Die Kolumnen von Katharina Nocun
Smartwatch

Nicht nur über Fitnessuhren lassen sich personenbezogene Daten erheben.

(Foto: Reuters)

Expertenrat – Katharina Nocun Setzen Sie Ihr eigenes Datenpuzzle zusammen!

Unsere personenbezogenen Informationen sind über zahlreiche Datenbanken verstreut. Es wird höchste Zeit, wieder die Kontrolle darüber zu bekommen.
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Ihr Ziel ist es, möglichst viele personenbezogene Daten aufzuzeichnen, zu analysieren und auszuwerten. Doch an der Quantified-Self-Bewegung scheiden sich die Geister: Manche sind Teil davon, andere ächten die Bewegung.

Im Namen der Selbstoptimierung erfasst die Bewegung insbesondere Körperdaten aller Art akribisch. Dank elektronischer Hilfsmittel ist die Vermessung des Körperlichen heute ein Kinderspiel. Im Namen der Gesundheit werden Schritte gemessen, der Puls überwacht und Kalorien gezählt. So mancher Mediziner ist irritiert angesichts der Messwut, die von kerngesunden Quantified-Self-Anhängern an den Tag gelegt wird.

Obwohl ein normaler Mensch nur ein Kopfschütteln für eine derartige Vermessungswut übrig hat, ist er doch eigentlich kein Stück besser. Schließlich wird sein Verhalten mindestens genauso akribisch protokolliert. Nur ist er eben nicht derjenige, der die Kontrolle über die Daten besitzt. Wir überwachen uns nicht selbst. Wir lassen uns überwachen.

Nach geltendem Recht steht jedem zu, bei Unternehmen, mit denen er in Kontakt steht, eine Kopie seiner Daten anzufordern. Kostenlos. Erstaunlicherweise macht bisher kaum jemand von diesem Recht gebraucht. Dabei ist der Informationswert eines derartigen Auskunftsersuchens immens. Ich habe dadurch beispielsweise vieles über mich gelernt.

Von Amazon habe ich eine Tabelle mit den letzten 15.365 Klicks bekommen. Zu jedem Klick gab es bis zu 50 zusätzliche Angaben: unter anderem die Produktnummer, davor und danach aufgerufene Seiten und der Standort.

Ein einziger Blick auf den eigenen Klickstream kann in vielerlei Hinsicht heilsam sein. Es wird sichtbar, wie viel Zeit man beispielsweise mit endlosen Vergleichen von Produkten verschwendet hat – um am Ende womöglich doch nichts zu kaufen. Man kann statistisch auswerten, wie viel Zeit man in der Rubrik „Alkohol“ verbracht hat und um welche Uhrzeit man am häufigsten auf Werbe-Mails klickt.

Bei den Amazon-Daten sollte man es nicht belassen. Der Datensatz eines Bonusprogramms für analoges Einkaufen, wie etwa die Deutschland-Card, ist in Bezug auf unsere Ess- und Trinkgewohnheiten äußerst aufschlussreich. So aufschlussreich, dass man damit sogar zum Psychologen gehen kann.

Anhand der Daten wird zum Beispiel sichtbar, wann Stressesser zu Chips und Pizza greifen und welche körperliche Beschwerden mit Hausmitteln behandelt wurden. Für darüber hinausgehende kreative Analysen bieten sich zahlreiche Zusatzinfos an. Bonuspunkte gibt es schließlich unter anderem für Anti-Stress-Tabletten, Schuppenshampoo, Inkontinenz-Binden, Fett-weg-Tabletten und Kondome.

Auch der Medienkonsum lässt sich vermessen. Ein Blick in den vollständigen Netflix-Datensatz zeigt nicht nur, wie viel Zeit man zu welchem Zeitpunkt mit dem Schauen mittelmäßiger Filme vergeudet hat. Denn Netflix weiß keineswegs nur, wann Action, Comedy oder Romantik angesagt war. Wann man eine Pause eingelegt oder vorgespult hat, kann beispielsweise ein Hinweis darauf sein, welche Szenen für uns besonders aufregend waren.

Die Serie oder den Film ständig zu stoppen, kann ein Hinweis auf eine Blasenentzündung sein. Und wie viel Zeit wir vor dem Bildschirm verbringen und ob wir Serien eher am Stück oder in homöopathischen Dosen schauen, gibt auf das Jahr hochgerechnet durchaus Hinweise auf den Gemütszustand oder das individuelle Suchtverhalten.

Fitness-Uhren sind nicht zwingend notwendig

Viele Quantified-Self-Jünger glauben, dass sie ein Fitness-Armband benötigen, um sich selbst zu vermessen. Doch sie irren sich. Das Smartphone reicht vollkommen. Je nach Standortfreigabe lässt sich über Facebook, Google oder auch einen anderen Dienst nachvollziehen, in welchen Kneipen ein abendliches Bier mit Freunden im Schnitt besonders lange dauert oder wie lange wir an unserem Geburtstag feiern waren. Von Interesse könnte ebenfalls die durchschnittliche Dauer des Arbeitsweges sein und wann wir wie viele Überstunden gemacht haben.

Diese Liste ließe sich noch beliebig fortsetzen. Aber ich denke das Prinzip ist deutlich geworden: Wir sind ohne es zu wollen längst Teil einer Selbstvermessungsbewegung. Social Media, Fitness-Apps, Suchmaschinen und Urlaubsportale – überall finden wir einen Teil von uns.

Zusammengesetzt lässt sich damit ein sehr genaues Bild von uns zeichnen. Anhängern der Quantified-Self-Bewegung geht es um mehr Kontrolle über den eigenen Körper. Was wir – die unfreiwillig Vermessenen – erleben, ist hingegen ein Kontrollverlust.

Denn unsere Verhaltens-Daten bekommen wir im Normalfall niemals zu Gesicht. Viele Datensammlungen finden weder bewusst noch ganz freiwillig statt. Trotzdem werden Schlüsse daraus gezogen, ob wir es wollen oder nicht.

Selbst mehr Transparenz durch Dateneinsicht könnte die Informationsasymmetrie zwischen Diensten und Nutzern nicht beseitigen. Wenn man seine Suchanfragen der vergangenen Monate auswertet, weiß man vielleicht, was man damals gedacht hat. Wenn Google Hunderte Millionen Nutzerprofile zum Vergleich heranzieht, werden hingegen Prognosen über zukünftiges Denken möglich. Das ist ein nicht unerheblicher Unterschied.

Trotz dieses bitteren Beigeschmacks kann ich jedem Nutzer nur raten: Nur Mut, Heben Sie Ihren ganz persönlichen Datensatz. Setzen Sie Ihr Datenpuzzle zusammen. Es ist schließlich ihr gutes Recht. Sie brauchen noch nicht einmal messen – die Daten sind schon längst da.

Sie werden überrascht sein, was sie über sich erfahren werden. Einen Großteil davon wollten sie wahrscheinlich gar nicht wissen. Im Anschluss erscheint die Anpassung der Datenschutzeinstellungen auch nur noch halb so mühsam. Datensparsame Alternativdienste gewinnen plötzlich an Attraktivität. Glauben sie mir. Ich spreche aus Erfahrung.

Katharina Nocun ist Ökonomin, Bloggerin und Bürgerrechtlerin und schreibt über Politik im digitalen Zeitalter. Ihre Beiträge veröffentlicht sie auf kattascha.de. Ihr Buch „Die Daten, die ich rief“ erschien 2018 im Lübbe Verlag.

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