Tijen Onaran

Expertenrat – Tijen Onaran Die Digitalisierung droht für Deutschland zur Sackgasse zu werden

Im Bereich Digitalisierung hat sich 100 Tage nach Amtseinführung der neuen Regierung wenig getan. Das muss sich schnellstmöglich ändern – ein Weckruf.
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Weniger als ein Viertel der Lehrer in Deutschland setzt einer Umfrage zufolge täglich digitale Medien im Unterricht ein. Quelle: picture alliance/dpa
Lernen mit dem Tablet

Weniger als ein Viertel der Lehrer in Deutschland setzt einer Umfrage zufolge täglich digitale Medien im Unterricht ein.

(Foto: picture alliance/dpa)

Um es vorwegzunehmen: Die Bilanz der ersten 100 Tage, die die neue Bundesregierung im Amt ist, bietet hinsichtlich der Digitalisierung keine Überraschung. Schon im Vorfeld zeichnete sich ab, dass die Digitalisierung bei der Neuauflage der Großen Koalition keinen hohen Stellenwert haben wird.

Zwar mangelte es nicht an Lippenbekenntnissen, wie überaus wichtig die Digitalisierung sei, aber bislang folgten weder Taten noch wegweisende Impulse. Dabei wäre es für die Zukunft der deutschen Wirtschaft so wichtig, dass schnell und umfassend in die digitale Bildung und digitale Strukturen investiert würde.

Langsam gewöhnt man sich daran, dass Deutschland in Studien zum Digitalisierungsgrad zu den Schlusslichtern gehört oder sich maximal im Mittelfeld bewegt. Insofern ist das Ergebnis des jüngsten Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft, bei dem Deutschland lediglich auf Platz 14 landete, alles andere als überraschend.

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Dennoch sollte dieses Ergebnis alarmierend sein. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich trotz einiger kleiner Verbesserungen am Gesamtzustand nichts verändert. Besonders besorgniserregend ist der Blick in die deutschen ländlichen Regionen.

Diese sind nach wie vor hinsichtlich der digitalen Infrastruktur abgehängt. Das ist insbesondere für mittelständische Firmen verhängnisvoll, die sich in vielen Fällen bewusst für den Verbleib an ihren traditionellen Standorten entscheiden.

Akuter Handlungsbedarf

Zwar geht es der deutschen Wirtschaft derzeit sehr gut. Der Grund dafür ist aber bekanntermaßen nicht unbedingt, dass Deutschland digitaler Spitzenreiter ist. Ganz im Gegenteil. Gerade die Unternehmen, die bewusst an ihrer regionalen Verankerung festhalten, werden an ihrem Wachstum gehindert, weil die entsprechende digitale Infrastruktur fehlt.

Schnelles, mobiles Internet, das neue Formen der Arbeit wie Remote Working, also mobiles Arbeiten, gestattet? Auf dem Land: Fehlanzeige. Auch in den Städten genügt es oft, U-Bahn zu fahren, um offline zu gehen und Digital Detox zu betreiben.

Politische Institutionen und öffentliche Verwaltung sind zu oft in ihren eigenen Strukturen gefangen. Gerade jetzt, wo es dringend nötig wäre, drei oder vielleicht sogar zehn Schritte voranzugehen, höre ich bei Diskussionen oder auf Panels immer wieder, dass jetzt aber zunächst der Zeitpunkt wäre, erst einmal einen Schritt zurückzutreten, um die Situation als Ganzes zu betrachten.

Auch wenn diese Metapher den guten Vorsatz zum Ausdruck bringt, die Dinge richtig machen zu wollen, ist jetzt beim besten Willen nicht der Zeitpunkt gekommen, die Langsamkeit neu zu entdecken. Gerade wenn die Strukturen, die es zu verändern gilt, schwerfällig sind, muss es jetzt zügig vorangehen.

Ein weiterer Grund, der immer wieder genannt wird, ist der Mangel an Fachkräften, die innovative Ideen einbringen und die Organisationen voranbringen. Der weiter oben genannte Index zum „Digital Single Market“ belegt dies und prognostiziert sogar, dass sich dieser Mangel in den kommenden Jahren noch verstärken und in Deutschland negativ auswirken kann.

Darum müssen dringend Gegenmaßnahmen ergriffen werden, die am besten sofort wirken. Eine Möglichkeit dem Fachkräftemangel zu begegnen, sind Bildungsmaßnahmen für die Mitarbeiter. Das gesamte Bildungssystem muss aber auch ganz grundsätzlich stärker auf die digitale Zukunft umgestellt werden.

Ständig online – nur die Bildung bleibt analog

Einerseits sind sich alle einig, dass die Digitalisierung nahezu jeden Bereich unseres Lebens betrifft. Andererseits stellt sich dann die Frage, warum kein digitales Know-how nötig ist, um Lehrer zu werden. Wenn es an Universitäten entsprechende Angebote gibt, sind diese in der Regel nicht verpflichtend.

Wir müssen uns dringend der Frage stellen, wie sich beispielsweise digitale Medien und Tools sinnvoll im Unterricht einsetzen lassen. Im Moment setzt nur weniger als ein Viertel der Lehrer laut einer Umfrage unter mehr als 5000 Lehrkräften täglich digitale Medien im Unterricht ein.

Zwar stimmt es, dass die Digital Natives keine Berührungsängste mit neuen Technologien und digitalen Medien haben und diese als selbstverständlich annehmen.

Das ist aber nicht gleichbedeutend mit dem Wissen, wie sie später digitale Medien und Techniken produktiv im Berufsleben einsetzen. Wenn sich in diesem Bereich nicht schnell etwas ändert, laufen wir Gefahr, dass gerade die Generation in Zukunft benachteiligt wird, bei der dies am wenigsten so sein müsste.

Dabei sind nicht alle Anstrengungen, die von den aktuell Verantwortlichen unternommen werden, per se schlecht. Das „Innovation Council“, das die Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär, ins Leben gerufen hat, ist eine gute Idee, um Politik und Wirtschaft stärker zusammenzubringen. Der Erfolg von Initiativen wie diesen muss aber letztlich daran gemessen werden, was konkret umgesetzt wird und vor allem daran, wie schnell dies gelingt.

Arbeitskreise allein werden an der aktuellen Situation nichts verändern. Dass es nach wie vor kein eigenes Digital-Ministerium gibt, ist mehr als bedauernswert. Denn wir müssen jetzt handeln, damit die Digitalisierung für Deutschland nicht zur Sackgasse wird.

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