürlich tut das weh. Die Bild-Zeitung hatte nie Hemmungen, „unser Poldi“ zu schreiben, während Özil konsequent Migrant blieb. Natürlich ist das Rassismus. 

„Ihr müsst nur aufhören, eure Kinder jüdisch zu erziehen. In 2 Generationen ist das Problem gelöst“ – auch das liest man unter #MeTwo auf Twitter. Aber „Ratschläge“ wie diese werden immer Teil des Problems sein. Wer Menschen rät, sich als Schutz vor Diskriminierung unsichtbar zu machen, stellt seinem Land ein Armutszeugnis aus.

Integration ist eine Sache. Assimilation eine andere. Dass es unmenschlich ist, von einem Menschen zu verlangen, seine Herkunft zu verleugnen, müsste eigentlich sogar dem CSU-Heimatministerium bekannt sein.

Außenminister Heiko Maas fürchtet einen Imageschaden für Deutschland durch die derzeit tobende Rassismusdebatte. Mit Verlaub: Das ist unser kleinstes Problem. Teil der Lösung ist, dass die Generation der Kinder nun endlich dort laut ist, wo unsere Eltern noch aus Scham geschwiegen haben.

Nicht jeder kann sich unsichtbar machen. Ich für meinen Teil will es heute auch nicht mehr.

Katharina Nocun ist Ökonomin, Bloggerin und Bürgerrechtlerin und schreibt über Politik im digitalen Zeitalter. Ihre Beiträge veröffentlicht sie auf kattascha.de. Ihr Buch „Die Daten, die ich rief“ erschien 2018 im Lübbe Verlag.

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