Die Kolumnen von Katharina Nocun
Daten

Bereits ohne ein Eigentumsrecht an personenbezogenen Informationen ist der Datenhandel heute schon ein florierendes Geschäft.

(Foto: Moment/Getty Images)

Expertenrat – Katharina Nocun Personenbezogene Daten dürfen keine Ware werden

Datenhandel ist bereits heute ein florierendes Geschäft. Ein Eigentumsrecht an personenbezogenen Daten wäre ein Desaster.
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Darüber sind sich weite Teile der Gesellschaft einig: Es wäre keine gute Idee, Menschen zu erlauben, ihre Organe auf dem freien Markt zu veräußern. Bei der informationellen Unversehrtheit sieht man das nicht so eng.

Wem der Überwachungskapitalismus heutiger Prägung nicht genügt, fordert, dass die Besitzrechte an unseren personenbezogenen Daten – zum Beispiel Informationen über unsere psychische und körperliche Gesundheit und sexuelle Vorlieben – auf dem freien Markt gehandelt werden dürfen sollten wie herkömmliche Waren und Dienstleistungen. Gerne werden dabei die angeblichen Interessen der Nutzer vorgeschoben.

Zuletzt beklagte Bundeskanzlerin Angela Merkel etwa auf dem Global Solutions Summit, dass ausgerechnet die Nutzer selbst kaum vom neuen Datenreichtum profitieren würden. Geld verdienen mit unseren personenbezogenen Daten immer die anderen. Als Alexander Dobrindt (CSU) in den vergangenen Jahren als Bundesminister für digitale Infrastruktur eine Neuregelung der Besitzverhältnisse im digitalen Raum forderte, stieß er bei Verbraucherschützern auf Abwehr. Und das aus gutem Grund.

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Nach Dobrindts Strategiepapier sollten personenbezogene Daten veräußerbar sein. Wären personenbezogene Daten eine Ware wie jede andere, würde das nicht weniger als einen Paradigmenwechsel einläuten. Statt grenzwertige Monetarisierungsstrategien mühsam mit juristischen Konstrukten rund um Zweckbindung und Einwilligung rechtlich absichern zu müssen, wären plötzlich ganz andere Deals möglich.

Datenhandel ist bereits heute ein blühendes Geschäft. Als saubere Kapitalanlage taugen personenbezogene Daten jedoch nur bedingt. Wer einen Datensatz erwirbt, muss jederzeit damit rechnen, dass Betroffene rückwirkend Auskunft anfordern und anschließend ein Veto einlegen.

Dieser Grundsatz der informationellen Selbstbestimmung dient auch dem Schutz vor windigen Geschäftsmodellen. Wenn Anbieter plötzlich ihr Geschäftsmodell ändern, bei der Sicherheit versagen oder gar den Besitzer wechseln, macht ein groß angelegter Datenrückruf sehr viel Sinn.

Langfristige Risiken einzukalkulieren gehört zudem nicht unbedingt zu den Stärken des Menschen. Wäre Organhandel erlaubt, hätte womöglich so Mancher bereits eine Niere verkauft. Das gilt nicht nur für die Gruppe derjenigen, die knapp bei Kasse ist.

Wer jung und gesund ist, denkt nicht selten, er sei unsterblich. Wären personenbezogene Daten ein ganz normales Gut, die meisten meiner Kommilitonen hätten vor zehn Jahren ohne zu zögern für ein paar Bier oder eine Konzertkarte die Rechte an ihrem Social-Media-Datenmüll verkauft. Zehn Jahre später nutzt Cambridge Analytica derartige Datensätze, um basierend auf komplexen psychologischen Modellen politische Manipulation als Dienstleistung zu verkaufen.

Wer fordert, dass Menschen unwiederbringlich das Eigentum an ihren personenbezogenen Daten abtreten können sollten, setzt nicht nur einen starken Anreiz für eine noch größere, noch detailliertere Vermessung des Users. Umfassendes Dateneigentum würde eine Plattform für eine besonders aggressive Form des Datenkapitalismus schaffen.

Nutzer beliebter Dienste würden dann buchstäblich genötigt werden mit der endgültigen Abtretung von Hoheitsrechten ihres Datenkörpers zu zahlen. Alternativ bietet sich auch direkte finanzielle Kompensation für „freiwillige“ informationelle Fremdbestimmung an. Der Markt dafür wäre gewaltig. Selbst wer nichts hat, hat schließlich immer noch seine Daten. Der neue Datenreichtum würde dank neuer Besitzrechte umso ungleicher verteilt sein.

Datenmüll könnte eingelagert werden

Derart erkaufte Informationen ließen sich nicht nur an den Höchstbietenden verkaufen. Datenmüll, der heute wertlos erscheint, könnte in der Hoffnung auf zukünftigen technischen Fortschritt und dadurch entstehende Monetarisierungschancen eingelagert werden. Vielleicht lässt sich in wenigen Jahren aus Pupillenbewegungen von E-Book-Besitzern eine Veranlagung für Demenz ablesen. Unwahrscheinlich wäre es nicht.

Alternativ könnten besonders windige Datenkapitalisten auch einfach warten, bis der Datenurheber in späteren Jahren den Verkauf bereut und den Datenschatten seiner Jugendsünden – selbstredend zu einem viel höheren Preis – wieder zurückkaufen will. Auch hier winken große Gewinnmargen.

Wenn ein Mensch sich dazu entschließen könnte, Daten über sein Verhalten an ein Privatunternehmen zu veräußern, muss das nicht zwingend mehr Datensouveränität für den Einzelnen bedeuten. Bei vielen Datenkategorien lässt sich gar nicht so klar sagen, wem sie „gehören“.

Wenn ich meinen genetischen Code ins Netz stelle, betrifft das nicht nur mich, sondern auch meine Eltern, Geschwister und Kinder. Einige für die Wirtschaft besonders attraktive Datensammlungen betreffen Kommunikationspartner oder gar gänzlich unbeteiligte Dritte.

Wenn sich ein Mensch dazu entschließt, die bei der Handynutzung anfallenden Standortdaten zu verkaufen, verändert dies zudem die Aussagekraft weiterer Datensätze. Ein Abgleich mit Bewegungsdaten weiterer Kunden macht aus einem harmlosen Bewegungsprofil womöglich eine umfassendere Sozialstudie, die enthüllt, wer mit wem Zeit verbringt.

Wer einem Unternehmen auf Basis einer durch und durch informierten Entscheidung endgültig seine Daten anvertrauen will, müsste zusätzlich auch alle denkbaren Verkettungen der Zukunft mitdenken. Mögliche Änderungen in Politik und Wirtschaft inbegriffen. Das ist absolut unrealistisch.

Ein neues Eigentumsrecht würde nicht nur den Anreiz erhöhen, unseren Datenschatten möglichst umfassend zu erfassen und auszuwerten. Auch das Verhalten der Nutzer würde sich durch die neuen Rahmenbedingungen ändern. Wenn Menschen Angst davor haben müssen, infolge eines einzigen unbedachten Deals für den Rest ihres Lebens eine Datenhypothek mit sich herumschleppen zu müssen, werden sie weniger mutig. Es geht dann nicht mehr nur um die Frage, ob ich einem bestimmten Unternehmen für einen eng umgrenzten Zweck eine Verarbeitung meiner Daten bis auf Widerruf erlauben will.

Es geht dann darum, ob man sich vorstellen kann, ob der Datensatz in den Händen unbekannter Dritter in den nächsten 40 Jahren meines Lebens mir in irgendeinem Kontext zum Nachteil gereichen könnte. Allein die Möglichkeit, das Eigentum an seinen personenbezogenen Daten abtreten zu können, würde dazu führen, dass Eltern Teenagern auch nach Erreichen der Volljährigkeit noch Internetverbote geben würden. Zu ihrer eigenen Sicherheit. Ob dies dem Digitalstandort Deutschland nützen würde, ist mehr als fraglich.

Zugegeben, eine Umsetzung von Dateneigentum wäre in einer derartigen Extremausprägung unwahrscheinlich. So etwas würde niemand laut fordern. Trotzdem macht es Sinn bei Debatten um Besitz an personenbezogenen Daten und deren Weiterverkauf genau solche Szenarien im Hinterkopf zu behalten. Denn das wäre die Richtung, in die die Reise dann gehen würde.

Eigentumsrechte stellen in jeder Wirtschaftsordnung die Machtfrage. Sie definieren, was wir der Logik des Marktes überlassen wollen. Und ob es nicht auch Teile unseres Seins gibt, die wir ganz bewusst der ökonomischen Verwertungslogik entziehen wollen. Informationelle Fremdbestimmung wäre keine Innovation, sondern vielmehr ein historischer Rückschritt.

In regelmäßigen Abständen wird im politischen Berlin laut über ein Eigentumsrecht an personenbezogenen Daten nachgedacht. Mehr „Datensouveränität“ für die Bürger klingt in der Theorie zwar wunderbar, doch in der Praxis wäre das ein Desaster.

Katharina Nocun ist Ökonomin, Bloggerin und Bürgerrechtlerin und schreibt über Politik im digitalen Zeitalter. Ihre Beiträge veröffentlicht sie auf kattascha.de. Ihr Buch „Die Daten, die ich rief“ erschien 2018 im Lübbe Verlag.

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