Tijen Onaran

Expertenrat – Tijen Onaran Auch mit Smartphone kann man im Urlaub abschalten

Im Urlaub meinen viele, auf ihre digitalen Geräte verzichten zu müssen. Doch zu einem gesunden Umgang mit Smartphone und Co. gehört mehr als „Digital Detox“.
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Unsere Kolumnistin hält wenig von „digital detox“. Quelle: dpa
Urlaub mit Smartphone

Unsere Kolumnistin hält wenig von „digital detox“.

(Foto: dpa)

Die Urlaubszeit ist für viele der Zeitpunkt, sich mit dem Thema „Digital Detox“, also der „digitalen Entgiftung“ auseinanderzusetzen. Endlich ist die Zeit im Jahr gekommen, um sich aus den Fängen des Smartphones zu befreien – auch wenn das Glücksgefühl nur für wenige Wochen hält.

An dieser Sichtweise, die viele Menschen haben, ist meiner Meinung nach etwas grundlegend falsch. Darum möchte ich im Folgenden erklären, warum mein Urlaub nicht im Zeichen von „Digital Detox“ steht und warum ich es sogar genieße, Bilder von Spaziergängen am Strand bei Instagram zu posten oder entspannt auf Twitter das aktuelle Geschehen zu verfolgen.

Urlaub muss nicht heißen: Smartphone weg

Smartphone, Tablet, Laptop und Co. werden zunehmend als Suchtmittel dargestellt. Das suggeriert, dass mit diesen Geräten in der Nähe ein entspannter Urlaub unmöglich ist.

Die Rede von der digitalen Entgiftung macht jedoch überhaupt nur Sinn, wenn das Digitale als Gift erkannt wird. Diese Gleichsetzung halte ich allerdings für hochproblematisch und zutiefst ungesund.

Denn gerade durch diese Gleichsetzung wird das Problem auf die Geräte selbst verschoben. Die Aufmerksamkeit wird damit weg von uns selbst und unserem Verhalten mit diesen Geräten gelenkt.

Das Problem dabei ist folgendes: Ist der Urlaub wieder vorbei, kann unser Umgang mit dem Smartphone für den Rest des Jahres ohne Weiteres wieder so weitergehen wie bisher. „Digital Detox“ ist längst vergessen. Mein Ideal lautet daher vielmehr: Ich kann auch abschalten, wenn mein Handy an ist und Twitter läuft.

Der Alltag ist das Entscheidende

Meiner Überzeugung nach ist etwas ganz anderes entscheidend: der Alltag. Das Ziel darf nicht sein, einmal im Jahr einen auf „Digital Detox“ zu machen, um den Rest des Jahres die Überdosis auszuhalten. Was wir vielmehr brauchen ist ein gesunder Umgang mit digital vernetzten Geräten und dem Digitalen im Alltag.

Wenn ich beispielsweise in einem Meeting bin, ist das für mich eine handyfreie Zone. Auch bei Verabredungen – ganz gleich, ob beruflich oder privat – lasse ich mein Smartphone nicht auf dem Tisch liegen, sondern lautlos in der Tasche, um mich ganz auf mein Gegenüber zu konzentrieren. „Digital Detox“ kann in meinen Augen nicht effektiv sein, weil es das eigentliche Problem verschiebt und keine dauerhafte Lösung ist.

Was wir statt „Digital Detox“ dringend brauchen

Wenn wir Konzepte und Strategie wie „Digital Detox“ als Symptom für eine tiefer liegende Problematik begreifen, muss in der Konsequenz auch gefragt werden, wie nachhaltige Lösungsstrategien aussehen können. Ich glaube, dass es dabei einerseits einen persönlichen Lösungsansatz geben muss und andererseits einen strukturellen.

Persönliche Lösungsstrategien müssen dabei individuell ausgestaltet werden, sprich: Jeder muss sich selbst handyfreie Zonen oder Zeiträume schaffen. Nur so können wir einen entspannten und gleichzeitig sinnvollen Umgang mit dem Digitalen finden.

Die strukturelle Lösung muss im Gegensatz dazu viel tiefgreifender ansetzen und in der Breite der Gesellschaft wirken. Ganz zentral dabei sind die Schulen beziehungsweise die Bildung im Allgemeinen. Dabei darf der Umgang mit Geräten wie Smartphones weder dämonisiert noch sich selbst überlassen werden, in der Hoffnung, dass die nachfolgenden Generationen schon ein gesundes Verhältnis mit dem Digitalen finden werden.

Der aufgeklärte Mittelweg lautet, dass wir bei der Neugestaltung des Bildungssystems nicht nur dafür sorgen müssen, dass jede Schule ab sofort über mindestens 500 Tablets verfügt. Entscheidend wäre, dass beispielsweise auch im Unterricht ein gesunder, entspannter und sinnvoller Umgang mit diesen Geräten vermittelt wird. Konzepte wie „Digital Detox“ wären dann ein Fall für die Geschichtsbücher.

Tijen Onaran ist Unternehmerin und Speakerin. Mit startup affairs berät sie Firmen in der PR- und Öffentlichkeitsarbeit und engagiert sich mit ihrer internationalen Initiative Global Digital Women für die Vernetzung und Sichtbarkeit von Frauen in der Digitalbranche.

 

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